ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Medikationsplan für den Überblick

POLITIK

Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Medikationsplan für den Überblick

Dtsch Arztebl 2013; 110(16): A-751 / B-659 / C-659

Aly, Amin-Farid

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Eine standardisierte, strukturierte Informationsquelle soll den Informationsaustausch im Medikationsprozess verbessern und die Patientensicherheit erhöhen.

Foto: picture alliance
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Vor allem bei multimorbiden Patienten wird die Arzneimitteltherapie in der Praxis häufig dadurch beeinträchtigt, dass deren Gesamtmedikation nicht oder nur unzureichend bekannt ist. Einerseits ist es damit den am Medikationsprozess beteiligten Heilberuflern nicht möglich, Doppelmedikationen, Neben- und Wechselwirkungen, Kontraindikationen, notwendige Dosisanpassungen et cetera umfassend zu berücksichtigen. Andererseits wird auch die Therapietreue (Adhärenz) des Patienten beeinträchtigt, wenn dieser nicht zuverlässig darüber informiert ist, welche Arzneimittel er wie und wann einnehmen soll. Die diesbezüglichen rechtlichen und organisatorischen Bedingungen sind in Deutschland unbefriedigend. Anders als in den meisten Industriestaaten besteht zum Beispiel hierzulande keine grundsätzliche Verpflichtung, auf der ärztlichen Verschreibung die für den Patienten geltende Dosierung anzugeben (ausgenommen sind hier lediglich Betäubungsmittel und Rezepturen).

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Unterstützung für alle am Prozess Beteiligten

Zur Verbesserung der Situation wurden aus der Praxis immer wieder Forderungen nach einem einheitlichen patientenbezogenen Medikationsplan laut. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen weist in seinem Sondergutachten „Wettbewerb an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung“ (1) auf diese Problematik hin: „Der behandelnde Arzt muss einen vollständigen Überblick über die Arzneimittelhistorie des Patienten haben. Dazu gehören vollständige Angaben über alle aktuell eingenommenen Arzneimittel inklusive frei verkäuflicher (Over the Counter)-Medikamente und im Einzelfall auch solche, die früher eingenommen wurden.“ (Kapitel 4, Seite 59, Kurzfassung)

Zwar bieten viele Softwareprodukte für den Arzt-, Krankenhaus- und Apothekenbereich bereits die Möglichkeit, einen Medikationsplan zu erstellen. Dessen Inhalte und Format sind jedoch von Software zu Software unterschiedlich, so dass diese Produkte nicht ohne weiteres von einem anderen Prozessbeteiligten wiederverwendbar sind. Vielfach wird auch den Bedürfnissen des Patienten etwa hinsichtlich der Lesbarkeit nicht ausreichend Rechnung getragen. Somit sind diese Produkte nur bedingt geeignet, sämtliche am Medikationsprozess Beteiligten über die Gesamtmedikation eines Patienten zuverlässig und praktikabel zu informieren und die Medikationsdaten effektiv elektronisch nutzbar zu machen.

Der „Aktionsplan 2010–2012 zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) in Deutschland“ (2) sah deshalb vor, einen einheitlichen personenbezogenen Medikationsplan als standardisierte Informationsquelle für alle Beteiligten zu entwerfen und eine Spezifikation für die Softwareindustrie als Basis für die Implementierung in Arzt-, Krankenhaus- und Apothekensoftware bereitzustellen.

Verordnete Medikamente und Selbstmedikation

Hauptziel ist es dabei, dem Patienten (und seinen Angehörigen) eine zusammenfassende Information über sämtliche von ihm aktuell angewendeten Arzneimittel – verordnete und die der Selbstmedikation – in Papierform an die Hand zu geben. Dies umfasst auch Hinweise darauf, wie die Präparate richtig anzuwenden sind. Darüber hinaus soll der Medikationsplan die an der Versorgung beteiligten Heilberufler, insbesondere Ärzte, Apotheker und Pflegekräfte, über die Gesamtmedikation des jeweiligen Patienten informieren. Zusätzlich sollen die Daten für die AMTS-Prüfung durch einen Heilberufler – mit oder ohne Rechnerunterstützung – genutzt werden können.

Im Rahmen zweier von der Koordinierungsgruppe zur Umsetzung und Fortschreibung des Aktionsplans AMTS organisierten Workshops mit Vertretern von Ärzte- und Apothekerschaft, staatlichen Behörden, Patienten und Softwareindustrie wurden der Aufbau und die Inhalte eines einheitlichen Medikationsplans festgelegt (Abbildung).

