ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2013Syrisches Tagebuch: Ärztlicher Einsatz im Konfliktgebiet

THEMEN DER ZEIT

Syrisches Tagebuch: Ärztlicher Einsatz im Konfliktgebiet

Dtsch Arztebl 2013; 110(19): A-934 / B-814 / C-808

Kustermann, Jörg F.

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„Ärzte ohne Grenzen“ ist als medizinische Hilfsorganisation oft als erste in einem Krisengebiet vor Ort und agiert vor allem bei kriegerischen Auseinandersetzungen in einem rechtlich nicht immer eindeutig definierbaren Rahmen. So auch in diesem Projekt

Do., 21. März 2013

Spätnachmittag, ich komme gerade aus der Praxis . . .

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Erst eine Mail, dann der Anruf, dringend. Anne von „Ärzte ohne Grenzen“ ist dran. In kurzen Worten schildert sie die Situation. Für ihr Projekt in Syrien wird dringend ein Anästhesist gesucht, ein Kollege ist ausgefallen. Wegen der zunehmenden Gefährdung in den letzten Wochen waren die Mitarbeiter aus Syrien abgezogen und in die türkische Grenzstadt xxxx* zurückverlegt worden. Jetzt soll die Versorgung im Krankenhaus xxxx im befreiten Gebiet auf syrischer Seite wieder aufgenommen werden. Das operative Team steht bereit, doch ohne Anästhesisten ist es nicht einsetzbar. Die Wiederaufnahme der Arbeit in der nördlichen Provinz von Aleppo steht auf dem Spiel. Noch während mir Anne das am Telefon, ohne zu drängen, erklärt, habe ich mich innerlich schon entschieden.

Fr., 22. März

Auch Hilfe will verwaltet sein.

Neben der Praxisarbeit muss ich alle Papiere fertigbekommen. „Ärzte ohne Grenzen“ ist in den letzten Jahren immer weiter durchstrukturiert worden, mit allen Vor- und Nachteilen. Auch hier ist ein nicht unerheblicher Verwaltungsaufwand abzuwickeln. Ein Info-Dokument nach dem anderen wird gemailt, Briefing, Reisedaten, Packen. Bis spät in die Nacht bin ich beschäftigt.

Sa., 23. März

Es geht los.

Reisetag in die Türkei, Istanbul, Gaziantep. Ich komme spät nachts am Flughafen an. Ein unrasierter, etwas verwegen aussehender türkischer Taxifahrer nimmt mich wortkarg mit zu seinem Fahrzeug, bedeutet mir einzusteigen und überreicht mir stumm einen großen braunen Briefumschlag. Darin sind ein Handy mit Nummer, ein Haus- und Wohnungsschlüssel. Die Fahrt geht in die Nacht hinein ins Ungewisse. Eine knappe Stunde später hält das alte Taxi vor einem spärlich beleuchteten Wohnhaus in einer Stadtrandlage. Der Taxifahrer fordert mich zum Aussteigen auf, zeigt auf eine Tür und fährt davon. Die Tür lässt sich mit einem der Schlüssel öffnen. Im Treppenhaus hängt ein Zettel „welcome Jörg second floor first door left“. Ich scheine angekommen zu sein.

So., 24. März

Schichtwechsel im Niemandsland

Am späten Nachmittag geht es los, vom türkischen xxxx rüber nach Syrien. Wir arbeiten in zwei 24-Stunden-Schichten. Wenn ein Team aus Syrien rausgeht, um zur Ruhe zu kommen, fährt das andere Team im Austausch rein. Jedes Team besteht aus vier Personen – Chirurg, Anästhesist, Gynäkologin und Emergency-Doc. Wir sind die Expats (Expatria), die Ausländer, und arbeiten vor Ort mit den Locals, den einheimischen Kräften von „Ärzte ohne Grenzen“ zusammen.

Bis zur Grenze werden wir gefahren. Der eigentliche Grenzübertritt erstreckt sich über einen Kilometer, den wir zu Fuß zurücklegen müssen. Drei aufeinanderfolgende Posten sind auf türkischer Seite zu passieren. Jede Ein- und Ausreise wird ordentlich kontrolliert und fein säuberlich abgestempelt.

Im Niemandsland kommt uns das andere Team entgegen. Freudige Begrüßung durch den Absperrzaun. Ich werde als Neuer vorgestellt, versuchtes Händeschütteln zwischen den Gitterstäben. Kurze Übergabe: Fatima braucht einen Verbandswechsel, die Beinamputation bei Mahmud kann nicht länger warten, die Infektion steigt auf, achtet auf die Thoraxdrainage, die fördert nicht mehr, Raketenangriff auf xxxxxxx, mehrere Tote und viele Verletzte . . .

Jonathan, unser Field-Co (Verantwortlicher am Einsatzort), begleitet uns. Er treibt uns zur Eile an. Vor einer Woche sei am Grenzübergang eine Autobombe explodiert. Zwölf Menschen starben. Der Anschlag hätte einer Delegation der Freien Syrischen Armee (FSA) gelten sollen, die das Nadelöhr der Grenze passieren wollte.

Wir erreichen das Krankenhaus. Vorstellung, Rundgang, die Unterkunft. Einfache Feldbetten, immer zu zweit in einem Zimmer. Wir teilen uns die Betten mit der Wechselschicht. Die ersten beiden Bombenangriffe in der Nacht sind weiter entfernt.

Mo., 25. März

Zuflucht vor Splitterbomben

Ich bin überrascht, welcher Sicherheitsaufwand zum Schutz des Gebäudes betrieben wird. Das Krankenhaus ist in einem umfunktionierten Schulgebäude untergebracht. Nach den letzten Einschlägen vor drei Wochen, die bis auf wenige Hundert Meter heranreichten, wurde das Gebäude durch zusätzliche Schutzwälle und hochgestapelte Sandsäcke weiter befestigt. Zwei Erdbunker sind zum Schutz des Personals im Bau. Sie sollen uns im Ernstfall Zuflucht vor den gefürchteten Splitterbomben geben.

Di., 26. März

Sein Blick berührt tief.

„Smuggling guns and arms across the Spanish border“ von Al Stewart klingt mir im Ohr, als wir bei Dämmerung die Grenze passieren. „Die Waffen“ sind wir selbst mit unserem Wissen und unserer Hilfsbereitschaft. Revolutionsromantik? Die ist uns fremd, wobei die Herkunft unserer Teammitglieder jedem Vergleich mit den Internationalen Brigaden des spanischen Bürgerkrieges standhalten würde. Wir sind maximal international, und wir alle haben ein gemeinsames Ziel – zum Beispiel Ali zu versorgen, einen 13-jährigen Jungen, dessen Bauch und Eingeweide durch Granatsplitter verletzt wurden. Seit Wochen liegt der Junge auf der Männerstation, leidet selbst und erlebt das Leiden und Sterben der anderen. Er kann dem nicht entfliehen. Die tiefliegenden Augen in seinem ausgezehrten Gesicht schauen dich fragend an. Sein Blick berührt tief.

Do., 28. März

Die Verletzten kommen.

Nachmittags wieder rein. Gleich ein Kaiserschnitt. Dann Angriff auf xxxx, circa 15 km südlich von unserem Krankenhaus, durch Artilleriebeschuss. Viele unserer syrischen Mitarbeiter kommen aus diesem Ort und haben entsprechend Angehörige und Bekannte dort. Alle versuchen, sich gleichzeitig über ihre Handys zu vergewissern, was daheim passiert ist. Sie telefonieren im türkischen Netz, das mit seiner enormen Sendeleistung bis weit nach Süden reicht. Die ersten Verletzten kommen. Diejenigen, die wir nicht selbst versorgen können, schicken wir weiter nach xxxx, das erste Krankenhaus auf türkischer Seite. Die türkischen Kollegen leisten einen großartigen Beitrag, um die Not im Nachbarland zu lindern. Wenn irgend möglich, versuchen sie, die Patienten aufzunehmen. Wenn 20 oder mehr Bombenopfer in kürzester Zeit angeliefert werden, kommen sie selbst an ihre Grenzen und müssen Patienten abweisen.

Karfreitag, 29. März

Krieg voller Heimtücke

Eigentlich sollte es ein friedlicher Tag werden, Feiertag für Christen und Muslime. Heute kam eine junge Frau tot bei uns an. Sie stammt aus Aleppo, wo es wieder einmal einen Angriff mit circa 15 Scud-Raketen auf ein von Zivilisten bewohntes Viertel gab. Der Angriff war morgens um 8.30 Uhr. Zu dieser Zeit sind am Feiertag alle noch zu Hause in ihren Wohngebieten. Also ein „idealer Zeitpunkt“, um möglichst viele Bürger mit Bomben zu töten oder zu verletzen. Unsere Patientin wurde durch ein Schrapnell am Kopf verletzt. Die Angehörigen mussten neben dem Opfer noch etwa 15 Minuten ausharren, bevor sie zur ersten provisorischen Versorgungsstation flüchten konnten. So lange dauert es, bis man einigermaßen sicher sein kann, dass man nicht selbst in einer zweiten Angriffswelle oder durch Scharfschützen vom Retter zum Opfer wird. Der Krieg wird mit Heimtücke geführt.

Zwischendurch hatten wir eine Patientin zum Kaiserschnitt. Es kam ein gesundes Mädchen zur Welt. Auch im Krieg wird weiter geboren. Es ist ebenfalls nicht so, dass ständig gekämpft wird. Manchmal verstreicht viel Zeit zwischen den Kampfhandlungen. Aber auch im Krieg gibt es die „normalen“ Kranken. Da die reguläre Krankenversorgung in den befreiten Gebieten völlig zusammengebrochen ist, kommen viele chronisch Kranke, zum Teil hoffnungslose Patienten, zu uns. Wir helfen so gut wie möglich in unserem kleinen Feldhospital mit 20 Betten (erweiterbar auf 30 bei Massenanfall von Verwundeten). Es spielen sich Tragödien ab. Ein älterer, schwer lungen- und herzkranker Mann wurde gestern eingeliefert. Er wurde uns von einem anderen Krankenhaus überwiesen, in dem er schon zwei Wochen lag. Währenddessen wurde sein Haus in Aleppo ausgebombt und seine gesamte Familie ausgelöscht. Nun ist er ganz allein. Wir müssen ihn ins grenznahe Flüchtlingslager abschieben. Wir brauchen den Platz und können ihm nicht weiterhelfen. Der Mann weint . . .

Sa., 30. März

Fast alle Betten sind belegt.

Wir sind heute wegen der Umstellung auf die Sommerzeit früher an der Grenze. Es ist einiges los, im Hospital ebenfalls. Fast alle Betten sind belegt. Hoffnungslose „Fälle“ liegen neben jungen Patienten mit übelsten Verletzungen, denen wir helfen können. Gegen 21.30 Uhr wird es langsam ruhiger in der Notaufnahme. Wir treffen uns in unserer provisorischen Küche zum Abendessen. Orhan, unser Anästhesie-Assistent, ist mit dabei. Er hat syrische Sandwiches aus seiner Heimatstadt xxxx mitgebracht. Seine Heimatstadt ist bevorzugtes Angriffsziel der Artillerie des Assad-Regimes. 25 Kilometer südlich liegt ein von der Freien Syrischen Armee eingekesselter Hubschrauberflugplatz der Regierungstruppen. Wiederholt versuchte eine Koalition von FSA und weiteren kleinen Kampfgruppen, diese strategisch wichtige letzte Stellung im Norden von Aleppo einzunehmen.

