ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2013Pflegebedürftige: Oft wird der Arzt zu spät geholt
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Ich finde dieses Thema sehr wichtig, und es gibt sicher sehr viel Nachholbedarf durch uns Hausärzte, für bestimmte Situationen mit dem Patienten/Betreuer/Bevollmächtigten getroffene Vorausbestimmungen in den Unterlagen des Pflegeheims zu dokumentieren (um zum Beispiel dem Fall 2 ähnlichen Fällen vorzubeugen).

Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass gut qualifiziertes Personal in den Heimen nicht selbstverständlich ist. Ich möchte deshalb hier nur einige Beispiele aus den letzten vier Jahren aus meinem Erleben als Hausarzt und Kassenärztlicher Notdienst schildern, die darstellen, dass in vielen Fällen der Arzt heute noch zu selten/zu spät oder nicht auf der richtigen Eskalationsstufe eingeschaltet wird:

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  • Eine multimorbide/bettlägerige/schwer demente Patientin hat plötzlich samstags einen kalten Unterschenkel. Die erste Arztinformation geht montags morgens an den Hausarzt. Die Nekrosen, die durch den akuten arteriellen Verschluss entstehen, betreffen glücklicherweise nur einzelne Abschnitte der Wade und Ferse und sind ohne Extremitätenverlust innerhalb von circa sechs Monaten abgeheilt.
  • Eine mittelgradig demente/rollstuhlmobile/multimorbide Patientin, die aber noch ein reges Sozialleben hat, erhält an einem Sonntagabend einen Gips bei Radiusfraktur in der Notaufnahme. Vier Tage später trifft hierüber per Post die erste Information beim Hausarzt ein, der dann nach 96 Stunden die Gipskontrolle, die nach 24 Stunden stattzufinden hat, nachholt. Im Heim schiebt man alles auf den Krankenhausarzt, der hätte nicht noch mal Bescheid gegeben. Offensichtlich ist dort nichts von einer Standard-Gipskontrolle nach 24 Stunden bekannt.
  • Ein immer wieder gern geübter Ablauf ist das Gegenteil zum Fall 4: Freitags beginnt ein mittelschwer dementer Patient mit Herzinsuffizienz und COPD vermehrt zu husten, am Samstag ist es deutlicher, am Sonntag noch intensiver, die Pflege entscheidet sich, montags auf den Hausarzt zu warten, der dann den Patienten nur noch mit Notarzt und Lungenödem einweisen kann. Wäre der Patient am Samstag vom Notdienst mit Antibiose und Schleimlöser (gegebenenfalls noch Inhalation und Nasenspray) versorgt worden, wäre ihm ein Kranken­haus­auf­enthalt erspart geblieben. Gerade bei Husten und multimorbiden Patienten kann ein Heim nicht früh genug den Notdienst holen! . . .

Solange es derartige Defizite in deutschen Heimen gibt, würde ich sehr vorsichtig sein, irgendwelchen Pflegenden pauschal davon abzuraten, den Hausarzt/Notdienst/Notarzt zu informieren!

Dr. med. Torsten Traut, 99817 Eisenach

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