ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Medizinische Expedition zum Mount Everest: Forschen auf 4 000 Metern

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Medizinische Expedition zum Mount Everest: Forschen auf 4 000 Metern

Dtsch Arztebl 2013; 110(16): A-799 / B-695 / C-695

Kühn, Christian

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Eine Arbeitsgruppe des Universitätsklinikums Aachen sammelte in Nepal Daten unter anderem über die Epidemiologie von Gesundheitsstörungen unter Höhentrekkern und Expeditionsbergsteigern.

Fotos: Christian Kühn
Fotos: Christian Kühn

Trotz Thermounterwäsche und dicker Kleidung friere ich oft, die feuchte Kälte der Monsunzeit im Himalaya kriecht durch alle Löcher, legt sich wie ein eisiger, feuchter Mantel auf meine Haut. Aber jetzt gerade habe ich Glück. Ich sitze in 3 840 Meter Höhe auf der Veranda des Kunde-Hospitals und werde von seltenen Sonnenstrahlen gewärmt. Heißer, gesüßter Milk Tea hilft zusätzlich gegen die Kälte. Ich gebe gerade Daten aus dem Logbuch der stationären Patienten aus dem letzten Jahrzehnt in meinen PC ein, als ich auf dem Pfad zwischen Khumjung und Kunde eine Traube von Männern erblicke. Sie bewegen sich schnell in Richtung Kunde, in der Mitte eine selbst gebaute Trage, zwei dicke Äste und eine Decke, darauf liegt eine Person. Mingma tritt durch die Tür des Aufenthaltsraumes nach draußen, in der Hand ebenfalls Tee: „Chris, wir bekommen Arbeit!“ Auch er hat die Gruppe gesehen.

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Für fünf Wochen gehörte auch ich zum Team des Kunde-Hospitals, des einzigen Krankenhauses der Hochgebirgsregion. Als Mitglied der „Aachen Dental and Medical Expedition – ADEMED 2011“, einer medizinischen Forschungsexpedition der Arbeitsgruppe „Sport-, Flug- und Reisemedizin“ des Institutes für Arbeits- und Sozialmedizin des Universitätsklinikums Aachen, sammelte ich Daten über die Epidemiologie von gravierenden Gesundheitsstörungen unter Höhentrekkern und Expeditionsbergsteigern in der Khumbu-Region am Fuß des Mount Everest. Im Fokus steht vor allem die Entwicklung der Inzidenz von Höhenlungen- und Höhenhirnödem.

Das Kunde-Hospital wurde im Jahr 1965 von Sir Edmund Hillary gegründet und erbaut und von
der neuseeländischen Organisation „Himalayan Trust“ finanziert. 1976 vereinbarte man ein Abkommen, in dem die Finanzierung Schritt für Schritt der kanadischen „Sir Edmund Hillary Foundation“ überschrieben wurde. Heute versorgt das Krankenhaus circa 8 000 Sherpas, die in der Khumbu-Region leben, sowie nepalesische Arbeiter, Guides, Träger, ausländische Trekker und Expeditionsbergsteiger.

Eine Warnung, die Leben rettet. Oben der einzige Behandlungsraum des Kunde-Hospitals
Eine Warnung, die Leben rettet. Oben der einzige Behandlungsraum des Kunde-Hospitals

Während der Erfassung von Daten für meine Dissertation war es mir auch möglich, bei den Konsultationen zu hospitieren und später auch aktiv mitzuwirken. Das Kunde- Hospital mit sechs stationären Betten und einer Ambulanz verfügt über einen großen Behandlungsraum, wo alle Untersuchungen und Therapien durchgeführt werden. Dort wird von Ohrenschmerzen und Atemwegsinfekten bis hin zu offenen Frakturen und Tumorleiden alles behandelt. Sogar Kaiserschnitte und Appendektomien wurden bereits durchgeführt. Für normale Geburten gibt es zusätzlich einen kleinen Kreißsaal mit Inkubator. Des Weiteren gibt es einen Raum für bildgebende Verfahren, ein kleines Labor und den Aufenthaltsraum für das Personal. Das Personal setzt sich aus Dr. Kami Temba Sherpa M.D., Leiter des Kunde-Hospitals, Dr. Eliza Bajracharya Rai M.D., einer Krankenschwester, einem Assistenten und einem Koch zusammen.

Angesichts der doch sehr begrenzten diagnostischen Möglichkeiten ist die Qualität der medizinischen Versorgung wirklich beeindruckend. Zur Diagnostik stehen neben einem kleinen Labor einzig ein Pulsoximeter, ein Otoskop, ein Ophthalmoskop, ein CTG, ein Röntgenapparat, ein Sonograph und ein EKG mit Defibrillator zur Verfügung. Hier haben die Anamnese und die körperliche Untersuchung wirklich noch den höchsten Stellenwert. Selten werden das vorhandene Ultraschall- oder das Röntgengerät verwendet. Vor allem die Benutzung der Röntgenanlage stellt eine lange Prozedur dar. Denn die Bilder müssen erst in einer Dunkelkammer in vielen Einzelschritten von Hand entwickelt werden, bevor sie geföhnt und danach befundet werden können. Die Apotheke der Klinik besteht nicht zuletzt aus Medikamenten, die Trekker auf dem Abstieg der Klinik spenden. Bei nötigen großen Operationen werden die Patienten an die Klinik in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, verwiesen. Oft wird dafür ein Rettungshelikopter zum klinikeigenen Landeplatz beordert, um akut gefährdeten Patienten eine schnelle Versorgung zu gewährleisten. Allerdings bedeutet „schnell“ eine Anflugzeit von 90 Minuten und ein Flug, der auch nur bei guten Wetterverhältnissen möglich ist. Außerdem muss für die Übernahme der Kosten von knapp 7 000 US-Dollar garantiert werden. Mich hat die Arbeit dieses kleinen Teams, das tagtäglich mit den einfachsten Mitteln Menschen aus aller Welt versorgt, beeindruckt.

Autor Christian Kühn und Assistenzärztin Eliza Bajracharya Rai
Autor Christian Kühn und Assistenzärztin Eliza Bajracharya Rai

Eine weitere herausragende Erfahrung war für mich das Leben in Kunde. Die Familie des Bruders eines Teammitglieds des Krankenhauses nahm mich für die Zeit meines Aufenthalts sehr herzlich bei sich auf. Es dauerte eine Zeit lang, bis ich mich an den Alltag ohne fließendes Wasser, ohne Strom und an die Kälte gewöhnt hatte. Obwohl dies bereits mein dritter Aufenthalt in Nepal war, ist ein normaler Alltag ohne diese Luxusgüter doch noch einmal anders, als wenn man als Trekkingtourist oder Bergsteiger auf diese Dinge nur kurzzeitig verzichten muss. Ich lernte schnell, wie ich mich an den alltäglichen Arbeiten beteiligen konnte. Wasserholen, Kartoffeln ernten, Yak-Kühe melken, Feuer schüren, Brennstoff aus Yak-Dung herstellen und Raksi (ein lokaler Schnaps) brennen sind nur einige Aufgaben des Lebens in fast 4 000 Meter Höhe, die mir beigebracht wurden. Abends half ich den Kindern bei den Hausaufgaben, im Gegenzug versuchten sie, mir ein paar Sätze Nepali beizubringen.

Die ADEMED-Expedition ist eine Gruppe von Professoren, Ärzten und Medizinstudierenden, die im Herbst 2011 zusammen 14 verschiedene reisemedizinische Fragestellungen bearbeiteten. Hierbei erhoben wir Studenten vor allem Daten für unsere Dissertationen. Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Thomas Küpper, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Sport- Flug- und Reisemedizin, beschäftigten wir uns mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Themen, beispielsweise lag ein Schwerpunkt bei der Trinkwasserversorgung und -qualität, zum einen der Trekkingreisenden, parallel aber auch der Sherpadörfer. Ein sozialmedizinisches Teilprojekt beschäftigte sich mit den Erkrankungen von einheimischen Trekkingguides und Trägern. Mehrere Fragestellungen betreffen unmittelbar die Trekker – dabei geht es um Vorerkranken, Risikoprofile, akute Probleme unterwegs und ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse. Zudem ist ADEMED in ein Lehrprojekt eingebettet, in dem wir lernten, wie Feldforschung und wissenschaftliche Expeditionen in Regionen mit minimaler Infrastruktur organisiert und durchgeführt werden. Im Vorfeld der eigentlichen Expedition benötigten wir elf Monate intensiver Planung und Organisation, um uns schließlich bei einem fast reibungslosen Ablauf der Forschung zu widmen. Mehr Informationen und Neuigkeiten gibt es auch auf unserer Homepage unter: www.ademed.de.

Christian Kühn

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