ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Für Cap Anamur in Nordkorea: Hilfe in einem isolierten Land

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Für Cap Anamur in Nordkorea: Hilfe in einem isolierten Land

Dtsch Arztebl 2013; 110(16): A-766 / B-669 / C-669

Hildebrand, Annette

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Das staatliche Gesundheitssystem in Nordkorea ist zwar personell gut besetzt, doch es fehlt an Geld und technischer Ausstattung. Die Internistin Annette Hildebrand hat zwei Monate dort gearbeitet.

Zu zweit in einem Bett: Im Kinderkrankenhaus von Haeju mangelt es zwar nicht an motivierten Ärzten, aber an Ausstattung und medizinischem Gerät. Foto: Cap Anamur Archiv
Zu zweit in einem Bett: Im Kinderkrankenhaus von Haeju mangelt es zwar nicht an motivierten Ärzten, aber an Ausstattung und medizinischem Gerät. Foto: Cap Anamur Archiv

Aus der Ferne betrachtet erscheint Nordkorea oft wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, als die Welt noch streng in Ost und West getrennt war. Objektive Berichte über den Alltag der Menschen in dem isolierten Land dringen kaum nach außen. Verschiedene internationale Hilfsorganisationen sind in Nordkorea tätig, jedoch immer in einem staatlich streng reglementierten Rahmen. Aufgrund der geologischen Gegebenheiten mit wenig landwirtschaftlich nutzbarer Fläche sind insbesondere Lebensmittelengpässe und Hungersnöte immer wieder ein großes Problem. Über die aktuelle Situation des Gesundheitssystems ist wenig bekannt, als das kleine Cap-Anamur-Team, bestehend aus einem erfahrenen Logistiker und mir als Internistin, im August 2012 nach Nordkorea reist.

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Die Hilfsorganisation mit Sitz in Köln leistet dort schon seit mehr als zehn Jahren humanitäre Hilfe und hat nach mehrjähriger Pause im Jahr 2011 wieder mit Hilfsmittellieferungen begonnen. Die Hauptaufgabe des Teams ist es, drei große Schiffscontainer voll mit medizinischen Geräten, Verbrauchsmaterial, Medikamenten und Babynahrung an zwei Krankenhäuser in Haeju zu verteilen, einer Stadt mit etwa 170 000 Einwohnern im Südwesten des Landes.

Am Flughafen von Pjöngjang werden wir von unserem koreanischen Begleiter in nahezu perfektem Deutsch begrüßt. Er wird uns während des gesamten Aufenthalts begleiten, anders ist es nicht gestattet. Pjöngjang ist ganz im sozialistischen Stil gebaut mit breiten Straßen und monotonen Wohnblocks, die teilweise schon etwas bröckeln. Der Verkehr ist lebhafter als erwartet, auch einige neuere deutsche Autos sind auf den Straßen zu sehen. Die Koreaner, die oft zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs sind, scheinen sich an den Verkehr aber noch nicht gewöhnt zu haben; der Taxifahrer muss ständig hupen, um Kollisionen zu vermeiden. Die ganze Stadt ist sehr gepflegt und sauber, überall wird fleißig gefegt und der Rasen gestutzt.

Einweisung in neue Sonographiegeräte: Cap-Anamur-Ärztin Nicole Schönmann untersucht einen kleinen Patienten.
Einweisung in neue Sonographiegeräte: Cap-Anamur-Ärztin Nicole Schönmann untersucht einen kleinen Patienten.

Am nächsten Tag geht es 140 Kilometer weiter zum Einsatzort nach Haeju. Die Fahrt führt durch eine Landschaft, die überwiegend von Reis- und Maisfeldern geprägt ist. Jeder Fleck Erde ist akkurat bepflanzt; Landwirtschaft ist häufig noch reine Handarbeit. Auf den Straßen werden die Autos jetzt viel seltener, stattdessen gibt es sehr viele Radfahrer und Fußgänger. Die Kinder schauen uns mal neugierig, manchmal auch etwas scheu an.

An den beiden Kliniken in Haeju werden wir von den Klinikdirektoren und ihren Mitarbeitern freundlich empfangen. Sie zeigen uns stolz einige Geräte, die Cap Anamur vor mehr als zehn Jahren geliefert hat: Sie sind sehr gepflegt und noch immer im Einsatz. Beeindruckend sind auch die vielen großen, handgemalten Schaubilder in den Klinikfluren, auf denen diverse Krankheiten erklärt werden.

Zwar ist die personelle Besetzung der Kliniken gut. Es kommen in der Kinderklinik 54 Ärzte auf etwa 100 Betten, im Stadtkrankenhaus sind es 203 Mitarbeiter, davon 115 Ärzte, für 250 stationäre Patienten, und für Kinder gibt es feste Impfprogramme. Dennoch hat das Gesundheitssystem große Defizite. In den Kliniken fehlt es an Geräten, Verbrauchsmaterial wie Verbänden und Spritzen, aber auch an Medikamenten, insbesondere Antibiotika und starken Schmerzmitteln. Auch Babynahrung für die Kleinsten ist Mangelware. Die Röntgengeräte, wenn es überhaupt welche gibt, sind meist alte Durchleuchtungsanlagen. Die Infusionen werden aus klinikeigenem Brunnenwasser destilliert. Stundenlange Stromausfälle gehören zum Alltag. Viel zu oft sind die Mediziner hilflos, weil schlicht Medikamente und Material fehlen.

Wir fangen direkt an, die wichtigsten Geräte an die Kliniken auszuhändigen. Bei der Installation hilft uns der Klinikelektriker, der so lange von seiner Tätigkeit als Augenarzt befreit ist. Am nächsten Morgen erzählt uns der Kinderchirurg freudig, dass er in der Nacht erstmals einen kleinen Jungen mit traumatischer Blasenruptur ohne Hilfe von Taschenlampen operieren konnte. Die neuen Sauerstoffkonzentratoren ersetzen die mit Sauerstoff gefüllten Autoreifen auf der Intensivstation. Alles wird gebraucht und dankbar entgegengenommen.

Wir begleiten auch Patientenvisiten und können einzelne Fälle mit den koreanischen Ärzten diskutieren. Das Krankheitsspektrum ist dem unseren recht ähnlich, bei den Erwachsenen gibt es mehr Gastritiden und relativ häufig Schlaganfälle. Bei den Kindern sind Durchfallerkrankungen, unter anderem auch Typhusepidemien, sowie Wurmerkrankungen an der Tagesordnung. Durchschnittlich zehn Prozent der Kinder in der Kinderklinik seien unterernährt, berichten uns die Ärzte. Wie viele es während einer Hungersnot sind, erfahren wir nicht. Viele Kinder werden mit Verbrennungen behandelt. Die Ärzte sind sehr interessiert, haben aber kaum Zugang zu aktueller medizinischer Fachliteratur. Die ärztliche Tätigkeit ist vielseitig, es wird getan, was getan werden muss. Einmal finden wir den Klinikinnenhof voll mit gelben Maiskolben, dazwischen sitzen Ärzte mit ihren weißen Kopfhauben und andere Mitarbeiter beim Sortieren. Wir erfahren, dass aus dem Mais medizinischer Alkohol für die Klinik destilliert werden soll.

Nach zwei Monaten ist mein Einsatz in Nordkorea zu Ende, und ich werde durch eine deutsche Kinderärztin ersetzt, die die Ärzte unter anderem noch in die neuen Sonographiegeräte einweisen wird. Beim Abschied sagt die Direktorin der Kinderklinik, dass seit unserer Ankunft, dank der deutschen Medikamente und Babynahrung, kein Kind mehr in der Klinik gestorben sei.

Annette Hildebrand

Cap Anamur in Nordkorea

Cap Anamur hat von 1997 bis 2002 ein Hilfsprogramm in Nordkorea unterhalten. Seit 2011 unterstützt die Organisation zwei Krankenhäuser in Haeju. „Die Arbeit von Cap Anamur ist heute wesentlich leichter als vor zehn Jahren“, sagt Geschäftsführer Bernd Göken. Der Kontakt zu den Koreanern sei einfacher geworden. Ausländische Besucher könnten inzwischen sogar ihre Smartphones einführen und damit eigene Fotos verbreiten. Früher hätten die deutschen Ärzte nicht einmal die Patienten sehen dürfen. Mit Blick auf die Kriegsrhetorik von Diktator Kim Jong Un sagt Göken: „Die Sicherheitslage im Land ist nicht angespannt.“ Cap Anamur habe sogar mit den Koreanern vereinbart, die Arbeit in diesem Jahr auszuweiten. „Aus unserer Sicht handelt es sich um kalkulierte Provokationen – die Hoffnung auf eine langsame Öffnung des Landes überwiegt.“

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