ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2013Von schräg unten: Zitate

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zitate

Dtsch Arztebl 2013; 110(18): [72]

Böhmeke, Thomas

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Geht es Ihnen auch so? Befällt Sie dieses unbestimmte Gefühl des Unwohlseins, angesiedelt irgendwo zwischen Übelkeit und acetaldehydinduziertem Kopfschmerz, wenn Sie falsche Zitate oder inkorrekte Bezeichnungen vorgesetzt bekommen? Manches ist der Aufregung geschuldet („Ich hatte 200 Kilometer Blutdruck!“), anderes geht ganz und gar nicht („Zusammen zankt sich, was zusammengehört!“). Es ist kaum zu ertragen, wie freimütig Buchstaben Blessuren bekommen, Einheiten entstellt werden, der Satzbau Schaden nimmt. Ich für meinen Teil fühle mich genötigt, neben meinen reinigenden Tätigkeiten für Herz und Gefäße auch für die Hygiene deutscher Sprache einzutreten.

„Die beste Krankheit ist nix wert“, so äußert sich heute mein Herzpatient und sorgt für eine heftige Abwehrreaktion meinerseits. 300 Milliarden Euro, rufe ich, werden jährlich für Gesundheit ausgegeben, 300 Milliarden allein zu dem Zweck, einen Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens zu erreichen! Betrachte er doch nur mal seine Plaques in der vorderen Herzkranzarterie, diese Ansammlungen von amorphem Material, Lipiden und fibrösem Gewebe, durchzogen von Makrophagen. Lange, bevor diese hässlichen Atherome den Blutstrom blockieren und seine Restlaufzeit reduzieren, bringt die fürsorgliche Pharmaindustrie hochwirksame Substanzen wie CSE-Hemmer in Stellung. Dafür werden 170 Millionen Euro pro Jahr aufgewendet, 170 Millionen, mit denen wir nicht nur ihn selbst mit HMG-CoA-Reduktase-Hemmern füttern, sondern auch unzählige Wissenschaftler, Werbefachleute und Außendienstmitarbeiter der Pharmaindustrie ernähren. Das soll etwa nichts wert sein?!

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Wie muss es also heißen? „Meine Krankheit kann ich gut gebrauchen, da es die Pillen gibt, darf ich weiter rauchen!“ Nein, um Himmels willen, nein! So darf er das auch nicht sehen, weil sein CSE-Hemmer das relative Risiko zwar um 35 Prozent mindert, aber eben nur um 35 Prozent. „Wie soll ich das verstehen? Dass ich 35 Prozent länger lebe, wenn ich das Zeugs einwerfe?“ Nein, ja, also, das ist so, dass man mit seinem Präparat 160 Personen therapieren muss, um ein Ereignis zu verhindern. Aber wir driften zu sehr ins Detail ab, wie lautet der Spruch? „Es ist und bleibt eine Ente: die Wirksamkeit der Medikamente!“ Das ist absoluter Unfug! „Glücklich ist der, bei dem es wirkt, die Pille sonst nur Unglück birgt!“ Das ist völliger Quatsch, nein!

„Hören Sie mal, Herr Doktor, Sie können mir doch nicht weismachen, dass dieses Zeugs keine Nebenwirkungen hat!“ Ja, doch, da hat er schon irgendwie recht, nun ja, das wird auch aufgearbeitet, also wir erfassen statistisch die Personen, bei denen es zu Störwirkungen kommt, und für sein Statin, nun ja, da kommen wir auf eine Zahl von . . . äh, das ist schwierig, weil es darauf ankommt, welche Störwirkungen man betrachtet . . . „Aber bestimmt treten die Nebenwirkungen viel seltener auf als die Wirkung, oder?“ Äh, nun ja, wie gesagt, das ist eine Frage der Art der Nebenwirkung . . . „Na, Doktor, nun rücken Sie es schon raus!“ Nun gut, wenn sie Leber-, Nieren-, Muskel- und Augenschädigungen einschließen, dann . . . dann ist es jeder Dreißigste, der davon betroffen ist! „Also hören Sie mal, Herr Doktor, das ist kein Geschäft: 170 Millionen für eine Pille, die mehr Leute krank macht als heilt!“ Ich gebe auf. Diese Diskussion macht mich krank. Mein Patient tröstet mich: „Herr Doktor, die beste Krankheit taugt nichts.“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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