ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1996Schweiz regelt Transplantation fötaler Gewebe: Keine „Belohnung“ für eine Gewebespende

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Schweiz regelt Transplantation fötaler Gewebe: Keine „Belohnung“ für eine Gewebespende

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNSLNSLNS Eine Transplantation fötalen Gewebes darf in der Schweiz dann vorgenommen werden, wenn dafür eine medizinisch-wissenschaftliche Indikation besteht. "Obwohl diese Therapieversuche von der routinemäßigen Anwendung noch weit entfernt sind, sollten grundsätzliche ethische Fragen schon heute gestellt, durchdacht und diskutiert werden", stellt die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) fest. Eine Subkommission der Akademie hat deshalb "Medizinisch-ethische Richtlinien für die Transplantation fötaler menschlicher Gewebe" erarbeitet.


Von der Transplantation fötaler menschlicher Gewebe versprechen sich Ärzte und Forscher eine wirksamere Behandlung bestimmter schwerer Krankheiten", heißt es in der Präambel der "Medizinisch-ethischen Richtlinien für die Transplantation fötaler menschlicher Gewebe", die im März in der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlicht wurden. Ethische Grundsatzdiskussionen seien durch die Tatsache ausgelöst worden, daß das zur Transplantation verwendete Fötalgewebe bei "induziertem Schwangerschaftsabbruch" gewonnen werde. Es sei unter anderem behauptet worden, daß dieser therapeutische Bedarf nach Fötalgewebe zusätzliche Eingriffe fördern oder dem Schwangerschaftsabbruch eine heute nicht vorhandene gesellschaftliche Legitimation verleihen werde, heißt es in der Präambel.
In den Richtlinien wird jedoch darauf hingewiesen, daß ein Schwangerschaftsabbruch vorwiegend im ersten Trimenon vorgenommen werde: "Zur Transplantation geeignetes Fötalgewebe aus dieser Periode wäre deswegen reichlich vorhanden, solange die Übertragung im Sinne einer experimentellen Therapie erfolgt." Eine wesentliche ethische Forderung bestehe darin, daß eine therapeutische Verwendung von Fötalgewebe auf keinen Fall die Entscheidung der Frau zur Abtreibung beeinflussen darf. "Daraus ergibt sich, daß weder die Frau noch die beteiligten Ärzte im Sinne einer Verknüpfung dieser beiden Eingriffe beeinflußt werden dürfen." Die Zustimmung der Frau "sowohl zum Schwangerschaftsabbruch als auch zur vorgesehenen Verwendung des fötalen Gewebes muß nach angemessener mündlicher Besprechung schriftlich festgehalten werden. Ferner muß die Frau der Durchführung diagnostischer Untersuchungen, die nicht ihrer eigenen Gesundheit, sondern dem Schutz des Transplant-Empfängers dienen, ihre Zustimmung erteilen."


Den Fötus respektieren
Zu den "ethischen Normen" der Richtlinien gehört zunächst die Respektierung des Fötus: "Der Fötus verdient aufgrund seiner menschlichen Natur angemessene Achtung. Der Fötus, seine Organe oder Zellen dürfen als solche nicht Gegenstand irgendwelcher Handelsbeziehungen sein." Jegliche "Belohnung einer Gewebespende" für die Frau sei strikt abzulehnen, "und ebenso ist zwischen den Ärzteteams, die Fötalgewebe entnehmen beziehungsweise transplantieren, jede Absprache über direkte oder indirekte Vorteile in diesem Zusammenhang untersagt". Außerdem darf die Frau keinen bestimmten Empfänger für das von ihr gewonnene Fötalgewebe bezeichnen, und sie darf auch keine Auskunft über die Person des Empfängers verlangen. Die Wahl des Zeitpunkts eines Schwangerschaftsabbruchs dürfe nicht von der späteren Verwendung des Fötalgewebes beeinflußt werden.
Der Empfänger des Fötalgewebes muß nach den Richtlinien in angemessener Weise über die Herkunft des zu transplantierenden Gewebes informiert werden. Er muß seine Einwilligung schriftlich erteilen. "Er darf keinen Versuch unternehmen und keine Möglichkeit haben, mit der für seinen Fall betroffenen Frau in Kontakt zu treten oder finanzielle Mittel als Anreiz oder Druckmittel einzusetzen", heißt es weiter.
Das medizinische Personal sei über die Art des Gewebes und über das Forschungsprojekt zu informieren. "Analog zur Verweigerung der Assistenz beim Schwangerschaftsabbruch aus Gewissensgründen" dürfe die Mitwirkung an der Transplantation verweigert werden, ohne daß daraus Nachteile erwachsen. Unbedingt gewahrt bleiben müsse die Anonymität der Betroffenen innerhalb des Teams und gegenüber Dritten. Eine Transplantation von Fötalgewebe darf nur dann vorgenommen werden, wenn dafür eine medizinischwissenschaftliche Indikation besteht, heißt es weiter in den Richtlinien. Ein Transplantationsplan müsse wissenschaftlich belegt sein und eine exakte Nachkontrolle sowie eine spätere retrospektive Beurteilung der Ergebnisse vorsehen, so der Kommentar.
Die Richtlinien sehen die Einrichtung einer Koordinationsstelle vor, die unter Aufsicht der Zentralen Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften steht. Sie soll den Kontakt zwischen den betroffenen Ärztegruppen vermitteln und darüber Protokoll führen. Fötalgewebe dürfe nur im Rahmen eines Forschungsprojektes transplantiert werden, das von der zuständigen Ethikkommission geprüft und bewilligt wurde. Gisela Klinkhammer

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