ArchivDeutsches Ärzteblatt42/199850. Deutscher Apothekertag: Mehrwert für den Patienten

POLITIK: Leitartikel

50. Deutscher Apothekertag: Mehrwert für den Patienten

Dtsch Arztebl 1998; 95(42): A-2601 / B-2233 / C-2077

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die Apotheker setzen auf qualitatives Wachstum und pharmazeutisches Nutzenmanagement. Dazu gehört auch die berufliche Allianz mit den Ärzten. Die deutschen Apotheker sehen ihre Domäne - die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln ausschließlich über die Apotheke und in persönlicher Eigenverantwortung des Apothekers - zunehmend "abbröckeln". Wie nie zuvor haben sich die Absatzstrukturen für pharmazeutische Produkte im letzten Jahr gewandelt: Reformhäuser, Drogerie- und Verbrauchermärkte und seit Oktober sogar Tankstellen bieten in ihrem Sortiment Medikamente der Selbstmedikation sowie Nahrungsergänzungsmittel an. Dies hat dazu geführt, daß inzwischen Selbstmedikationsprodukte im Wert von 1,25 Milliarden DM außerhalb der Apotheke verkauft werden. Dieser Marktveränderung will die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) auch mit marktwirtschaftlichen Prinzipien begegnen. Anläßlich des 50. Deutschen Apothekertages in München beschwor ABDA-Präsident Hans-Günter Friese die Delegierten, den "added value" (Mehrwert) der Apotheke in das Bewußtsein der Bürger, Krankenkassen und Politiker zu heben. Als Mehrwert versteht die ABDA die "Veredelung des Vorproduktes" Arzneimittel mit einem für den Patienten subjektiv erfahrbaren Nutzen.
Nach Ansicht von Friese ist für die Apotheke ein solcher "added value" durch verschiedene Bausteine zu erzielen. Dazu gehören eine Intensivierung der pharmazeutischen Betreuung, der heilberuflichen Allianz mit den Ärzten, der Beratung bei der Selbstmedikation, der Rezepturherstellung sowie spezieller Dienstleistungen wie Aufklärungs- und Präventionsaktionen. Wenn der Apotheker dieses Leistungsspektrum voll ausschöpfe, so die ABDA, dann ließe sich der Mehrwert auch in "Heller und Pfennig" ummünzen. "Wer gegenüber Kunden einen Mehrwert zwar behauptet, subjektiv aber nicht vermittelt, kann seine Einkommensansprüche im Markt auch nicht durchsetzen", erklärte Friese in München.
Im Hinblick auf eine Verbesserung der pharmazeutischen Betreuung hat die ABDA mit Partnern aus der Ärzteschaft maßgeschneiderte Betreuungsstandards für spezielle Patientengruppen (vor allem chronisch Kranke) geschaffen. Unter wissenschaftlicher Begleitung werden diese in derzeit 14 Modellversuchen überprüft. Dabei wird das Ziel verfolgt, durch eine Optimierung der Arzneimitteltherapie den Gesundheitszustand und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. In Kooperation mit Vertretern der Pharmaindustrie, der Krankenkassen und gesundheitspolitischen Verbänden wurde außerdem die Förderinitiative Pharmazeutische Betreuung gegründet, die die wissenschaftliche Weiterentwicklung und die Umsetzung der pharmazeutischen Betreuung in der Praxis vorantreiben soll. Als erfolgreich wertete Friese auch die "heilberufliche Allianz" mit dem Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands, mit dem die Ziele von Arzneimitteltherapien (auf der Basis von Daten zur praktischen Evidenz) definiert und die Verantwortungsbereiche beider Heilberufe abgesteckt worden sind. Jedes dritte Arzneimittel, das über den Ladentisch der Apotheke gereicht wird, ist ein Präparat aus dem Bereich der Selbstmedikation. Dazu Friese: "Bei diesem Kundenkontakt ist der Apotheker der alleinige ArzneimittelExperte und hat mit Sachverstand die Eigendiagnose des Patienten zu hinterfragen. Aus gesundheitspolitischer Sicht warnen wir daher dringend vor einer Trivialisierung dieser Arzneimittel, wenn sie neben Motorenöl und Frostschutzmitteln erhältlich sind." Friese spielte damit auf die Einrichtung von Pharmathek-Shops in BPTankstellen an. Mehr- und Fehlgebrauch würden die Folge sein. BP stehe in diesem Sinne für "bittere Pillen".
Eine notwendige Synchronisation von Selbstmedikation und ärztlicher Verordnung erhoffen sich die Apotheker von regelmäßigen Zusammenkünften zwischen beiden Heilberufen. "Zwei oder drei Treffen pro Jahr sind jedoch nur als vertrauensbildende Maßnahmen anzusehen, die in einen steten Kommunikationsprozeß über Therapiealternativen, Gründe von Chargenrücknahmen oder Nebenwirkungsrisiken einmünden müssen", so Friese. Die Arbeit beider Heilberufe in heute bundesweit 300 Arzt-Apotheker-Gesprächskreisen laufe gut, für die Jahrtausendwende erhoffe man sich eine Steigerung auf 1 000 Gesprächskreise.
Forderungen an die neue Bundesregierung
Um das Konzept des Mehrwertes für die Apotheke zu sichern, müssen nach Angaben von Friese auch von politischer Seite konkrete Störfaktoren ausgeschaltet werden: Dies betreffe die Ausschaltung des Versandhandels, der durch die 8. AMG-Novelle zwar national, aber nicht international obsolet geworden sei, sowie aller Bestrebungen, das Fremd- und Mehrbesitzverbot auszuhöhlen oder den Distributionsweg Apotheke zu gefährden. Zu den Wünschen an den Gesetzgeber zählen auch klare Richtlinien hinsichtlich der qualitativen und quantitativen Zusammensetzung von Nahrungsergänzungsmitteln, ihrer Dosierung und Verwendung.
"Von der neuen rot-grünen Bundesregierung erwarten wir die gleiche umfängliche Gesprächsbereitschaft wie bisher auf der Ebene von nüchternen Zahlen, Fakten und nachvollziehbaren Argumenten, nicht auf der Ebene von Ideologien, Mutmaßungen und Wunschdenken", betonte Friese. Ganz generell solle die Politik das Gesundheitswesen nicht einseitig als lohnkostensteigernden und die Gesamtwirtschaft belastenden Faktor ansehen, sondern erkennen, daß das Gesundheitswesen für die Produktivität und die Beschäftigung im Lande eine unverzichtbare Rolle spiele. Friese betonte in diesem Zusammenhang, daß die Apotheker im vergangenen Jahr trotz stagnierender Umsätze 2 000 neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen haben.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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