ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1998Glaube und Wissen im Mittelalter: Die hohe Kunst des Büchermachens

VARIA: Feuilleton

Glaube und Wissen im Mittelalter: Die hohe Kunst des Büchermachens

Dtsch Arztebl 1998; 95(42): A-2646 / B-2254 / C-2118

Hoffmanns, Christiane

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LNSLNS Aus Anlaß des 750 jährigen Domjubiläums stellt das Diözesanmuseum Köln jetzt mehr
als hundert Handschriften des 6. bis 16. Jahrhunderts der Öffentlichkeit vor.
Große Aufregung hat in den letzten Jahren in den deutschsprachigen Ländern eingesetzt: Die Rechtschreibreform ist in aller Munde. Ein Buch wie "De orthographia" (Über die Rechtschreibung) könnte da Abhilfe schaffen - wäre es nicht weit mehr als 1 000 Jahre alt. Sein Verfasser, der Mönch Alkuin, leitete die Hofschule Karls des Großen in Aachen, und ihm oblag es, am Ende des 8. Jahrhunderts nicht nur eine neue Rechtschreibung, sondern überhaupt eine neue Schrift mit ganz neuen Regeln einzuführen. Fehler durfte er sich dabei nicht erlauben, denn die neue Schrift sollte die verbindliche Grundlage für ein ganzes Staatswesen, das riesige Reich Karls des Großen, werden.
Die Schriftreform gelang und prägte fortan das geistige Leben des Abendlandes: Überall wurden neue Klöster gegründet, in welchen die Mönche in der Kunst des Lesens und Schreibens unterrichtet wurden, wo von berufsmäßigen Schreibern Urkunden gefertigt und prachtvolle Bücher (Codices) geschrieben und mit märchenhaften Bildern und Ornamentranken versehen wurden. Es entstanden die ersten Bibliotheken des Mittelalters, und stolz verzeichneten sie ihren Bestand an Büchern: Im Kloster auf der Insel Reichenau gab es um 800 n. Chr. ganze 400 Bücher, in der Würzburger Dombibliothek 35, in der Kölner Dombibliothek erst 175 Bände. Bei diesen Büchern des Mittelalters zählt nicht allein die Menge, was zählte und auch heute noch zählt, ist ihre außergewöhnliche Qualität, die Schmuck- und Erzählfreude ihrer Bilder, Initialen und Rankleisten sowie eine meisterhafte Kalligraphie.
Der Kölner Erzbischof Hildebald (vor 787 bis 818), einer der bedeutenden Berater Karls des Großen, baute die Bibliothek systematisch auf. Ihr Grundbestand läßt sich aufgrund eines Kataloges, der 833 erstellt wurde, nachvollziehen. Darin sind 115 Titel verzeichnet.
Fast möchte man über die Pracht dieser Bücher ihren Inhalt vergessen, doch spiegeln sich darin die geistlichen und geistigen Belange des kirchlichen Zentrums im Reich und deren Veränderung wider. Der Aufbau der Ausstellung folgt der Rangfolge, die die Schriften im Mittelalter hatten. An erster Stelle steht die Heilige Schrift. Es folgen Bücher zur Liturgie, die Literatur der Kirchenväter, Codices, die Konzilsbeschlüsse und päpstliche Entscheidungen dokumentieren, sowie Bücher als Grundlage für den "Schulunterricht", wozu auch die christlichen und heidnischen Dichter sowie Schriften zu den Freien Künsten zählten. Einen deutlichen Schwerpunkt der Sammlung bilden karolingische und ältere Codices, die im ersten Raum präsentiert werden. Die älteste gezeigte Handschrift entstand Ende des 6. Jahrhunderts in Südfrankreich. Es handelt sich dabei um eine Sammelhandschrift, die sich mit Kirchenrecht und Kirchenrechtsgeschichte beschäftigt. Die jüngsten Exponate sind Frühdrucke aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts.
Im Mittelalter war jedes Buch wertvoll. Denn unabhängig von der Autorität, die sein Inhalt verkörperte, kostete jedes Buch ein Vermögen. Bis zu 200 Tierhäute wurden benötigt, um das Pergament für ein einziges Buch zu gewinnen. Insgesamt bietet die hervorragend präsentierte Ausstellung einen sehenswerten Überblick über die hohe Kunst des Büchermachens. Außerdem gewährt sie Einblicke in die Verbindung zwischen geistlichem, geistigem und politischem Leben im Mittelalter. Christiane Hoffmanns
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