ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Risikobewusstsein und Transparenz etabliert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) pflegt seit 1995 ein Leitlinienregister, über das ihre Mitgliedsgesellschaften fast 700 Leitlinien und Handlungsempfehlungen öffentlich zugänglich machen (www.awmf.org). Die AWMF hat ein Regelwerk erstellt, um die Entwicklung hochwertiger Leitlinien zu unterstützen und die Qualität des Registers transparent zu machen (1). Das Regelwerk wird kontinuierlich fortgeschrieben. 2010 wurde dem entsprechend eine Regel zur Offenlegung von und zum Umgang mit Interessenkonflikten eingeführt. Die Analyse von Langer et al. offenbart erste Einsichten nach Einführung dieser Regel (2), daher sehen wir sie als dankenswerten Beitrag zum Qualitätsmanagement.

Bemerkenswert ist, dass bereits nach einem Jahr die Offenlegung finanzieller und akademischer Interessen als etablierter Standard anzusehen ist – im Gegensatz zur internationalen Situation (3).

Um Missverständnissen aus den Schlussfolgerungen von Langer et al. vorzubeugen, ist klar zu stellen:

  • Interessenkonflikte sind international definiert als Umstände, von denen ein bedeutsames Risiko einer Beeinflussung des professionellen Urteils ausgeht (4). Aus ihrem Vorliegen direkt auf eine Befangenheit einzelner Autoren oder gar die Verzerrung von Leitlinieninhalten zu schließen, ist unzulässig. Da Leitlinien nicht von Einzelnen, sondern von Gruppen erstellt werden, ist die Beurteilung der Befangenheit der Gruppe insgesamt relevant.
  • Diesem Risiko werden in Leitlinien protektive Faktoren entgegengesetzt: systematische Evidenzbasierung (Wissenschaftliche Grundlage), interdisziplinäre Zusammensetzung der Leitliniengruppe (Pluralismus der Interessen), strukturierte Konsensfindung (Vermeidung unbotmäßiger Beeinflussung durch Einzelinteressen).

Derzeit existiert weder ein Goldstandard zum Umgang mit Interessenkonflikten noch belastbare Evidenz zu Auswirkungen des Einsatzes oder Nicht-Einsatzes von Regulierungen (3, 4). Die Mitgliedsfachgesellschaften der AWMF haben diese wissenschaftliche Herausforderung angenommen und erproben experimentell in laufenden Leitlinienprojekten verschiedene Vorgehensweisen. Dazu gehören die Differenzierung der Ausprägung von Interessenkonflikten, die entsprechende Einschränkung des Einflusses Einzelner, die Hinzuziehung neutraler Methodiker und die externe Begutachtung oder öffentliche Konsultation. Die Schaffung empirischer Belege – im Sinne der evidenzbasierten Medizin – ist die Voraussetzung für die von Langer et al. geforderte Entwicklung eines Standards.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0286b

Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg

Prof. Dr. med. Ina B. Kopp

Ständige Kommission „Leitlinien“ der AWMF, Düsseldorf

kopp@mailer.uni-marburg.de

kopp@awmf.org

Interessenkonflikt

Prof. Kreienberg hat Beraterhonorare erhalten von der Firma AstraZeneca (PACT/COMPACT-Studie).

Prof. Kopp hat Beraterhonorare von der Firma Pharmallergan erhalten (bis 2010).

1.
Muche-Borowski C, Selbmann HK, Nothacker M, Müller W, Kopp I. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Ständige Kommission Leitlinien: AWMF-Regelwerk Leitlinien. www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk.html (last accessed on 7 February 2013).
2.
Langer T, Conrad S, Fishman L, Gerken M, Schwarz S, Weikert B, Ollenschläger G, Weinbrenner S: Conflicts of interest among authors of medical guidelines—an analysis of guidelines produced by German specialist societies. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(48): 836–42. VOLLTEXT
3.
Norris SR, Holmer HK, Ogden LA, Burda BU: Conflict of interest in clinical practice guideline development: a systematic review. PLoS ONE 2011; 6: e25153. CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Strech D, Klemperer D, Knüppel H, Kopp I, Meyer G, Koch K: Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Interessenkonfliktregulierung: Internationale Entwicklungen und offene Fragen. Ein Diskussionspapier. 2011. www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/pdf/interessenkonfliktregulierung-2011.pdf/view (last accessed on 7 February 2013).
1.Muche-Borowski C, Selbmann HK, Nothacker M, Müller W, Kopp I. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Ständige Kommission Leitlinien: AWMF-Regelwerk Leitlinien. www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk.html (last accessed on 7 February 2013).
2.Langer T, Conrad S, Fishman L, Gerken M, Schwarz S, Weikert B, Ollenschläger G, Weinbrenner S: Conflicts of interest among authors of medical guidelines—an analysis of guidelines produced by German specialist societies. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(48): 836–42. VOLLTEXT
3.Norris SR, Holmer HK, Ogden LA, Burda BU: Conflict of interest in clinical practice guideline development: a systematic review. PLoS ONE 2011; 6: e25153. CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Strech D, Klemperer D, Knüppel H, Kopp I, Meyer G, Koch K: Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Interessenkonfliktregulierung: Internationale Entwicklungen und offene Fragen. Ein Diskussionspapier. 2011. www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/pdf/interessenkonfliktregulierung-2011.pdf/view (last accessed on 7 February 2013).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige