ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2013Zytokinforschung: Interleukin 1 ist im Visier

MEDIZINREPORT

Zytokinforschung: Interleukin 1 ist im Visier

Dtsch Arztebl 2013; 110(16): A-775 / B-675 / C-675

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Interleukin 1 ist ein hochwirksames Zytokin. Schon die Injektion weniger Nanogramm genügt, um Fieber auszulösen. Foto: Wikimedia Commons
Interleukin 1 ist ein hochwirksames Zytokin. Schon die Injektion weniger Nanogramm genügt, um Fieber auszulösen. Foto: Wikimedia Commons

Die systemische Entzündung ist ein Schlüssel zum Verständnis chronischer Erkrankungen. Zytokine wie IL-1 spielen eine bislang unterschätzte Rolle.

Persistierende, häufig nur unterschwellig ablaufende systemische Entzündungsprozesse werden zunehmend mit einer Vielzahl chronischer Erkrankungen in Verbindung gebracht. Dazu gehören die Arteriosklerose einschließlich der koronaren Herzkrankheit, die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, das metabolische Syndrom und die Insulinresistenz. Die Forschung hat sich daher der Aufklärung proinflammatorischer Mechanismen und der Entwicklung antiinflammatorischer Substanzen gewidmet. „Aus der Erforschung seltener vererbbarer Entzündungs- und Fiebersyndrome wie dem familiären Mittelmeerfieber haben wir gelernt, dass es eine molekulare Basis für Entzündungserkrankungen gibt, die primär nicht durch exogene Faktoren ausgelöst wurden“, sagte Prof. Dr. med. Elisabeth Märker-Hermann, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), beim Jahreskongress der Fachgesellschaft in Wiesbaden.

Durch die Identifikation genetischer Defekte in der Regulation der Entzündungskaskade konnten Schlüsselwege der Inflammation aufgedeckt werden – wie zum Beispiel das „Alarm“-Zytokin Interleukin 1 (IL-1). Durch eine unangemessen hohe Produktion und Freisetzung von IL-1-β kann eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome ausgelöst werden wie Arthritis, Exantheme, Konjunktivitis, Serositis, Fieber oder Hörverlust. „Bestimmte Krankheiten, die wir früher als Stoffwechselstörungen aufgefasst haben, gehören zu den Interleukin-1-vermittelten Erkrankungen, zum Beispiel die Gicht und der Typ-2-Diabetes“, erklärte Märker-Hermann.

„Interleukin 1 ist ein zentrales Zytokin, das für viele wichtige Entzündungskrankheiten in der Inneren Medizin eine Rolle spielt, die früher gar nicht behandelt werden konnten und die heute behandelbar werden“, fügte Prof. Dr. Charles Dinarello hinzu. Der renommierte und mit vielen Preisen geehrte Immunologe der Universität von Colorado in Denver gilt als Gründungsvater der Zytokinbiologie. Er klonierte als Erster Interleukin-1-beta und etablierte die Anwendung von IL-1-Hemmstoffen (Anakinra, monoklonale Antikörper).

Wird das Zytokin medikamentös außer Gefecht gesetzt, kommt es zur Verbesserung unterschiedlicher inflammatorischer Erkrankungen (unter anderem ankylosierende Spondylitis, Morbus Still, familiäres Mittelmeerfieber, Schnitzler-Syndrom, Morbus Behçet, Synovitis, Gicht, Diabetes mellitus Typ 2, systolische Herzinsuffizienz, Sicca-Syndrom, multiples Myelom).

Regeneration der Betazellen des Pankreas bei Diabetikern

Wie Dinarello in Wiesbaden berichtete, führt die einmal monatliche Therapie mit einem IL-1-Antagonisten zu einer Regeneration der Betazellen des Pankreas bei Diabetikern, so dass deren Insulinbedarf um 66 Prozent verringert werden kann. Wie bei allen biologischen Medikamenten sind die erheblichen Kosten dieser Therapieformen zu berücksichtigen. Dinarello schätzt die Diabetesbehandlung indes als kostenneutral ein.

Studie untersucht das kardiale „remodeling“

Mit Spannung erwartet der US-Immunologe die Ergebnisse der 2011 gestarteten CANTOS*-Studie, die den Einfluss des IL-1-β-Antikörpers Canakinumab auf das „remodeling“ nach Myokardinfarkt untersucht. Hintergrund ist, dass die chronische Entzündung, gemessen an hohen Konzentrationen des C-reaktiven Proteins (CRP) im Blut, das kardiovaskuläre Risiko erhöht. Bislang ist aber unbekannt, ob eine direkte Hemmung der IL-vermittelten Entzündung die Rate an kardiovaskulären Komplikationen reduziert.

In CANTOS eingeschlossen werden 17 200 stabile Infarktpatienten mit persistierender CRP-Erhöhung (> 2 mg/L). Als primärer Endpunkt placebokontrolliert untersucht wird, ob 50, 150 oder 300 mg Canakinumab (alle drei Monate subkutan) die Raten von rezidivierenden Herzinfarkten, Schlaganfällen und Herz-Kreislauf-Todesfällen reduziert. Zudem sollen neu auftretende Entzündungen, Diabetes, venöse Thrombosen und Vorhofflimmern dokumentiert werden.

Verliefe die Studie positiv, „dann wäre die entzündliche Hypothese der Atherothrombose bestätigt und es stünde eine Zytokintherapie für die sekundäre Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetesneuerkrankungen zur Verfügung“, sagte Dinarello.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

*CANTOS = Canakinumab Anti-inflammatory Thrombosis Outcomes Study

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema