ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Psycho-Boom: Alle entdecken die Seele

POLITIK: Kommentar

Psycho-Boom: Alle entdecken die Seele

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 153

Remschmidt, Helmut

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Prof. Dr. med. Dr. Helmut Remschmidt, Kinder- und Jugendlichenpsychiater
Prof. Dr. med. Dr. Helmut Remschmidt, Kinder- und Jugendlichenpsychiater

Wer heute psychisch krank wird oder einen Familienangehörigen hat, der an Angstzuständen, Depressionen oder Zwängen leidet, der gerät in eine schwierige Situation. Nicht nur, weil seelische Krankheit eine große Belastung bedeutet, sondern auch, weil er sich einer Vielzahl von Helfern gegenübersieht, die ihm ihre Dienste anpreisen und deren Therapiemethoden kaum ein Insider mehr voneinander unterscheiden kann. Denn es wird viel geboten: Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie, autogenes Training, Gestalttherapie, Bioenergetik, Selbsterfahrung, Transaktionsanalyse, biorhythmische Behandlung, Alpha-Tiefenentspannung, Rebirth-Meditation, Hypnose, verschiedene Formen der Gruppen- und Familientherapie. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wenn er betucht ist und nicht ganz schwer krank, so kann er sich aussuchen, wo diese Behandlung stattfindet: im Rahmen eines Workshops in Südfrankreich, in einem Sommer-Kibbuz in Norwegen, in einer Intensivgruppe auf Santorini, auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer oder auch im Rahmen eines Urlaubs irgendwo, freilich unter erfahrener psychotherapeutischer Leitung.

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Ist er so schwer krank, dass eine Behandlung in so angenehmer Umgebung ausscheidet, so wird es für ihn nicht leichter, den „richtigen Therapeuten“ zu finden. Denn er hat gelesen, dass es zahlreiche Therapeuten gibt: zunächst verschiedene Ärzte, Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater, Fachärzte für psychosomatische Medizin, Neurologen, Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie oder Psychoanalyse, Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Soziotherapeuten, Milieutherapeuten, ausgebildete oder nicht ausgebildete Psychotherapeuten verschiedenster Ausrichtung. Die Bezeichnung Psychotherapeut ist ja nicht geschützt.

Ist er so schwer krank, dass er verwirrt ist oder, wie es in den Unterbringungsgesetzen heißt, „dass er sich selbst oder andere gefährdet“, so reduziert sich plötzlich die Vielfalt der möglichen Therapien und der Therapeuten, und er wird von seinem Hausarzt in das nächstgelegene psychiatrische Krankenhaus mit Versorgungsauftrag eingeliefert, das verpflichtet ist, ihn aufzunehmen und zu behandeln. Gegenüber diesem Krankenhaus entlädt sich dann oft die Empörung der Familie, der Nachbarn, und oft manch anderer Therapeuten, die mit dem Patienten „stark mitfühlen“, der jedoch aufgrund der Schwere seines Krankheitsbildes leider ihre Behandlungsmöglichkeiten überschreitet. So entsteht die paradoxe Situation, dass gerade dann, wenn die Not am größten ist, die Helfer fehlen. Sie sind nicht sichtbar, nicht zuständig oder weit entfernt, zum Beispiel auf Santorini. Stattdessen wird aber jenen Krankenhäusern, die die harte Arbeit der Erst- und Primärversorgung leisten, ständig geraten, was sie tun sollen. Vielfach wird den Mitarbeitern psychiatrischer Krankenhäuser auch Supervision von außen angeboten, von Kollegen, die die alltägliche Arbeit nicht oder nicht mehr kennen. Sie werden auf zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht, die viel Geld kosten und die häufig mit ihrer täglichen Arbeit kaum etwas zu tun haben.

Wir leben in einer Zeit des Psycho-Booms, in einer Zeit, in der jeder die Seele entdeckt hat, in einer Zeit, in der sehr Viele Therapeuten sein wollen, auch Angehörige wichtiger Berufe wie Krankenschwestern und Pfleger, Pädagogen, Sonderpädagogen oder Sozialarbeiter, die eigenständige Aufgaben in ihrem gelernten Arbeitsfeld zu erfüllen haben. Man muss sich fragen, woher diese Werteverschiebung kommt: die Entwertung vieler traditioneller und wichtiger Berufe und die Aufwertung aller Tätigkeiten, die sich mit der Bezeichnung Therapie oder Psychotherapie zieren. Man kann diese Entwicklung sicherlich nicht nur als Mode abtun. Die zahlreichen Helfer, die auffällig und unverhohlen für sich werben, erzeugen sicher auch einen Bedarf, kommen aber ebenso auch Bedürfnissen entgegen. Die arbeitsteilige Welt, die Reduktion der Familie auf die Kernfamilie von Eltern und Kindern, Lebensabschnittspartnerschaften, die Entwertung religiöser Bindungen, die Verdünnung zwischenmenschlicher Beziehungen, die hohen sozialen Ansprüche, auch die technische Entwicklung haben zu einer Art neuer Bekenntnisfreude geführt. Bei dieser Dominanz der Selbstbezogenheit gehört es dazu, sich selbst zu beobachten, über Symptome zu klagen, zu bekennen, dass man Angst hat, an Arbeitsstörungen leidet und sich deshalb nicht weiterentwickeln kann. Das Ganze geschieht, jedenfalls bei vielen, in einer Situation materiellen Abgesichertseins. Diese Einstellung wird einem dann auch täglich von den vielen Helfern bestätigt: Allgemeine Lebensprobleme werden zu Krankheiten gemacht, Schwierigkeiten, an denen man wachsen kann, werden zu Behandlungsfällen.

Was wir brauchen, ist wieder die Zusammenführung erprobter Therapiemaßnahmen und die Ausgliederung jener, für die es keinerlei Wirksamkeitsnachweise gibt. Was wir brauchen, ist eine ärztliche Ausbildung, die notwendiges Spezialwissen und die Verpflichtung zur Übersicht zu vereinbaren weiß.

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martinklett
am Mittwoch, 10. April 2013, 22:43

PSycho-Boom

Herr Remschmidt äußert sich zur Qualität der Psychotherapie und der Qualifikation von Psychotherapeuten leider wenig fachkundig. Er stellt wissenschaftlich anerkannte, sozialrechtlich zugelassene und weitere, nicht wissenschaftlich anerkannte Therapieverfahren undifferenziert in eine Reihe, um sich dann über diesen „Psycho-Boom“ auszulassen, bei dem angeblich jeder, der sich dazu berufen fühlt, Psychotherapie anbieten und durchführen kann, der Titel „Psychotherapeut“ sei ja nicht geschützt!
Sollte Herr Remschmidt, anerkannter Fachmann in Sachen Psychotherapie nicht mitbekommen haben, dass die Bezeichnung „Psychotherapeut“ seit in Kraft treten des Psychotherapeutengesetzes 1999 geschützt ist? Das ist kaum vorstellbar.
Schwer erträglich ist auch sein Tenor, Psychische Krankheiten teilweise als Ausdruck einer „Bekenntnisfreude“ und „Dominanz der Selbstbezogenheit“ zu bezeichnen.
Nach Beschreibung der von ihm so ausgemachten Missstände fordert er dann „die Zusammenführung erprobter Therapiemaßnahmen und die Ausgliederung jener, für die es keinerlei Wirksamkeitsnachweise gibt.“ Sollte an Herrn Remschmidt auch vorbeigegangen sein, dass es seit dem Psychotherapeutengesetz einen wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie gibt, der über die wissenschaftlich Anerkennung von Psychotherapieverfahren befindet und einen gemeinsamen Bundes­aus­schuss, der über die sozialrechtliche Anerkennung von Therapieverfahren entscheidet, nachdem er auch die wissenschaftliche Fundierung sehr gründlich prüft?
Sein abschließender Satz „was wir brauchen, ist eine ärztliche Ausbildung, die notwendiges Spezialwissen und die Verpflichtung zur Übersicht zu vereinbaren weiß“ ist ein Affront an die mit dem Psychotherapeutengesetz 1999 in das System der kassenärztlichen Versorgung integrierten Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten: eine qualifizierende Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung kann demnach nur eine ärztliche sein.
Martin Klett, Vizepräsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg

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