ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2013Honorararztwesen: Kein Aussteiger, sondern ein Einsteiger
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

. . . Der Kommentar von Herrn Chefarzt Dr. med. Andres hat mich persönlich sehr betroffen gemacht. Seit 2001 bin ich als Honorararzt in vielen unterschiedlichen Kliniken zum Einsatz gekommen, in den meisten dieser Kliniken bestanden keine Strukturen mehr, die man als Hierarchie bezeichnen konnte. Ich hatte in einem Fall die Aufgabe, eine chirurgische Abteilung, die über 80 Jahre bestand, in den letzten acht Wochen ihres Bestehens als Leitender Oberarzt zu begleiten, in einem anderen Klinikum war der langjährige Chefarzt der Chirurgischen Abteilung von der Verwaltung fristlos entlassen worden, die Oberärzte hatten kurzfristig gekündigt oder waren dabei, die Klinik zu verlassen, es waren noch zwei Assistenzärzte da, meine Aufgabe war es, mit einem noch verbliebenen Oberarzt die Klinik kommissarisch zu führen, bis ein neuer Chefarzt gefunden wurde, dies zog sich letztendlich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren hin. Es liegt mir fern, weiter über meine Person und meine Erlebnisse zu berichten. Es geht mir darum aufzuzeigen, dass meine Tätigkeit alle Ebenen der „Hierarchie“ abgedeckt hat.

Die von Herrn Chefarzt Andres vorgetragenen Begriffe, „es sei gefährlich und nicht förderlich“, „es werde möglichst ohne Übernahme von Abteilungs- oder Teamverantwortung“ gearbeitet, „das Interesse an struktureller Arbeit gehe oft gegen null“ . . . zeigen mir doch eine sehr starke Abneigung gegen Ärzte, die als Honorararzt arbeiten . . .

Anzeige

Es gibt unter den Honorarärzten sicher auch Kollegen, die jene von Herrn Chefarzt Andres vorgetragenen „Kriterien“ erfüllen, diese „Qualitäten“ lassen sich auch mühelos unter angestellten Kollegen finden, wer da anderes behauptet, ist fernab der Realität. Viele Honorarärzte waren früher als Chef- oder Oberärzte tätig und sind hochqualifizierte, gut ausgebildete Ärzte.

Ich habe mir in den vergangenen Jahren keine der von Herrn Chefarzt Andres gerügten Allüren leisten können. Es ist ja auch so, dass ein Honorararzt es sich gar nicht „leisten“ kann, schlechte Arbeit zu leisten, es kann durchaus sein, dass eine zufriedene Klinik den gleichen Honorararzt wieder anfordert, dies habe ich selbst erlebt. Fast in allen Kliniken wurde mir sogar eine unbefristete Festanstellung angeboten.

Oft war ich in Situationen, in denen neben sozialer Kompetenz fachliches Höchstniveau und der Wille, die vorgefundene Situation zu meistern, gefragt waren.

Gerade für einen Honorararzt, oder „Freelancer“, ist es erforderlich, sich in extrem kurzer Zeit in eine neue Klinik hineinzuversetzen, mit sämtlichen Konsequenzen. Es kam für mich nicht infrage, in einer Klinik bestehende Strukturen oder Abläufe zu bekämpfen, die Aufgabe war klar definiert, maximale Leistung auf fachlichem Höchstniveau, ohne Abstriche, und dies auch und oft länger als 30 Stunden.

Sehr geehrter Herr Chefarzt Andres, die durch eine freiberufliche Honorararzttätigkeit entstehenden Verpflichtungen (unter anderen Berufshaftpflicht, Kran­ken­ver­siche­rung, Berufsgenossenschaft) müssen in eigener Regie erfolgen, wobei eine Honorarzahlung im Krankheitsfall durch die private KV natürlich gar nicht abgesichert werden kann, das Gleiche gilt für den Urlaub.

Wenn Sie nach getaner Arbeit in Ihre Familie zurückkehren, geht der Honorararzt in eine mehr oder weniger komfortable Unterkunft . . .

Ich habe auch schon über ein Jahr in einer leerstehenden Dreizimmerwohnung gewohnt. Da kann man dann seiner Mentalität als „Rosinenpicker“ so richtig frönen . . .

Die Vorteile im Angestelltenverhältnis sind gegenüber einem Honorararzt auf jeden Fall bezüglich Lebensqualität, Planbarkeit, sozialer Absicherung, fachlicher Weiterbildung usw. auf der Seite des Angestellten . . .

Der Honorararzt ist kein Aussteiger, sondern ein Einsteiger und hat aus meiner Sicht der Dinge in den letzten Jahren so mancher Klinik in schwierigen Zeiten geholfen, ihrem Versorgungsauftrag gerecht zu werden.

Dr. med. Dr. Frank Steinmeier, 88650 Pfullendorf

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige