ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Mammakarzinom: Kardiale Spätfolgen nach Strahlentherapie

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Mammakarzinom: Kardiale Spätfolgen nach Strahlentherapie

Dtsch Arztebl 2013; 110(16): A-777 / B-677 / C-677

Meyer, Rüdiger

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Die Radiatio gehört heute zum Standard in der Therapie des Mammakarzinoms. Ob sie mit einem Anstieg koronarer Ereignisse assoziiert ist, wurde – unter Berücksichtigung der Dosis – in einer Kohortenstudie anhand der Krankenakten von 2 168 Mammakarzinompatientinnen aus Schweden und Dänemark untersucht. Die Frauen waren zwischen 1958 und 2001 behandelt worden. Für jede Patientin wurden Strahlendosis und Bestrahlungsfeld ermittelt, um die Strahlenexposition des Herzens zu rekonstruieren. Die mediane kardiale Strahlenexposition betrug 4,9 Gray (Gy). Die Daten wurden mit den Diagnosen der Klinikregister in Beziehung gesetzt.

963 Frauen erlitten einen Herzinfarkt, benötigten eine koronare Revaskularisierung oder starben an einer ischämischen Herzerkrankung. Sie waren einer höheren Strahlendosis exponiert als die 1 205 Frauen ohne koronares Ereignis. Nach Berücksichtigung bekannter kardialer Risikofaktoren sei mit jedem Gray Strahlenexposition des Herzens das Risiko für ein kardiales Ereignis um 7,4 % gestiegen, ermittelten die Autoren. Die Risikoerhöhung begann bereits wenige Jahre nach Strahlenexposition. Einen Schwellenwert gab es nicht. Das absolute Risiko war aber gering. Eine Strahlenexposition des Herzens von 3 Gy würde nach Berechnungen der Autoren bei einer 50 Jahre alten Frau ohne kardiale Risikofaktoren das Risiko, bis zum Alter von 80 Jahren an einer ischämischen Herzerkrankung zu sterben, von 1,9 Prozent auf 2,4 % erhöhen. Bei einer Strahlendosis von 10 Gy für das Herz würde das koronare Sterberisiko von 1,9 auf 3,4 % steigen, bei Vorliegen eines oder mehrerer kardialer Risikofaktoren um 0,7 %. Das koronare Ereignisrisiko wäre um 1,7 % höher.

Rate schwerer kardialer Ereignisse in Abhängigkeit von der mittleren Strahlendosis in vier Kategorien
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Rate schwerer kardialer Ereignisse in Abhängigkeit von der mittleren Strahlendosis in vier Kategorien

Fazit: Eine Strahlenexposition des Herzens ist mit einem linearen Anstieg der koronaren Ereignisse ohne Schwellenwert für die Dosis assoziiert. „Das Ergebnis bestätigt unser bisheriges Wissen“, kommentiert Prof. Dr. med. Jürgen Dunst von der Universität zu Lübeck. „So ist aus Metaanalysen der Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group bekannt, dass bestimmte Patientengruppen ein signifikant erhöhtes Risiko für kardialen Tod haben, auch die Dosisabhängigkeit ist bekannt. Diese Erkenntnisse werden konsequent bei der Bestrahlungsplanung berücksichtigt.“ Bei einer niedrigen medianen Herzdosis (< 3 Gy) sei das absolute Risiko für koronare Ereignisse sehr gering, eine Risikoerhöhung lasse sich mit modernen Bestrahlungstechniken vermeiden.

Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie, deren Präsident Dunst ist, bestätige die Studie die große Bedeutung von Nachuntersuchungen bei Krebstherapien, wie von der Fachgesellschaft empfohlen: Erstens sollten bei Bestrahlungsplanung und Strahlentherapie konsequent moderne Techniken angewandt werden, wie in der aktuellen S3-Leitlinie gefordert. Zweitens ist die Nachbestrahlung sicher, wenn die Strahlenexposition des Herzens niedrige Grenzwerte nicht überschreitet. Drittens sollten kardiale Risikofaktoren konsequent behandelt werden.

Rüdiger Meyer

Darby SC, Ewertz M, McGale P, et al.: Risk of Ischemic Heart Disease in Women after Radiotherapy for Breast Cancer. NEJM 2013; 368: 987–98. MEDLINE

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