ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2013Darmkrebsvorsorge: KBV plädiert für gezielte Ausweitung

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Darmkrebsvorsorge: KBV plädiert für gezielte Ausweitung

Dtsch Arztebl 2013; 110(15): A-703 / B-617 / C-617

Tenckhoff, Bernhard

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Die Analyse von Polypektomien bei kurativen und präventiven Koloskopien zeigt nach Auffassung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass auch Versicherte unter 55 Jahren von Darmkrebs-Früherkennungsmaßnahmen profitieren können.

Der Stellenwert von Darmkrebs-Früherkennungsleistungen und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Teilnahmeraten an Darmkrebs-Früherkennungsuntersuchungen werden immer wieder diskutiert. Hierbei wurde bisher der Blick vor allem auf die jährlichen Inanspruchnahmeraten der präventiven totalen Koloskopieuntersuchung als Indikator für die Effektivität der Bewerbung der Früherkennungsleistungen gelenkt (circa zwei Prozent per annum). Daneben tragen Leistungen wie die Untersuchung des Stuhls auf Blut ebenfalls zur Früherkennung bei, indem bei einem positivem Befund (Blut ist im Stuhl nachweisbar) sich eine sogenannte kurative Koloskopie anschließt.

Auch bei aus anderen Gründen indizierten und durchgeführten kurativen Koloskopien wird der Darm nicht nur „nebenbei“ auf Anzeichen von Darmkrebs beziehungsweise Darmkrebsvorstufen hin untersucht. Zugleich werden aufgrund präventiver Aspekte Abtragungen von Polypen durchgeführt. Insgesamt entfallen mehr als 72 Prozent aller ambulant durchgeführten Polypektomien auf kurative Koloskopien. Die Inanspruchnahme kurativer Koloskopien sollte daher bei der Betrachtung und Bewertung berücksichtigt werden.

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Ärztliches Beratungsgespräch

Aus Sicht des Patienten sind sowohl das Spektrum der Maßnahmen als auch der Zeitrahmen, in dem er sich mit Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung auseinandersetzt, jedoch erheblich breiter gefächert. In der Regel finden die ersten Berührungspunkte mit dem Thema Darmkrebs-Früherkennung beim ärztlichen Beratungsgespräch statt. Hierbei werden dem Patienten neben der präventiven Koloskopie ab dem Alter von 55 Jahren auch Leistungen zur Untersuchung von okkultem Blut im Stuhl erläutert.

Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)
Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)
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Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)

Nach den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen haben die Vertragsärzte in den Jahren 2007 bis 2011 bundesweit mehr als zehn Millionen Beratungsgespräche mit gesetzlich Krankenversicherten über 55 Jahre zur Darmkrebs-Früherkennung geführt. Allein 2007 fanden 2,6 Millionen Gespräche statt. Damit erhielten in dem Jahr etwa elf Prozent der über 55-Jährigen eine Beratung. Von ihnen ließen sich knapp drei Viertel (73 Prozent) in den folgenden Jahren – bis 2011 – präventiv (Stuhltest oder Koloskopie) oder kurativ (Koloskopie) untersuchen. Dabei hatten sich allerdings nur sieben bis acht Prozent für eine Früherkennungskoloskopie entschieden.

Die insgesamt aber bemerkenswert hohe Zahl derer, die nach einer Beratung eine Früherkennungsuntersuchung in Anspruch genommen haben, spricht für die Wirksamkeit der ärztlichen Beratung. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass Patienten eine gewisse Zeit beziehungsweise eine erneute Beratung benötigen, um sich zu entscheiden.

Mehr Frauen als Männer

Insgesamt wurden, wie bei vielen vorsorgenden Gesundheitsleistungen, mehr Frauen als Männer zu Darmkrebs beraten und mit Hilfe von Früherkennungsleistungen (Blut im Stuhl oder präventiver Koloskopie) untersucht. Es sollte daher gezielt nach Wegen gesucht werden, vermehrt Männer auf die gesundheitliche Vorsorge im Allgemeinen und auf die Darmkrebs-Früherkennung im Besonderen anzusprechen. Dies könnte zum Beispiel im Rahmen von betrieblichen Gesundheitsfortbildungsmaßnahmen (möglicherweise auch direkt in den Unternehmen) durch Vertragsärzte erfolgen.

Ebenfalls positiv zu bewerten ist der bisherige Gesamteffekt der Darmkrebs-Früherkennungsleistungen. Betrachtet man – unter Hinzuziehung von Daten aus der Begleitforschung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland zur Einführung der präventiven Koloskopie der Jahre 2003 bis 2006 – die kumulative Inanspruchnahme von präventiven und kurativen Koloskopien über neun Jahre (bis Ende 2011), so kann abgeschätzt werden, dass mehr als 40 Prozent der Versicherten, die 2011 zwischen 55 und 74 Jahre alt waren, eine ambulante Koloskopieleistung (präventiv oder kurativ) erhalten haben. In der Altersgruppe zwischen 65 und 69 Jahren waren es sogar deutlich über 50 Prozent.

Betrachtet man zugleich die durchgeführten Polypektomien, lässt sich erkennen, dass kurative Koloskopien mit einem durchschnittlichen Polypektomieanteil von elf Prozent ebenfalls erheblich zur Senkung des individuellen Darmkrebsrisikos beitragen. Aufgrund des breiten Indikationsspektrums für kurative Koloskopien überrascht es nicht, dass der Polypektomieanteil bei präventiven Koloskopien mit mehr als 13 Prozent sogar noch etwas höher liegt.

In der Analyse der Altersverteilung zeigt sich, dass bei 50- bis 55-jährigen Versicherten in mehr als zehn Prozent der kurativen Koloskopien Polypektomien vorgenommen werden. In der Altersgruppe der 45- bis 49-Jährigen sind es knapp neun Prozent der Fälle. Polypektomien werden dabei in allen Altersgruppen bei Männern häufiger vorgenommen als bei Frauen.

Welche Thesen können aus den vorgenommenen Analysen abgeleitet werden?

  • Die Erweiterung der Analyse von Früherkennungsleistungen – über die jährliche Inanspruchnahmerate der präventiven Koloskopie hinaus – ermöglicht eine, bezogen auf Zeitrahmen und Maßnahmen, differenziertere Betrachtung. Dabei kann abgeleitet werden, dass infolge des ärztlichen Beratungsgespräches zur Darmkrebs-Früherkennung (in einem Beobachtungszeitraum über fünf Jahre) ein großer Anteil der Patienten eine Früherkennungsmaßnahme (oder eine kurative Koloskopie) wahrnimmt.
  • Die individuelle Selbstbestimmung des Patienten bezüglich der Entscheidung für oder gegen eine Früherkennungsmaßnahme muss in jedem Fall respektiert und die informierte Entscheidung durch ärztliche Beratung gefördert werden.
  • Offensichtlich benötigen Patienten einen gewissen Zeitrahmen und mitunter auch eine wiederholte Beratung, um sich für eine angebotene Maßnahme zu entscheiden.
  • Für eine Erweiterung des Altersfensters für Früherkennungsangebote sprechen auch die im Rahmen von kurativen Koloskopien durchgeführten Polypektomien bei Patienten unterhalb der aktuellen Anspruchsgrenze von 55 Jahren.

Fazit: Durch einen früheren Beginn der Beratung (möglicherweise auch außerhalb des Praxissettings) und durch vorgezogene Angebote von Früherkennungsmaßnahmen könnten die übergeordneten Ziele deutlich besser erreicht werden: nämlich dass mehr Patienten die Leistungen zur Früherkennung in Anspruch nehmen und damit weniger Patienten an einer Darmkrebserkrankung sterben.

Dr. med. Bernhard Tenckhoff
Kassenärztliche Bundesvereinigung

Früherkennungsprogramm ab 50

Die Darmkrebs-Früherkennung beginnt bei Männern und Frauen ab dem Alter von 50 Jahren. Zum Früherkennungsprogramm, das von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird, gehören neben der Beratung der Okkultbluttest und die präventive Koloskopie.

  • Ab 50 Jahren : Beratung beim Arzt über Ziel und Zweck des Darmkrebs-Früherkennungsprogrammes jährlich: Test auf okkultes Blut im Stuhl (EBM-Nummer 01734)
  • Ab 55 Jahren: zweite Beratung über Ziel und Zweck des Darmkrebs-Früherkennungsprogrammes (EBM-Nummer 01740) Koloskopie, nach zehn Jahren: zweite Darmspiegelung (EBM-Nummer 01741) oder alle zwei Jahre: Test auf okkultes Blut im Stuhl

Mit Hilfe der Beratung soll es jedem Versicherten ermöglicht werden, eine individuelle Entscheidung für oder gegen eine Untersuchung zu treffen. Übrigens: Die zweite Beratung wird von den gesetzlichen Krankenkassen extrabudgetär vergütet. Sie kann einmal abgerechnet werden und sollte möglichst kurz nach dem 55. Geburtstag stattfinden. Die Beratung dürfen Vertragsärzte durchführen und abrechnen, die Leistungen zur Krebsfrüherkennung erbringen.

Erkennen und verhindern

Darmpolypen sind in frühen Stadien meist gutartig, doch nicht selten entwickelt sich daraus ein bösartiger Tumor. Etwa sieben Prozent der Adenome entarten im Laufe der Zeit. Werden sie rechtzeitig entfernt, lässt sich Krebs verhindern. Die meisten ambulant durchgeführten Polypektomien erfolgen bei einer Koloskopie, 72 Prozent während einer kurativen Darmspiegelung. Aber auch bei den präventiven Untersuchungen werden nicht selten Polypen entfernt, in der Altersgruppe der 55- bis 80-Jährigen zum Beispiel bei etwa jedem siebten Patienten. Die Koloskopie ist damit die einzige Früh­erkennungs­unter­suchung, mit der ein Tumor nicht nur früh entdeckt, sondern auch verhindert werden kann.

Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)
Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)
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Polypektomieraten bei kurativen und präventiven Koloskopien (Daten aus dem Jahr 2011)

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