ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2013Schach: Rätselhafte Tachykardie

SCHLUSSPUNKT

Schach: Rätselhafte Tachykardie

Dtsch Arztebl 2013; 110(17): [72]

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Als ein von Kindesbeinen an höchst mäßig begabter Fußballspieler bin ich froh und stolz, in der Altherrenmannschaft des FV Elsendorf, eines Dorfes bei Bamberg, noch mittun zu dürfen. Als linker Verteidiger, bar jeder technischen Raffinesse, kurzum ein „Rumpelfüßler“, bewundere ich alle, denen Kunststücke mit dem Ball gelingen. Eine ähnliche, atavistische, natürlich weitestgehend irrationale Hochachtung hege ich für die Zunft der Chirurgen, wohlwissend, dass sich auch unter ihnen manche „Rumpelhändler“ tummeln.

Teilweise mag dieses Ehrfurchtsgefühl aus den Erfahrungen mit meinem leider schon verstorbenen persischen Freund Dr. med. Modjtaba Abtahi, dem späteren Chefarzt der Unfallchirurgie des Prosper-Hospitals Recklinghausen, genährt sein, der die Chirurgie ebenso sehr wie das Schachspiel liebte – und das will etwas heißen. Öfters hatte ich Gelegenheit, seine fast traumwandlerische Sicherheit bei Operationen zu beobachten: Er hatte einfach „ein Händchen“ dafür.

Anzeige

Ich erinnere mich, als ich ihn bei einem meiner Besuche zur Sonntagmorgenvisite ins „Prosper“ begleitete und der diensthabende Assistenzarzt ihm von einem jungen Mann mit Appendizitisverdacht berichtete, der inzwischen aber beschwerdefrei sei und dessen Blutwerte auch unauffällig seien: „Das ist wohl nichts!“ Genau dieser Meinung wäre ich auch gewesen. Modjtaba langte nur kurz auf dessen Bauch und ordnete die sofortige Operation an, die er selbst durchführte: Es war ein perforierter Appendix. Mancher hat’s und mancher nicht.

Ein anderer Chirurg, „der’s hat“, ist Dr. med. Wolfgang Weise, mit dem ich einst bei der Deutschen Jugendmeisterschaft spielte und der im unruhigen Ruhestand unter anderem jedes Jahr in der Notfallzentrale des Roten Kreuzes auf dem Münchener Oktoberfest Hunderte von kleineren Verletzungen im Mini-OP versorgt.

Doch vor kurzem musste auch er „versorgt“ werden, wegen etwas erhöhten Blutdrucks war er zum stationären Check-up im Krankenhaus Altötting. Aber (internes) Krankenhaus kann irgendwann langweilig sein, zumal als Patient und – erschwerend – betriebsamer Chirurg. Was liegt da näher, als dass Wolfgang mit dem Langzeit-EKG am Körper am Dienstagabend heimlich das Krankenhaus verlässt und zu später Stunde über die Notaufnahme wieder hineinschleicht?! Doch was macht er in der Zwischenzeit? Nun, er vergnügt sich beim Kurzzeitturnier im Schachverein Altötting. Unentdeckt? Nicht ganz. Zwei Tage später meint nämlich bei der Abschlussbesprechung der befreundete Chefarzt der Inneren Abteilung zu ihm: „Du, dein Langzeit-EKG ist gut ausgefallen, keine Extrasystolen, keine Arrhythmien. Nur am Dienstagabend war die Herzfrequenz deutlich beschleunigt!“

Eine ausgesprochen lohnende Tachykardie, denn Wolfgang gelang dabei eine wunderschöne Kombination gegen Josef Magg.

Mit welcher Opferkombination konnte er als Weißer am Zug den schwarzen König in – kaum glaubhaft – spätestens vier Zügen mattsetzen?

Lösung:

Natürlich lädt der „Sargnagel“ f6 zu Missetaten ein, aber . . . Der Schlüsselzug ist das Turmopfer 1. Te8+!, mit dem der schwarze Turm nach 1. . . . Txe8 gezwungen wird, seinem König das Fluchtfeld e8 zu nehmen. Und weiter 2. Dg2+ Kf8 (das sinnlose Damenopfer 2. . . . Dg3 3. Dxg3+ verlängert das Verfahren nur um einen Zug) 3. Dg7 matt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema