ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2013Fortschritt heißt Wandel
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Diese Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts befasst sich zweimal mit malignen Erkrankungen der Pleura (1, 2). Michael Ried und Hans-Stefan Hofmann beschreiben in ihrem Beitrag den malignen Pleuraerguss als Folge einer Pleurakarzinose, einer Erkrankung, die zu den häufigsten Befunden bei malignen Erkrankungen überhaupt gehört und die mit einem mittleren Überleben der Patienten von weniger als zwölf Monaten eine schlechte Prognose hat. Jeder unklare, neu aufgetretene Pleuraerguss sollte punktiert und zytologisch untersucht werden. Eine Talkumpleurodese oder ein dauerhafter, getunnelter Pleurakatheter stehen als palliative Therapieoptionen zur Verfügung.

Der Artikel von Volker Neumann und Koautoren widmet sich dem malignen diffusen Pleuramesotheliom, einer anzeigepflichtigen Berufskrankheit, die durch vergleichsweise geringfügige und kurze Asbestexpositionen induziert werden kann. Die Probengewinnung durch CT-gesteuerte Biopsien oder offene chirurgische Eingriffe stellen die wesentlichen diagnostischen Methoden zur Sicherung des Mesothelioms dar. Es stehen multimodale Therapiekonzepte zur Verfügung, die in spezialisierten Zentren durchgeführt werden sollten.

Therapieziel: Verbesserung der Lebensqualität

Für beide Erkrankungen gilt, dass es für die Mehrzahl der Patienten keine Heilung gibt, es geht primär darum, Beschwerden zu lindern und eine möglichst gute Lebensqualität zu ermöglichen. Welche Therapie im Hinblick auf dieses Ziel am besten ist, kann im Einzelfall durchaus unterschiedlich sein, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten muss im Gespräch zwischen Arzt und Patient die Option gefunden werden, die eben diesem Patienten am meisten entspricht. Ein solches individuelles Therapiekonzept hat gerade bei nicht heilbaren Erkrankungen und insbesondere unter palliativen Gesichtspunkten einen großen Stellenwert. Wissenschaftlicher Fortschritt, das zeigen beide Artikel aufs Deutlichste, führt zu neuen Behandlungsoptionen und erhöht damit die Zahl der therapeutischen Möglichkeiten. Mit der steigenden Zahl an Therapieoptionen erhöht sich jedoch auch der Gesprächsbedarf zwischen Arzt und Patient. Der Bedarf an spezifisch ärztlicher Tätigkeit nimmt durch technische Fortschritte nicht ab, sondern eher stetig zu, weil die individuelle Entscheidung eben nur im Gespräch zwischen dem über die therapeutischen Möglichkeiten informierten Arzt und dem seine Bedürfnisse äußernden Patienten getroffen werden kann. Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass heute jeder Patient über das Internet eine Vielzahl an Informationen über seine Krankheit bekommen kann, wobei der Wahrheitsgehalt der im Internet zu medizinischen Fragen veröffentlichten Themen häufig zweifelhaft ist und die Mehrzahl der Patienten den Wert dieser Mitteilungen im Hinblick auf die eigene Erkrankung nur schwer einschätzen kann.

Übertriebene Heilungserwartungen durch das Internet

Als Beispiel seien die Berichte und Diskussionsforen zur Lasertherapie bei Lungenmetastasen genannt, einer Methode, die nur in ausgewählten Fällen anwendbar ist, bei Pleurakarzinose jedoch keinen Stellenwert hat. Durch das Internet werden heute übertriebene Heilungserwartungen erzeugt, während früher die Unheilbarkeit einer Erkrankung im Gespräch zwischen Arzt und Patient früher und ausführlicher diskutiert wurde. Medizin ist im Ursprung zumindest in allen neueren Kulturen eine Praxis des Sorgens und Heilens gewesen, „care“ und „cure“, gleichermaßen und ungeteilt (3). Es ist an der Zeit, den Wert des Sorgens und Begleitens wieder zu erkennen und diesen dem Diktat des Heilens, des technischen Fortschritts zumindest gleichwertig gegenüberzustellen.

Lange Halbwertszeit wird vergessen

Es ist erfreulich, dass das Deutsche Ärzteblatt dem Pleuramesotheliom als wichtigste – wenn auch nicht einzige – asbestassoziierte Erkrankung einen Platz einräumt. Weil Asbest in Deutschland zumindest seit 25 Jahren (in den neuen Bundesländern, in den Übrigen noch länger) verboten ist, scheinen uns die durch diesen Werkstoff ausgelösten Erkrankungen nicht mehr von wesentlicher Bedeutung. Dabei wird gerne die lange Halbwertszeit zwischen Schadstoffexposition und Tumorentstehung vergessen, die allein noch einen Anstieg der Erkrankungszahlen in den nächsten Jahren möglich macht. Noch wesentlicher ist jedoch der Aspekt, dass dieselben Arbeitsschutzbedingungen, die in Deutschland gelten, bei Weitem nicht überall in der Welt angewendet werden. In vielen Ländern, durchaus auch in eine Reihe von Industrieländern wie beispielsweise Kanada, Russland und China, wird weiter in großem Stil mit Asbest gearbeitet. Menschen aus diesen Ländern sind nach der Ostöffnung der Grenzen nach Deutschland gekommen oder werden es im Zuge der Globalisierung tun. Das Pleuramesotheliom muss deshalb als eine wesentliche Differenzialdiagnose des Pleuraergusses oder des chronischen Pleuraschmerzes bekannt bleiben, um frühe Diagnosestellung und bessere Therapiemöglichkeiten zu ermöglichen. Im Rahmen des Möglichen sollte die Diskussion über Asbest und seine Gesundheitsfolgen durchaus auch in politische Verhandlungen einfließen, wenn Arbeitsbedingungen in anderen Ländern im Rahmen unserer wirtschaftlichen Kooperationen Thema sind.

Lungen- und Bronchialerkrankungen auf dem Vormarsch

Es ist kein Zufall, dass in dieser Ausgabe des Ärzteblatts gleich zwei pneumologische Erkrankungen vorgestellt werden. Lungen- und Bronchialerkrankungen haben weltweit in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, nach Einschätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation finden sich mit den obstruktiven Atemwegserkrankungen (Asthma/COPD), der Pneumonie, der Tuberkulose und dem Bronchialkarzinom gleich vier pneumologische unter den zehn am häufigsten zum Tode führenden Erkrankungen (4). Da mit Ausnahme der Tuberkulose für alle diese Erkrankungen eine Zunahme mit steigendem Alter zu erwarten ist, wird sich der Zahl der Patienten mit diesen Erkrankungen in den nächsten Jahren weiter erhöhen. Lungenerkrankungen erweisen sich zudem als wesentliche Risikofaktoren für die Entstehung und den Verlauf anderer chronischer Erkrankungen wie beispielsweise des Herzinfarkts oder des Diabetes mellitus (5). Dem ist auf forschungspolitischer Seite mit der Schaffung des Deutschen Zentrums für Lungenheilkunde Rechnung getragen worden (6).

Die Fortschritte der Medizin haben unter anderem zu einer Verbesserung der Lebenserwartung geführt. Tumorleiden mit all ihren Komplikation werden weiter an Bedeutung gewinnen. Dieser Herausforderung können wir uns nur stellen, indem wir den Auf- und Ausbau interdisziplinärer Betreuungskonzepte fördern. Beide hier beschriebenen Pleuraerkrankungen zeigen beispielhaft, wie therapeutischer Fortschritt auch bei nicht heilbaren Erkrankungen zu einer Verbesserung der Lebensqualität von Patienten benutzt werden kann.

Interessenkonflikt
Prof. Welte erhielt Honorare für die Durchführung von klinischen Auftragsstudien für Phase-III-Studien von Eli Lilly Pharma.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Tobias Welte
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Klinik für Pneumologie
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
welte.tobias@mh-hannover.de

Englische Überschrift: Progress means change—reflections on two articles about pleural disease

Zitierweise
Welte T: Progress means change—reflections on two articles about pleural disease. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(18): 311–2.
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0311

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Ried M, Hofmann HS: The treatment of pleural carcinosis with malignant pleural effusion. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(18): 313–8 VOLLTEXT
2.
Neumann V, Löseke S, Nowak D, Herth FJF, Tannapfel A: Malignant pleural mesothelioma—incidence, etiology, diagnosis, treatment and occupational health. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(18): 319–26 VOLLTEXT
3.
Pellegrino ED, Thomasma DC: Helping and Healing. Religious commitment in Health Care. Washington: Georgetown University Press, 1997, Caring and Curing pp 26–38.
4.
Lopez AD, Murray CC: The global burden of disease, 1990–2020. Nat Med. 1998; 4: 1241–3 CrossRef MEDLINE
5.
Barnes PJ, Celli BR: Systemic manifestations and comorbidities of COPD. Eur Respir J. 2009; 33: 1165–85 CrossRef MEDLINE
6.
Seeger W, Welte T, Eickelberg O et al.: The German centre for lung research—translational research for the prevention, diagnosis and treatment of respiratory diseases. Pneumologie. 2012; 66: 464–9 MEDLINE
Klinik für Pneumologie, der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH): Prof. Dr. med. Welte
1. Ried M, Hofmann HS: The treatment of pleural carcinosis with malignant pleural effusion. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(18): 313–8 VOLLTEXT
2.Neumann V, Löseke S, Nowak D, Herth FJF, Tannapfel A: Malignant pleural mesothelioma—incidence, etiology, diagnosis, treatment and occupational health. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(18): 319–26 VOLLTEXT
3.Pellegrino ED, Thomasma DC: Helping and Healing. Religious commitment in Health Care. Washington: Georgetown University Press, 1997, Caring and Curing pp 26–38.
4.Lopez AD, Murray CC: The global burden of disease, 1990–2020. Nat Med. 1998; 4: 1241–3 CrossRef MEDLINE
5.Barnes PJ, Celli BR: Systemic manifestations and comorbidities of COPD. Eur Respir J. 2009; 33: 1165–85 CrossRef MEDLINE
6.Seeger W, Welte T, Eickelberg O et al.: The German centre for lung research—translational research for the prevention, diagnosis and treatment of respiratory diseases. Pneumologie. 2012; 66: 464–9 MEDLINE

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