ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2013Psycho-Boom: Emotionaler Rundumschlag
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Herr Prof. Dr. Dr. Helmut Remschmidt, emeritierter Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Marburg und in vielfacher Hinsicht herausragender Vertreter seines Faches hat ein Problem: den Psycho-Boom. Wenn man seinen Kommentar liest, ist man irritiert über die Emotionalität seines Rundumschlags. Neben einer allgemeinen Kulturkritik kriegen vor allem Psychotherapeuten ihr Fett weg für das mangelnde Engagement in der Krankenversorgung und dafür, dass sie Patientengruppen in südlichen Gefilden zum Beispiel auf Santorini anbieten würden. Andere Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Pädagogen, Sozialarbeiter würden alle „die Seele entdecken“, obwohl sie eigentlich für ganz anderes zuständig seien.

Warum schreibt ein ausgewiesener Fachmann so etwas? Als seit 20 Jahren psychoanalytisch Behandelndem, der im Fachbereich Psychosomatik an der Universität ausgebildet wurde und der eine breite Palette von psychischen Störungen unterschiedlicher Schweregrade ambulant psychotherapeutisch behandelt, drängt sich mir die Antwort auf, dass hier vom eigentlichen Problem abgelenkt werden soll: dem Scheitern der biologisch-pharmazeutisch ausgerichteten Hochschul-Psychiatrie, die in den letzten 30 Jahren kein neues, überzeugendes Behandlungskonzept hervorgebracht hat, das wesentlich zur Verbesserung der Versorgung beigetragen hätte. Schlimmer noch: Die Evidenz spricht immer deutlicher für die Notwendigkeit einer zuwendungsintensiven, psychotherapeutischen Behandlung vieler seelischer Störungen, und bildgebende Verfahren weisen biologische Veränderungen durch psychotherapeutische Verfahren nach. Über Jahrzehnte wurde in der allgemein herrschenden Neurotransmitter-Euphorie versäumt, „die Seele zu entdecken“, und jetzt soll auf einmal ein Problem sein, was die Hochschul-Psychiatrie viel zu lange verschlafen hat?

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Schwer zu sagen, auf welche Erfahrungen Remschmidts Kritik an unserem Versorgungssystem zurückgeht, aber sein Eindruck einer Versorgungslücke ist bei Fachleuten unbestritten. Unser System ist nicht auf die abnehmende gesellschaftliche Stigmatisierung psychisch Kranker vorbereitet, die dazu führt, dass heute Menschen eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, die dies vor zehn oder 20 Jahren nie in Betracht gezogen hätten. Dass die Lücke, die hier klafft, so groß ist, liegt auch daran, dass Psychiater in ihrer Facharztweiterbildung nicht ausreichend psychotherapeutisch ausgebildet werden und von den Abrechnungsmöglichkeiten her, mit circa 40 Euro pro Patient und Quartal, keine hinreichende psychotherapeutische Versorgung anbieten können. Zu Zeiten eines naiven Glaubens an den Segen von Psychopharmaka allein war dies kein Problem, jetzt wird es eines.

Bemerkenswert scheint mir, dass Herr Prof. Remschmidt, wohl ungewollt, eine Teilerklärung für diese massiven Defizite in der Versorgung liefert: Solange sich die Kollegen im Bereich der seelischen Erkrankungen gegenseitig bekämpfen, in ideologischen Grabenkriegen, auch der Psychotherapierichtungen untereinander, verzetteln und sich vorwerfen, nach Santorini oder sonst wohin zu fahren, wird die gewaltige Aufgabe der angemessenen Behandlung seelisch Kranker, die in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommt, kaum konstruktiv zu bewältigen sein.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Matthias Wellershoff, 50937 Köln

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