ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2013Hamburg: Vom Michel zu Fuß nach Portugal

KULTUR

Hamburg: Vom Michel zu Fuß nach Portugal

Dtsch Arztebl 2013; 110(15): A-728 / B-638 / C-638

Schiller, Bernd

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Foto: picture alliance
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Sankt Michaelis ist die schönste Barockkirche des Nordens und ein Leuchtturm des Glaubens hoch über dem Hamburger Hafen.

Horst Huhn und Josef Thöne sind wenig bekannte, aber wahrhaft hochgestellte Persönlichkeiten. Ihr Arbeitsplatz liegt gut hundert Meter über dem Wasser, im Türmerboden von Sankt Michaelis. Die Herren sind Turmbläser auf dem Hamburger Michel. Jeden Morgen, jeden Abend und bei jedem Wetter wärmen sie Seeleuten und St. Paulianern, Bürgern und Besuchern das Herz, wenn sie ihre Choräle mit Inbrunst in alle vier Himmelsrichtungen trompeten.

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Wahrzeichen einer Weltstadt: Nur vom Schiff aus kann man das eindrucksvolle Panorama von Landungsbrücken und Michel genießen. Foto: dapd
Wahrzeichen einer Weltstadt: Nur vom Schiff aus kann man das eindrucksvolle Panorama von Landungsbrücken und Michel genießen. Foto: dapd

Huhn und Thöne füllen eine Institution aus, die an dieser Kirche seit mehr als 300 Jahren gepflegt wird. Julia Atze hingegen ist erst seit zwei Monaten im Amt. Sie ist Pastorin, die erste in der Geschichte dieses Gotteshauses, die ins Jahr 1606 zurückreicht. Julia Atze ist eine Frohnatur mit dem Gardemaß von 1,87 Meter und hat gleich nach ihrer ersten Predigt mit den Vorbereitungen zum Kirchentag begonnen. Bei diesem Treffen von mehr als 100 000 evangelischen Christen Anfang Mai wird Hamburgs Wahrzeichen im Zentrum zahlreicher Veranstaltungen stehen.

„Der Michel hat mich begleitet, seit ich denken kann“, sagt die 40-jährige Hamburgerin. Im Büro trägt sie Jeans und Pulli, im Gottesdienst Talar und am Hals das Beffchen, den weißen „Mühlenrad-Kragen“ aller hamburgischen Pastoren. Wenn sie Freunden oder Besuchern „ihre“ Kirche zeigt, blickt sie am liebsten von der Südempore aus auf Altar, Kanzel, Chor und die Orgeln.

Der Michel gilt zu Recht als die schönste Barockkirche des Nordens. Der Innenraum, licht und hell in Weiß und Gold gehalten, ist schlicht und zugleich festlich – gediegen heißt diese Kombination in Hamburg. Die korinthischen Pfeiler, die historischen Kandelaber, die Bänke aus Teakholz, das alles atmet Stil. Zweimal, 1750 und 1906, ist die Kirche abgebrannt, bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde sie stark beschädigt. Vor etwa 20 Jahren musste das Kupferdach des Turms komplett renoviert werden. Und jedes Mal haben die Hamburger den Wiederaufbau und alle notwendigen Reparaturen großzügig mit Spenden unterstützt.

Ganz oben: Der Turm, 132 Meter hoch, zeigt schon wieder erste Anzeichen des altvertrauten Grüns. Die Seeluft färbt das Kupfer schneller als anderswo. Die Uhr, die größte ihrer Art in Deutschland, zeigt weithin sichtbar an, was die Stunde geschlagen hat, der große Zeiger misst fünf, der kleine 3,60 Meter. Wer sich die 453 Stufen zur Aussichtsplattform in 82 Meter Höhe ersparen will, nimmt den Fahrstuhl.

Ganz unten: Die Krypta von St. Michaelis stammt aus dem Jahr 1750. Sie birgt 2 500 Gräber, darunter das des Michel-Baumeisters Ernst Georg Sonnin und des Musikers Carl Philipp Emanuel Bach, des berühmtesten Sohnes von Johann Sebastian.

Breite Stufen führen von der Kirche direkt ins Portugiesenviertel, ein Quartier von gut zwei Dutzend iberischer Lokale und Tapas-Bars. Die Entradas, die Vorspeisen, sind die besten nördlich von Porto, der Fisch ist in der Regel frisch und nach heimischem Rezept zubereitet. Die Atmosphäre ist südlich-heiter, die Preise aber längst eingenordet. Noch immer leben in diesem Viertel vorwiegend „kleine“ Leute, noch immer lassen sich in der Reimarus- oder in der Ditmar-Koel-Straße und unten am Johannisbollwerk Schnäppchen machen: Kitsch, Kunst und Souvenirs – Hans Albers lässt grüßen.

Von hier aus sind die wichtigsten Attraktionen an der Hafenmeile schrittweise zu erreichen: die Landungsbrücken, der Fischmarkt (der sonntags immer dann endet, wenn gegen zehn Uhr die Glocken des Michel anfangen zu läuten), die historischen Bürgerhäuser, die Speicherstadt, die immer noch wachsende Hafencity und natürlich die Elbphilharmonie, die schöne Unvollendete.

Bernd Schiller

@www.st-michaelis.de

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