Damit der Medikationsplan in der Praxis auch tatsächlich genutzt wird, muss er einerseits vom Patienten einfach zu handhaben sein. Andererseits ist sicherzustellen, dass jeder am Medikationsprozess beteiligte Heilberufler ihn in einem einfachen Verfahren aktualisieren kann. Dazu muss er sowohl in Papierform als auch in einer geeigneten maschinenlesbaren Form bereitgestellt werden.

Die inzwischen ebenfalls vorliegende Spezifikation schlägt als maschinenlesbare Form einen 2-D-Barcode vor, der alle Daten der Papierform beinhaltet. Letztlich erscheint es jedoch zielführend, dafür die elektronische Gesundheitskarte (eGK) zu nutzen, sobald diese verfügbar und praktikabel anwendbar ist.

Durch die elektronische Abbildung des Medikationsplans können dessen Inhalte bei seiner Vorlage in einer Apotheke, beim Arzt, bei stationärer Aufnahme oder in einer Pflegeeinrichtung elektronisch eingelesen und weiterverarbeitet werden. Damit sind die Daten einerseits zeitnah intern verfügbar und müssen nicht mehr händisch in das EDV-System einer Einrichtung übertragen werden. Durch die Fixierung auf Papier hält der Patient andererseits seine Medikationsdaten in der Hand und kann zu jeder Zeit – auch unter Datenschutzgesichtspunkten – selbst entscheiden, wie er damit verfährt. Er kann das Papier vernichten, einem Heilberufler vorlegen oder auch bei Bedarf Dritten wie etwa Angehörigen oder Pflegenden zur Verfügung stellen. Der Medikationsplan dient primär der Information des Patienten und ersetzt damit in keiner Weise die eGK, Patientendokumentationen, Arztbriefe, Entlassungsbriefe, Verschreibungen oder die Kommunikation zwischen Patient, Arzt, Pflegekraft oder Apotheker.

Die Spezifikation für den einheitlichen Medikationsplan ist im Internet einzusehen (3). Die Koordinierungsgruppe AMTS hält es für erforderlich, ihn vor einer breiten Einführung hinsichtlich Machbarkeit und Akzeptanz in der ambulanten und stationären Praxis einschließlich des Matchings zwischen Papier- und elektronischer Form zu erproben. Dafür sollten die in der Spezifikation beschriebenen typischen Anwendungsfälle (Erstellung in der Arztpraxis, im Krankenhaus, in der Apotheke, Aktualisierung, Konsolidierung) zugrunde gelegt werden.

Aus Sicht der Koordinierungsgruppe AMTS ist es zu begrüßen, dass einzelne Softwareanbieter sowohl für den medizinischen als auch den pharmazeutischen Bereich bereits jetzt ihren jeweiligen Medikationsplan aufgrund der vorliegenden Spezifikation anpassen und somit vereinheitlichen. Erste Anwendungen des Medikationsplans und verschiedene Projektkonzepte deuten darauf hin, dass mit der Spezifikation aktuellen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Es wäre auch zu begrüßen, wenn in dem geplanten Modellvorhaben zum ABDA-KBV-Konzept (Verordnung von Wirkstoffen, Verordnung nach indikationsbezogenem Medikationskatalog, Medikationsmanagement [4], siehe auch Artikel „KBV-ABDA-Konzept läuft an“) dieser Medikationsplan von Ärzten, Apothekern und Patienten genutzt werden würde.

Leitfaden für die praktische Anwendung

Die Koordinierungsgruppe AMTS wird die Erfahrungen mit dem einheitlichen Medikationsplan auswerten und die Spezifikation gegebenenfalls anpassen. Im Ergebnis soll ein Leitfaden für die praktische Anwendung durch Patienten und Heilberufler entstehen. Zusätzlich werden voraussichtlich auch die Softwareanbieter den Heilberuflern technische Hinweise für die Nutzung bereitstellen.

Koordinierungsgruppe zur Umsetzung und Fortschreibung des Aktionsplans des Bundesministeriums für Gesundheit zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Deutschland (Aktionsplan AMTS)

Anschrift für die Verfasser
Dr. Amin-Farid Aly
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft
Herbert-Lewin-Platz 1
10623 Berlin
farid.aly@akdae.de

1.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: Wettbewerb an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung, Sondergutachten 2012: Gutachten/2012/GA2012.
2.
Aktionsplan 2010–2012 zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) in Deutschland; Bundesministerium für Gesundheit, Juni 2010.
3.
www.akdae.de/AMTS/Massnahmen/docs/Medikationsplan.pdf
4.
www.kbv.de/38730.html
1. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: Wettbewerb an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung, Sondergutachten 2012: Gutachten/2012/GA2012.
2. Aktionsplan 2010–2012 zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) in Deutschland; Bundesministerium für Gesundheit, Juni 2010.
3.www.akdae.de/AMTS/Massnahmen/docs/Medikationsplan.pdf
4.www.kbv.de/38730.html

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