KULTUR

Leitende Ärzte im Krankenhaus: Drei Perspektiven für mehr Gelassenheit

Dtsch Arztebl 2013; 110(17): A-842 / B-734

Daniels, Katharina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

(V)erkennen Klinikärzte ihren Selbst-Wert?

Selbst die ärztlichen Hochleistungsträger, die bislang den wachsenden Anforderungen mit immer noch mehr Leistung begegnet sind, machen heute ihrem Unmut Luft: über das Diktat der Ökonomie sowie die Diskrepanz zwischen Verantwortung und Gestaltungsspielräumen. Vom Burn-out der Ärzte sprechen Sachbuchautoren, und immer mehr Studien widmen sich der bedrohten Gesundheit derjenigen, die anderen zur Gesundheit verhelfen.

„Stopp“, rufen die Autoren des Buchs „Leistungsbalance für Leitende Ärzte“: „Es gibt Optionen, die verantwortliche Position mit Freude an der Aufgabe und kraftvoll auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auszuüben.“ Entscheidend sei, so Autor Jens Hollmann, der seit Jahren Chefärzte coacht, ein Switch der Perspektive. Sich selbst nur noch als Getriebenen zu betrachten, sei ein häufiger Fehler, ergänzt Mitautorin Prof. Dr. med. Angela Geissler, Radiologie-Chefärztin am Robert-Bosch-Klinikum Stuttgart.

Drei Aspekte sehen die Autoren als besonders relevant an: Was kann die Klinik für die Leistungskraft und Leistungsfreude ihrer ärztlichen Leistungsträger tun? In welchem Maß verlangt sich der Leitende Arzt selbst das Äußerste ab? Und wie sorgsam geht der Arzt mit seinen Ressourcen um?

„Die ärztliche Leistung ist einer der wichtigsten Garanten für den Erfolg einer Klinik“, betonen die Autoren und sprechen ihre Leser direkt an: „Haben Sie schon einmal daran gedacht, die adäquate Gegenleistung einzufordern?“ Die besteht in weit mehr als Gehaltszahlung und möglichen Boni. Hier fallen Begriffe wie betriebliches Gesundheitsmanagement für die Leistungsträger der Klinik, psychosoziale Gefährdungsbeurteilung und Arbeitsplatzzufriedenheit. Eine von der Universität Stanford entwickelte Formel ermögliche es der Klinikleitung, die Kosten von geminderter Arbeitsleistung durch Erschöpfung mit den Kosten für fundierte Maßnahmen zur Gesundheit der Mitarbeiter abzugleichen.

Im nächsten Schritt lenken die Autoren den Fokus der Ärzte auf den Umgang mit sich selbst. Ärzte gehen oft über die eigenen Grenzen hinaus. In der Arbeitsforschung spricht man von Präsentismus. Der Arzt geht in einem Zustand zur Arbeit, in dem er seinen Patienten längst krankgeschrieben hätte. Präsentismus ist auch gekennzeichnet durch einen exzessiven Arbeitsstil, ein ständiges Empfinden inneren Drucks, seine Aufgaben erfüllen zu müssen, obwohl die eigene Grenze erreicht, vielleicht schon überschritten ist. Eine Form der Selbstausbeutung, die in Japan bereits Eingang in eine behördliche Richtlinie gefunden hat: „Karoshi“ (Tod durch Arbeitsüberlastung) lautet die Diagnose, die spezielle Entschädigungszahlungen an Angehörige legitimiert.

Die Autoren wollen japanischen Verhältnissen vorbeugen und geben Tipps zu mehr Gelassenheit: „Der Schlüssel liegt in der Haltung zur Situation“, betonen sie. Es gibt viele Situationen im Klinikalltag, die auch Leitende Ärzte nicht ändern können: Grenzverweildauern, MDK-Anfragen, CMI. Zwar seien Coping, Resilienz und die neurobiologischen Prozesse zur Stressresilienz vielen Ärzten bekannt, so Hollmann: „Aber nutzen sie diese Erkenntnisse auch für sich selbst?“ Chronischer Stress, warnt Geissler, verändere auch die Persönlichkeit, neuronale Reparationsvorgänge fänden nicht mehr statt.

Coping (to cope = überwinden) bezeichnet Handlungsstrategien, um stressbelastete Situationen planvoll zu bewältigen. Die Autoren haben aus wissenschaftlichen Quellen und Beratungsmandaten sechs Varianten entwickelt, wie etwa den antizipierenden Stil, im Rahmen dessen der Arzt sein Handeln nach der Wirkung ausrichtet, die er sich als Folge seines Handelns erhofft. Der Resilienzbegriff ist der Physik entlehnt – als Fähigkeit eines Wirkstoffes, sich verformen zu lassen und danach in die ursprüngliche Form zurückzuspringen. Die innere Grundhaltung, die im Moment der fordernden Situation dem Handelnden seine Autonomie belässt, lässt sich gezielt trainieren und schützt den Handelnden davor, zum Spielball der Geschehnisse zu werden.

Aus ihren Erfahrungen heraus beschreiben Hollmann und Geissler sechs Säulen der Resilienz. So spielt die Zuversicht, dass die Krise befristeter Natur ist, eine wichtige Rolle, um den Geschehnissen erhobenen Hauptes zu begegnen. Resiliente Menschen betrachten die Situation als Herausforderung an ihre Gestaltungskraft, den Knoten zu lösen. Ein wichtiges Moment ist dabei die Gefühlsstabilität. „Es gibt Entwicklungen“, präzisiert Hollmann, „die sich Ihrem Einfluss komplett entziehen.“ Gefühlsstabilität bedeutet, den emotionalen Fokus verändern zu können und aus der Warte des beobachtenden und regulierenden „Selbst“ heraus den Eigenanteil am Geschehen und den Fremdeinfluss abwägen zu können. Je nach Gemengelage ist ein anderes Handeln hilfreich.

Katharina Daniels

Jens Hollmann, Angela Geissler: Leistungsbalance für Leitende Ärzte. Springer, Berlin 2013, 103 Seiten, gebunden, 44,95 Euro

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige