ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2013Chirurgischer Nachwuchs: Wollen die arbeiten?

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Chirurgischer Nachwuchs: Wollen die arbeiten?

Dtsch Arztebl 2013; 110(18): A-876 / B-763 / C-759

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser, Leiterin der Berliner DÄ-Redaktion
Sabine Rieser, Leiterin der Berliner DÄ-Redaktion

Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.“ Dieser Ausspruch Otto von Bismarcks wurde früher gern zitiert, wenn man auf gehobene Art und Weise seinem Missfallen über das berufliche Engagement des Nachwuchses Ausdruck verleihen wollte. „Wollen die auch arbeiten?“, fragten unlängst drei Journalisten in der „Zeit“ Vertreter der „Generation Y“. Ja, lautete ihre Antwort, nur anders als die Alten: „Sie wollen alles und alles auf einmal: Familie plus Feierabend. Beruf plus Freude plus Sinn. Und das verfolgen sie kompromisslos.“

Dr. med. Jörg Ansorg hat dieser Tage auf den Artikel verwiesen. Der Geschäftsführer des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen präsentierte eine Studie seines Verbands, mit der die Arbeitseinstellungen unterschiedlicher Chirurgenjahrgänge verglichen werden: die der Babyboomer (49 bis 68 Jahre), der Generation X (34 bis 48) und der Generation Y (unter 34).„Wollen die auch arbeiten?“ ist in der Chirurgie nicht die Frage an die Jungen, eher: „Wollen die so viel arbeiten wie ihre Vorgänger?“

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Geantwortet auf die Online-Befragung haben mehr als 2 640 (angehende) Chirurginnen und Chirurgen (Rücklaufquote: 30 Prozent). Die meisten gehören zu den Babyboomern und der Generation X, nur 280 zur Generation Y. Ihre Aussagen bestätigten die gängigen Klischees nicht, so Ansorg. Die Daten zeigten, dass junge Chirurginnen und Chirurgen motiviert seien: „Sie wollen gefördert und gefordert werden.“

Beispielsweise gaben Vertreter der Generationen X und Y zu etwa 85 Prozent an, Karriereperspektiven seien ihnen wichtig. Von den Babyboomern bejahten dies nur 60 Prozent. Möglicherweise liegt das aber daran, dass Chirurgen dieses Alters längst Karriere gemacht haben. Dass Geld der jüngsten Chirurgen-Generation nicht wichtig ist, belegt die Studie auch nicht.

Auffällig ist dagegen, für wie wichtig eine exzellente Weiterbildung gehalten wird. Generation Y fand dies zu 91 Prozent extrem wichtig, Generation X zu 63 Prozent, die Babyboomer zu 50 Prozent. Auf den ersten Blick erscheint das logisch. Schließlich befinden sich die jüngsten Befragten noch in der Weiterbildung oder haben sie vor kurzem abgeschlossen. Ansorg findet allerdings, die Antworten sollten allen Chirurgen zu denken geben. Seine Argumentation: Hält der Nachwuchs die Weiterbildung an einer Klinik für unattraktiv, entscheidet er sich für eine andere. Das wirke sich aber auf alle Ärzte einer Abteilung aus, weil sich die Arbeitsbedingungen durch Nachwuchsmangel verschlechterten.

Manche Studienergebnisse sind widersprüchlich und müssen noch genauer interpretiert werden. So gaben zwei Drittel der Befragten der Generation Y an, ihnen sei ihre Work-Life-Balance wichtig. Gleichzeitig bezeichnete sich ein Drittel als „Workaholic“. Ansorg interpretierte diese und andere Angaben vorerst so, dass die Jüngeren durchaus leben und nicht nur arbeiten wollten, aber auch Verständnis für die berufsbedingten Anforderungen in der Chirurgie hätten. Offenbar seien es die Richtigen, die diese Fachrichtung gewählt hätten, meinte er: „Die Chirurgie ist eben kein Nine-to-Five-Job.“

Und nun? Weiterarbeiten. Der Arbeitsmarkt fordert Chefs heraus, sich auf Jungärzte einzustellen. Vom „Verkommen“ kann aber keine Rede sein.

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