ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1996Neue Erkenntnisse der Chronobiologie: Wie Hormone Schlaf und Stoffwechsel regulieren

POLITIK: Medizinreport

Neue Erkenntnisse der Chronobiologie: Wie Hormone Schlaf und Stoffwechsel regulieren

Dtsch Arztebl 1996; 93(18): A-1170 / B-997 / C-934

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Für den dynamischen Menschen ist der Schlaf verlorene Zeit. Die Nachtruhe verkürzt die Freizeit, und wer einen anstrengenden Job hat oder nach dem Motto "Nur nichts verpassen" lebt, für den kann das Ziel kaum darin bestehen, möglichst viele Stunden schlafend zu verbringen. Genau das ist nach Untersuchungen von US-Wissenschaftler Thomas Wehr vom National Institute of Mental Health in Bethesda (Maryland) erforderlich, wenn die Nacht eine maximale Erholungswirkung haben soll. Wehr ist Chronobiologe und beschäftigt sich mit den tagesrhythmischen Schwankungen von Körperfunktionen.
In einem Experiment verglich der Forscher die Auswirkungen eines achtstündigen mit einem 14stündigen Schlaf auf die Fitneß. Eine derart lange Nachtruhe ist für heutige Menschen undenkbar. Vor der Erfindung des künstlichen Lichts dürfte er bei unseren Vorfahren zumindest im Winter üblich gewesen sein. Die Teilnehmer der Studie gaben an, daß sich die zusätzlichen sechs Stunden positiv auf ihr Wohlbefinden ausgewirkt hätten. Sie fühlten sich nicht nur ausgeschlafen, sondern auch tatkräftiger und psychisch ausgeglichener. Die Ursache hierfür könnte in den Veränderungen des Hormonspiegels liegen, die Wehr und seine Mitarbeiter feststellten. Während der Nachtzeit steigen bei den Menschen die Blutspiegel der Hormone Melatonin und Prolaktin deutlich an. Für Melatonin ist dies seit langem bekannt. Das Hormon wird in der Zirbeldrüse gebildet, die über Nervenbahnen mit dem Auge verbunden ist. Während tagsüber Lichtreize die Produktion von Melatonin hemmen, kommt es nachts zu einem Anstieg des Hormons. Von der Zirbeldrüse gibt es eine direkte Verbindung zur Hypophyse, wo unter anderem das Hormon Prolaktin gebildet wird. Prolaktin hat eine Vielzahl von Funktionen. Seine bekannteste ist die Steuerung der Milchbildung in der weiblichen Brust. Bei Vögeln beeinflußt das Hormon das Brutverhalten. Es sorgt dafür, daß die Eier tatsächlich ausgebrütet werden. Wehr konnte nun zeigen, daß der Prolaktinspiegel nicht nur während der Tiefschlafphase, sondern während der gesamten Nachtruhe erhöht ist, selbst dann, wenn die Probanden im Halbschlaf eher dösten als wirklich schliefen. Bei der geringsten Ruhestörung kommt es allerdings sofort zu einem Prolaktinabfall, der mit einer Verschlechterung der Erholungswirkung des Schlafes einhergeht. Der Körper gleicht dieses Schlafdefizit durch zusätzliche Prolaktinanstiege am Morgen und am Nachmittag aus. Gleichzeitig besteht eine Störung des Kortisonspiegels. Die Folge ist eine Stoffwechselkonstellation, die bei wechselwarmen Tieren für die Einlagerung von Fett vor dem Winterschlaf verantwortlich ist. Beim Menschen löst sie jedoch eine Stoffwechselstörung aus, die Insulinresistenz, die heute für den Altersdiabetes und das Übergewicht vieler Menschen verantwortlich gemacht wird. Die Unempfindlichkeit der Körperzellen für das Hormon Insulin läßt den Glucosespiegel im Blut ansteigen. Für das Pankreas ist dies wiederum ein Signal dafür, noch mehr Insulin auszuscheiden. Dieses zusätzliche Insulin bewirkt nun, daß der Zucker in der Leber zu Fettsäuren umgebaut wird, die dann im Fettgewebe eingelagert werden. Wissenschaftler sehen in der Insulinresistenz der Fettsüchtigen heute ein Vorstadium des Diabetes. Eine Möglichkeit, den drohenden Alterszucker zu verhindern, ist eine zuckerarme Diät. Theoretisch könnte auch die Normalisierung des Prolaktinspiegels durch das Medikament Bromocriptin eine vorbeugende Wirkung gegen Fettsucht und Diabetes haben.
Auf einem Kongreß der amerikanischen Diabetesgesellschaft stellten Wissenschaftler von Ergo Science, einer kleinen Pharmafirma in Boston, erste Ergebnisse einer Studie vor. Danach scheint Bromocriptin nicht nur zu einer Normalisierung des Prolaktinspiegels, sondern auch zu einer Gewichtsreduktion und einer Besserung der Diabetessymptome zu führen. Wie die Wissenschaftszeitung "Science" berichtet, waren nicht alle Experten von diesem Ergebnis überzeugt. Jetzt soll eine größere klinische Studie den möglichen Zusammenhang "erhellen". Rüdiger Meyer

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