ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2013Diabetes mellitus: Gesundheit ist Privateigentum
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Die Sorge um die Nationale Gesundheit war immer ein Zeichen totalitärer Staaten. Frühester Vertreter war Johann Peter Frank, Pionier der Sozialmedizin, mit seinem „System einer vollständigen medicinischen Policey“ (1779 ff.): Der Bürger habe das Recht, dass der Staat ihn nicht nur vor öffentlicher Gewalt schütze, sondern auch vor sich selbst, vor seiner falschen Lebensweise. Die heutigen Forderungen an die Politik sind davon nicht weit entfernt. Die WHO fordert höhere Besteuerung von gesättigten Fettsäuren, von Salz und Zucker in Nahrungsmitteln und Verbot von Transfettsäuren. Die Deutsche Diabetes-Hilfe stimmt dem zu, und der Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft bezeichnet die Angst der Politiker, die Freiheit des Individuums einzuschränken, auch wenn es eine Freiheit zu Krankheit ist, als ideologische Fixierung, geboren aus der Angst, in repressive Maßnahmen vergangener Diktaturen zurückzufallen. Die Nationale Adipositas-Gesellschaft denkt sogar schon über eine Gesundheitsüberwachung mit Biomonitoring-Technik nach, deren Daten an staatliche Überwachungsorgane übermittelt werden. Da wären wir endgültig bei der „medicinischen Policey“ von Frank.

Es gibt ein Recht auf Gesundheit, aber keine Pflicht zur Gesundheit. Eine freie Gesellschaft sollte sich dazu durchringen, ihre Bürger nach eigener Fasson leben, aber auch nach eigener Fasson krank werden und sterben zu lassen. Lichtenberg warnte bereits im 18. Jahrhundert vor „volkshygienischen“ Ansätzen mancher Ärzte. Medizin wird durch Moral verdorben. Es ist nicht das Ziel der Medizin, die Menschen tugendhaft zu machen, sondern sie vor den Konsequenzen ihrer Laster zu schützen. „Ein guter Arzt predigt keine Reue, er bietet Absolution an“ (H. L. Mencken) . . .

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Wir stehen vor der Tatsache, dass die Häufigkeit von Diabetes mellitus in der Bevölkerung von 1950 bis 2000 von einem Prozent auf acht Prozent zugenommen hat. Im gleichen Zeitraum hat aber auch die Lebenserwartung der Menschen um neun Jahre zugenommen und hat sich, was noch wichtiger ist, der Abstand zur Lebensdauer weiter verringert, was als Annäherung an eine optimale Lebenserwartung zu werten ist. In früheren Jahrhunderten hätten die Menschen auch ohne Diabetes davon nicht zu träumen gewagt. Wenn heutzutage chronische Krankheiten den Hauptanteil an den Ausgaben der Krankenkassen ausmachen, so sind dafür nicht nur sogenannte Lebensstilkrankheiten verantwortlich, sondern auch die moderne Medizin, welche ein Heer von chronisch Kranken produziert. Eine Besteuerung von Lebensmitteln, wie sie die WHO fordert, macht entweder wertvolle Lebensmittel zum Luxusgut, oder die Cola wird, wie in Ungarn, nur zwei Cent teurer, was den Finanzminister freut, am Konsumverhalten aber nichts ändert. Man kann es nicht deutlich genug betonen: Gesundheit ist Privateigentum, welches den Staat nichts angeht. Für Gesundheitsfürsorge und die Kunst des Heilens ist allein der Arzt zuständig. „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle“ (Karl Popper), was eine der wichtigsten Lehren aus dem 20. Jahrhundert ist.

Dr. med. Rolf Klimm, 83093 Bad Endorf

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Avatar #92972
mediko
am Samstag, 4. Mai 2013, 02:34

DANKE !

Eine der absolut besten Zuschriften seit langem ! Die Tendenz des "Zwangs zur Gesundheit" nimmt tatsächlich bedrohliche Formen an. Und dann diese eifrigen "Forscher", die vorrechnen, dass ein Drittel oder 40 % oder gar die Hälfte der Krebserkrankungen "vermeidbar" wären (wenn denn die dummen Menschen nur das Richtige essen würden und weniger trinken und nicht rauchen und sich mehr bewegen und vielleicht kalt duschen und beten ... ?) - da wird einem manchmal schon angst und bange ! Da sind schwerwiegende Fehlentwicklungen im Gange, sie sich ständig selbst bestätigen und perpetuieren ...

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