ArchivDeutsches Ärzteblatt18/19964. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: „Erfahrung ist eine herrliche Sache ...“

POLITIK: Die Reportage

4. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: „Erfahrung ist eine herrliche Sache ...“

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Rund 160 Ärztinnen und und Ärzte trafen sich Mitte März auf Einladung des Deutschen Ärzteblatts zur vierten Schachmeisterschaft in Wiesbaden. Drei Tage lang drehte sich dort in den Kurhauskolonnaden alles um das Spiel der Könige, um Punkte und Preise, vor allem aber um die kollegiale Begegnung. Dr. Helmut Pfleger, Internist und Internationaler Schachgroßmeister, beschreibt im folgenden Beitrag die Wiesbadener Schachtage.


Am Freitag, dem Eröffnungsabend, gab’s drei Optionen: Die Anhänger des Nervenkitzels spielten ein Blitzturnier (dabei hat man für eine Partie höchstens fünf Minuten Zeit), welches Matthias Birke vor Matias Jolowicz, Stefan Müschenich und 55 weiteren Unentwegten gewann; etwa 50 Ärzte wollten es beschaulicher angehen lassen und setzten sich den "Altmeistern" (ich schaute nicht schlecht, in Bamberg sagt man "wie a Fünferla", als mir dieses Attribut vor circa 10 Jahren das erste Mal übergestülpt wurde) Wolfgang Uhlmann und mir selbst zum Simultanspiel gegenüber, das letzte Drittel der insgesamt 159 Teilnehmer (nennen wir sie mal die "Vernünftigen") wollte sich nicht schon am Vorabend des großen Turniers die Sinne mit Schach vernebeln und führte sich diese Droge entweder als Zuschauer nur in homöopathischen Dosen zu oder hielt es gleich mit dem ehemaligen Weltmeister Botwinnik, der sich durch vorherige Abstinenz den Schachhunger bewahrte.
Kaum ticken allerorten im weiten Saal der Kurhauskolonnaden die Uhren (eine halbe Stunde Bedenkzeit hat jeder Spieler pro Partie), herrscht die erwartungsvoll-gespannte Ruhe der ersten Runde, beginnen Messungen der Katecholamine sich zu lohnen, schon stürzt einer meiner Simultangegner vom vorigen Abend auf mich zu: "So einen Scheiß habe ich noch nie gespielt!" Was ist passiert? Nach nur zehn Zügen und fünf Minuten Spieldauer ist er mit seiner "Französischen Verteidigung" in eine Falle seines Gegners getappt. Selber schuld – er wählte den falschen Simultanspieler. Von Großmeister Uhlmann, der in seinem Leben noch nie etwas anderes als "Französisch" (dabei rückt der schwarze Königsbauer im ersten Zug nur ein Feld vor: 1. ... e7-e6; Gerüchte, nach denen Uhlmann gar nicht wisse, daß der Königsbauer im ersten Zug auch zwei Felder vorrücken dürfe, entbehren allerdings der Wahrheit) spielte, hätte er viel über diese Verteidigung erfahren können. Kollege Trebbin gewinnt durch ein Läuferopfer auf h6 im schneidigen Königsangriff, auch der mit 84 Jahren älteste Teilnehmer Dr. Faulhaber läßt es mit fränkischem Furioso auf h6 "krachen". Ein Kollege spricht ihn darauf an, daß letztes Jahr der älteste Kollege 83 Lenze zählte, diesmal schon 84. Lakonische Antwort: "Das habe ich spielend geschafft!" Aufgrund der ungeraden Teilnehmerzahl ist in jeder Runde jeweils einer spielfrei, allerdings nur im Prinzip. Der/die Betreffende muß/darf gegen einen Herrn der Turnierleitung eine freie Partie spielen. Besagte Hüter der Schachregeln werden – wie in den Jahren zuvor – wieder von Jürgen Gersinska angeführt, dem drei engagierte Schachfreunde vom Badischen Schachverband hilfreich zur Seite stehen.

. . . das war wie ein Unfallschock
Dr. Eckstein vor der zweiten Runde: "Schön hier. Jetzt gehe ich wieder zu meiner Niederlage." Mein Schulfreund Dr. Knoblach sitzt nach seinem Auftaktsieg gar an einem der "Meistertische": "Überhaupt hier mal spielen zu dürfen, dafür hat sich’s gelohnt." Weniger lohnend wird es dort diesmal für Dr. Abtahi; durch einen unbedachten Damenzug seinerseits (immer diese Damen) kann eine gegnerische Dame seinen König auf freiem Feld urplötzlich mattsetzen. Prompte Diagnose: "Das war wie ein Unfallschock!" Der Unfallchirurg muß es wissen. Er hat zur Verstärkung diesmal seine Tochter Giti mitgebracht, an der die (Schach-)Gene ihres Vaters nicht spurlos vorübergegangen sind. Konnte sie aber bislang noch eine gewisse Distanz zum "schönsten Spiel der Welt" (Papa Abtahi) wahren, so scheinen nach dieser Meisterschaft ihre Abwehrkräfte im Schwinden zu sein: wie mir der stolze Vater mitteilte, beschäftige sie sich jetzt voller Begeisterung sogar mit Eröffnungstheorie. Mitschuld an dieser Entwicklung trägt das Ehepaar Mädler, welches charmant und zuweilen mit köstlicher Überredung (ihnen ist es sogar gelungen, vor kurzem Schachspiele nach Sansibar zu verkaufen, auf ausdrücklichen Wunsch die Könige ohne Kreuz) im Vorraum wirkte und Schachbücher, computer und sonstige -utensilien an den Mann bzw. Frau brachte. So kam Dr. Ludwig, der eingangs Interessantes zur Schach- und Krankheitsbiographie des früh verloschenen Genies Charousek (Protagonist des "Golem" von Meyrink) mitzuteilen wußte, mehr nolens als volens zu einer Original-Schachkrawatte; lediglich das Buch "Der Arzt im Schachspiel" verkaufte sich wie sauer Bier, vermutlich wollten die meisten nicht an ihre eigene Pathologie erinnert werden. Zur Pathologie ist noch mitzuteilen, daß mehr als einmal in der Hitze des Gefechts und mit nur noch wenigen Sekunden Bedenkzeit Könige gedeckte Figuren schlagen oder "freiwillig" ins Schachgebot, sprich in den Rachen des Löwen, laufen, Figuren in Legion abhanden kommen und was dergleichen je nach Sichtweise betrübliche oder erfreuliche Begebenheiten mehr sind.
Am Samstagmittag entschwinden die meisten zum Mittagessen. Vom unverbesserlichen Häuflein, das selbst jetzt noch freie Blitzpartien spielt, will ich lieber schweigen, nicht aber von Dr. Kayser, der zuvor noch zwischen der 2. und 3. Runde eine reservierte Karte für "Nathan der Weise" abholen wollte/mußte. Hören wir ihn selbst: "Als ich zum ,Hessischen Landestheater' kam, stellte ich zunächst mit Erschrecken fest, daß sich vor der einzig geöffneten Kasse eine enorme Menschenmenge angesammelt hatte. So stellte ich mich in die Reihe, geduldig wartend, von einem Fuß auf den anderen tretend mit steigender Nervosität (Anmerkung des Chronisten: Turnier-Schach ist Eustreß), weil die Zeit für die dritte Runde nahte, die mir endlich den ersten Punkt bringen sollte. Aber was hilft’s, wenn man in der Reihe steht, muß man warten. Endlich hatte ich meine Karte, spurtete zurück zum Spiellokal, suchte schleunigst meinen Platz und setzte mich vor die schwarzen Figuren. Des Gegners Königsbauer stand schon im Zentrum, meine Uhr wies bereits ein erhebliches Zeitdefizit auf. Also versuchte ich mich mit Caro-Cann zu verteidigen, indem ich – völlig blind – den mit c bezeichneten Bauern um ein Feld vorschob. Nachdem auch der weiße Damenbauer das Zentrum besetzt hatte, ließ ich den mit d bezeichneten Bauern um zwei Felder vorrücken. Nach Bauerntausch erschien zu meiner völligen Überraschung die weiße Dame mit Schachgebot auf dem von mir aus gesehen linken Randfeld. Das konnte doch unmöglich sein! Nach Überprüfung der Dinge stellte ich dann mit Entsetzen fest, daß das Schachbrett verkehrt lag, d. h. meine schwarze Streitmacht stand auf der 1. und 2. Reihe. Also hatte ich nicht die von mir einstudierte CaroCann-Verteidigung gewählt, sondern völlig irrsinnig f7-f6 und sodann e7-e5 gespielt (wirklicher Partieverlauf: 1. e4 f6 2. d4 e5 3. dxe5 fxe5 4. Dh5+). Diese Stellung kannte ich aus frühester Kindheit; da es keinen Spaß macht, mit Turm- und Bauerndefizit weiterzuspielen, gab ich die Partie auf. Ich wette, es handelte sich um die kürzeste Partie des gesamten Turniers." Nach dem Mittagessen geht es nach dem lateinischen Spruch: "Plenus venter studet libenter" (so ähnlich lautet er jedenfalls) weiter. Was aber tun, wenn sich, wie bei einem Kollegen aus dem Oberbayrischen, zum Essen auch etliche Getränke gesellten und schon nach sieben Zügen der 4. Runde sich die Blase via dem hierfür von der Natur vorgesehenen Druck meldet? Wertvolle Zeit verlieren oder aushalten? Aushalten natürlich! Aushalten mußte auch Dr. Mertens im fernen Kalifornien die jahrelange Abstinenz vom Ärzteturnier; mit Sigmund Freud wissen wir ja, daß man niemand "in absentia" erschlagen kann (sei’s drum, wenn jener das in einem ganz anderen Zusammenhang meinte). Jetzt ist er jedenfalls leibhaftig da und beteiligt sich an den symbolischen Königs- bzw. Vatermorden. Das tun diesmal auch insgesamt acht Damen mit großer Inbrunst. Angefangen von der "alten Haudegin" (es ist anerkennend gemeint) Frau Dr. Recknagel, die aufgrund der Anregung durch das Ärzteturnier sogar in einen Schachverein eintrat und dort, wie so häufig, den Part der einzigen Dame spielt, über Dr. Modjtaba Abtahis Mitstreiterin im Recklinghäuser Schachklub, Dr. Bergit Bartel, die nicht wenigen Herren der Schöpfung zeigte, wo der/die Bartel den Most holt. Am Ende belegte sie einen hervorragenden 6. Platz. Kaum schlechter waren die beiden "Russinen" Dr. Wapnitschnaja und Tatjana van Vught (diesen nicht unbedingt russisch klingenden Nachnamen erwarb sie sich hierzulande durch Heirat). Während Raissa Wapnitschnaja beim ersten Turnier in Baden-Baden sogar Co-Siegerin wurde, kommt Tatjana aus einer echten "Schachfamilie" (der Weltklassespieler Drejew ist ihr Schwager).


Einmal mehr: persische Magie
Schließlich ist nach sechs schweren Runden eines langen Samstags Abend gekommen, kein Dr. Abtahi erobert mehr in nur 15 Zügen 2½ Figuren seines Gegners (fragen Sie ihn bitte selbst, wo die halbe Figur herkommt – es muß einmal mehr persische Magie sein!), keine weisen Häupter werden an diesem Tag mehr in Hände vergraben und gelegentlich sogar verzweifelt geschüttelt, kein Kollege sagt mehr zum anderen – und das auch noch lachend – "Da habe ich einen Fehler gemacht, und schon war’s aus", keiner spricht mehr von einer "geistigen Achterbahn", lediglich das "mitgereiste" Bordasch-Baby und Dr. Faulhaber (da schließt sich der bunte Kreis des Lebens) zeigen Schachentzugserscheinungen. Manche lassen den Abend bei kostspieligeren Glücksspielen als Schach ausklingen und gehen ins Casino, ich habe das Vergnügen, bei Ente chinesisch und Chop Suey soviel wie noch nie in meinem Leben über falsch amputierte Beine zu erfahren – dieses delikate Tischthema ergibt sich wie von selbst im anregenden Kreis von Anästhesisten und Chirurgen.
Schließlich kommt der Sonntagmorgen mit den letzten drei Runden, das Ende ist schnell erzählt. Udo Thamm delektiert sich am Ungetüm eines siegbringenden Tripelbauern (drei Bauern gleicher Farbe auf einer Linie): "Schönes Bauernbild", während sein Gegner auf die Relativität solch einer Beurteilung hinweist. Ein anderer verliert eine "haushohe" Gewinnstellung durch Zeitüberschreitung. Wie unrecht hatte doch Schopenhauer damit, daß Zeit eigentlich gar nicht existiere und nur ein Hirngespinst in unseren Köpfen sei! Er war eben kein Schachspieler. Beim Neurologen Prof. Krauseneck ist die neuronale Vernetzung einen Augenblick nicht optimiert, als er sich einzügig mattsetzen läßt. Die Kollegen Hartmann und Semsroth liefern sich ein geradezu atemberaubendes Opfergefecht mit einem gerechten Remisende, Dr. Müschenich opfert mutig und erfolgreich wie Kasparow, und Dr. Gottwald fällt mit einem Riesenspringer in seines Gegners Lager ein, um sich dort fette Beute in Form einer ganzen Dame zu holen. Ein ums andere Mal bestätigt sich Dr. Ludwigs Sottise: "Erfahrung ist eine herrliche Sache – mit ihrer Hilfe erkennen wir immer wieder die Fehler, die wir machen."
Doch dann ist "ausgeschacht", schon müde oder noch wacker eilen oder schleichen die Helden nach Hause. Bergit Bartel gewinnt als beste Dame einen Wochenendaufenthalt in einem Holiday-Inn-Hotel. Es gibt Schachbücher und ein Dutzend vom Hauptsponsor "Credis" gestiftete Uhren. Die fünf Erstplazierten gewinnen wieder wertvolle Credis-Zertifikate, von denen wir dank Dr. Krauseneck seit letztem Jahr wissen, daß sie der Zukunftssicherung dienen. Am meisten sichert sich besagte Zukunft diesmal Dr. Schnelzer, immer wieder mit vorne dabei und auch ein Neurologe – an diesen Leuten muß irgendwas dran sein. Irgendwann werde ich das ergründen, vielleicht sogar schon bei der nächsten Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte. Dr. med. Helmut Pfleger

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