ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2013Interview mit Dr. med. Andreas Köhler, dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Wir wollen den regelmäßigen Dialog mit der ärztlichen Basis“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Andreas Köhler, dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Wir wollen den regelmäßigen Dialog mit der ärztlichen Basis“

Dtsch Arztebl 2013; 110(15): A-694 / B-610 / C-610

Maus, Josef; Stüwe, Heinz

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Andreas Köhler über die enorme Resonanz auf die bundesweite Umfrage zur Zukunft des Sicherstellungsauftrages und das, was daraus folgen soll

Andreas Köhler ist seit Januar 2005 hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Foto: Georg J. Lopata
Andreas Köhler ist seit Januar 2005 hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Foto: Georg J. Lopata

Herr Dr. Köhler, die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat kürzlich die Ergebnisse der bundesweiten Befragung aller Vertragsärzte und Psychologischen Psychotherapeuten zur Zukunft des Sicherstellungsauftrags veröffentlicht. Wie fällt denn Ihr persönliches Fazit aus?

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Köhler: Zunächst bin ich sehr überrascht und erfreut über das riesige Echo auf unsere Befragung. 80 000 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologische Psychotherapeuten haben geantwortet, 20 000 haben sich sogar die Mühe gemacht und über die angekreuzten Antworten hinaus ausformulierte Anmerkungen und Hinweise gegeben. Wir können sagen, dass wir mit den Diskussionen, die wir führen, und den Themen, an denen wir arbeiten, richtig liegen. Die Antworten bestätigen das.

Hatten Sie Sorge falschzuliegen?

Köhler: Sich als sogenannte Funktionäre mal die Frage zu stellen, ob wir wirklich wissen, was an der Basis passiert, und ob wir mit unseren Diskussionen in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung überhaupt das treffen, was die Basis will, kann kein Fehler sein. Die enorme Beteiligung an der Umfrage hat uns aber auch gezeigt, dass die Ärztinnen und Ärzte in der Praxis sehr wohl ein Interesse an dem haben, was wir tun. Ein viel stärkeres Interesse, als wir eigentlich immer vermutet haben.

Was fordern die Ärztinnen und Ärzte?

Köhler: Zwei Anliegen treten ganz deutlich zutage: Neben einer kalkulierbaren, sicheren wirtschaftlichen Situation der Praxis steht die Frage nach der Selbstbestimmung in der ärztlichen Tätigkeit ganz weit oben. Die Einmischung der Krankenkassen in das Arzt-Patient-Verhältnis, das Einmischen in Fragen der persönlichen Qualifikation, das wird als störend und belastend empfunden. Die Kollegen wollen sichere Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und mehr Selbstbestimmung im ärztlichen Handeln. Also nichts anderes als das, was in dem historischen Pakt zum Sicherstellungsauftrag für die ambulante ärztliche Versorgung zwischen Krankenkassen und Ärzten vereinbart war.

Aber wie wollen Sie dem Verlust an ärztlicher Autonomie begegnen?

Köhler: Wir haben ein Berufsrecht, ein Berufsausübungsrecht, ein Weiterbildungsrecht. Das sind die Anker der ärztlichen Tätigkeit. Insbesondere bei den persönlichen Qualifikationsvoraussetzungen hat man sich in den letzten zehn Jahren vom Weiterbildungs- und Berufsrecht konsekutiv entfernt. Heute gibt es eigenständige Normen im Sozialgesetzbuch V wie etwa die Qualitätssicherungsmaßnahmen, und es gibt Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. Wir haben schon vor Jahren mit Analysen begonnen, wie und in welchem Umfang das abweicht. Und wir können vieles besser machen, indem wir wieder sehr viel stärker auf das Weiterbildungsrecht und auf die Fachkunderichtlinien der Bundes­ärzte­kammer abstellen.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Wir haben sehr viele Hinweise und Anmerkungen in dieser Hinsicht, und ich kann das gut nachvollziehen. Wenn man da ansetzt, bei der Frage, was ist Qualifikation, Qualitätssicherung und Qualitätsförderung, dann ist man schon ganz nah an der Frage nach der ärztlichen Selbstbestimmung. Ebenso bei der Therapiefreiheit: Die Angst vor Regressen, die Rabattverträge und die vielfältige Arzneimittelsteuerung vermitteln dem Arzt nicht das Gefühl, Therapiefreiheit zu haben und das Beste für seinen Patienten tun zu können.

Nun sind ja die Ergebnisse der Befragung in ein umfangreiches Positionspapier eingeflossen, das die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung kürzlich verabschiedet hat. Wie geht es weiter?

Köhler: Mit diesem Positionspapier wollen und werden wir in der Öffentlichkeit, vor allem aber in der Gesundheitspolitik eine zielgerichtete Diskussion initiieren. Wir haben Meilensteine definiert, die wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben wollen. Was die Basis will und worin wir sie unterstützen, muss aber letztlich in eine Gesetzgebung münden, um tatsächlich Fortschritte in der gewünschten Richtung zu erzielen. Ganz klar: Wir verknüpfen damit eine konkrete Erwartungshaltung sowohl in der gemeinsamen Selbstverwaltung als auch mit Blick auf die Gesetzgebungsverfahren.

Das wird kaum von heute auf morgen zu realisieren sein.

Köhler: Das ist uns bewusst. Ebenso wissen wir, dass wir die Zwischenschritte in diesem Zielerreichungsprozess an die ärztliche Basis zurückspiegeln müssen. Wir werden – ausgehend von unserem Fünfjahresplan – in einen regelmäßigen Dialog mit der ärztlichen Basis, mit den Ärzten und den Psychologischen Psychotherapeuten treten. Wir werden öffentlich kommunizieren: Was haben wir erreicht und was nicht?

Was passiert, wenn diese Bilanz negativ ausfällt?

Köhler: Wir haben den festen Willen, die Rahmenbedingungen der ambulanten ärztlichen Tätigkeit im Sinne der vorgebrachten Forderungen zu verbessern. Wenn das in dem gesteckten Zeitrahmen nicht gelingt, dann müssen und werden wir die Grundsatzfrage erneut stellen. Nämlich die Frage, ob die Vertragsärzte und -psychotherapeuten unter den gegebenen Umständen den Sicherstellungsauftrag weiter wahrnehmen wollen. Oder ob wir diesen Auftrag an den Gesetzgeber zurückgeben sollen.

In dem Positionspapier schlagen Sie Wahltarife in Verbindung mit der Kostenerstattung vor. Warum?

Köhler: Ein weiteres wesentliches Ergebnis der Befragung ist, dass immer mehr Ärzte sagen: Wir haben nicht ausreichend Zeit für den Patienten. Die Kollegen klagen auch in den Freitextantworten über die „Minutenmedizin“. Schauen Sie sich an, wie viele Arzt-Patienten-Kontakte es gibt. Schauen Sie sich die Diskussion um Wartezeiten an. Die Frage ist: Wie können wir das lösen? Die Zeit des Arztes ist nicht beliebig ausdehnbar. Die Kollegen arbeiten jetzt schon im Schnitt 52 Stunden pro Woche, in unterversorgten Regionen 60 Stunden und mehr. Und wenn man in Regionen mit einer geringen Facharztdichte durchschnittlich Wartezeiten auf einen Termin von 16 Tagen hat und gleichzeitig in den Nachwuchsmangel kommt, dann kann man nur versuchen, die Kontaktfrequenz so zu steuern, dass am Ende mehr Zeit für den einzelnen Patienten bleibt.

Und die Wahltarife könnten das?

Köhler: Ja, und dabei haben wir einen auch für mich überraschenden Konsens zu dem Wahltarif gefunden, bei dem der Zugang zur fachärztlichen Versorgung bei Erhalt der freien Arztwahl über den Hausarzt erfolgen soll. Wer einen solchen Tarif wählt, akzeptiert die Steuerung und schafft damit mehr Freiräume, weil der Facharzt auf der einen Seite mehr Zeit für den Patienten hat und andererseits auch früher einen Termin vergeben kann. Er schafft auch eine verbesserte Koordinationsfunktion des Hausarztes.

Und wenn der Versicherte das nicht möchte?

Köhler: Dann kann er einen Tarif wählen, bei dem die Konsultation des Facharztes über Kostenerstattung läuft, oder er wählt den dritten Tarif, der den Zugang zum Haus- und Facharzt im Sachleistungssystem vorsieht. Dafür müsste der Versicherte dann aber einen Zusatzbeitrag an seine Krankenkasse entrichten.

Warum sollte die Politik dem folgen?

Köhler: Weil dieses Modell eine deutlich bessere Steuerung der Inanspruchnahme von Ärzten verspricht und weil daraus auch eine bessere Wirtschaftlichkeit folgt. Wir haben hier eine Kombination aus Steuerung der Inanspruchnahme und aus Eigenverantwortung. Das entspricht doch auch dem Wunsch des Versicherten nach mehr Patientensouveränität.

Und lassen Sie mich hier auch mal sagen: Wir lernen natürlich aus den Ergebnissen der Selektivverträge. Die hausarztzentrierte Versorgung hat auch eine Steuerung als Kernkomponente. Wir haben immer gesagt, wenn etwas eine Versorgungsverbesserung darstellt, dann wollen wir das in den Kollektivvertrag übernehmen. Diese Diskussion hat jetzt stattgefunden.

Das Interview führten Josef Maus und Heinz Stüwe.

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