So., 31. März

Vom Muezzin geweckt

Die Nacht war weitgehend ruhig. Der Muezzin weckt mich um 4.30 Uhr. Ich stehe auf, rupfe im benachbarten Garten Gras für die Osternester. Gestern hatte ich in der „türkischen Etappe“ 60 Eier besorgt und in allen möglichen Farben bemalt. Mit Schokolade und frischem Gras dekoriert, bringe ich sie heute zum Arbeitsbeginn mit in die Notaufnahme. Ein Zeichen für Frieden und auch ein bisschen Freude im Krieg. Die Überraschung ist gelungen. Schnell werden die Fotohandys gezückt, es wird gelacht und gescherzt über Koran, Bibel und den lieben Osterhasen. Augenblicke später holt uns die Realität ein. Ein junger Mann mit einer Schussverletzung im rechten Oberbauch wird herangekarrt. Er sieht schlecht aus, ringt um Atem. Sofort wird er mit Ketamin etwas ruhiger gestellt, eine Thoraxdrainage gelegt. Blut fließt reichlich unten raus und über die gelegten venösen Zugänge „oben“ wieder rein. Die rechte Lunge und Leber sind verletzt. Wir bekommen den Patienten stabil. Eine Verlegung wäre zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen. Nach drei Stunden scheint die Blutung gestillt zu sein.

Plötzlich stürmen mehrere Männer in Kampfkleidung ins Überwachungszimmer. Ihre Waffenhalter sind vorschriftsgemäß leer. Die Waffen haben sie draußen im Begleitfahrzeug vor dem Krankenhaus gelassen. Sie wollen den Patienten, der zu ihrer Einheit gehört, einpacken und mitnehmen. Alles geht sehr schnell. Ich komme gerade noch rechtzeitig, schnappe mir Mohamed als Übersetzer und gebe medizinische Anweisungen. Das muss knapp und mit einer gewissen Härte befohlen werden, sonst wird man nicht respektiert. Thoraxdrainage nicht abklemmen! Wasserschloss mit Spiegel tief halten! Oberkörper 30° hochlagern! Sauerstoffflasche? Ist leider leer. Und ab geht die Post.

Am Vortag kam ein Patient nach einem Raketenangriff und einer etwa dreistündigen Irrfahrt schließlich bei uns an. Auch er hatte eine notfallmäßig in Aleppo gelegte Thoraxdrainage, die aber fälschlicherweise während des Transportes abgeklemmt worden war. Mit massivem Hautemphysem am Oberkörper und monströs aufgeblähten Kopfweichteilen kam der Mann mehr tot als lebendig an. Er erlag kurz darauf seinen Verletzungen.

Mo., 1. April

Laufen, um den Kopf klar zu bekommen

Ich stehe frühmorgens gegen 5.30 Uhr auf. Mein Zimmerkollege Juan schnarcht leider. Ich ziehe mir die Laufschuhe an und renne raus in die nahe Hügellandschaft, vorbei an Ziegenherden und Flüchtlingszelten. Eigentlich habe ich wegen einer Knieverletzung Laufverbot vom Arzt verordnet bekommen, doch ich brauche die Bewegung, die körperliche Belastung, sie hilft mir, den Kopf wieder klarer zu bekommen.

Di., 2. April

Schutzengel auf Arabisch

Auch diese Nacht endet schon früh um fünf Uhr. Es klopft energisch an unserer Zimmertür. Martin und ich schlüpfen in die Schuhe. Augenblicke später sind wir im OP. Auf dem Tisch liegt ein schwarzbärtiger Mann, stöhnend mit gepresster Atmung. Aus seinem linken offenen Unterbauch wölbt sich eine Darmschlinge. Der rechte Oberarmknochen ist zerschossen. Über der linken Brust ist ein weiterer Einschuss. Es sieht nach einem Feuerstoß aus einer automatischen Waffe aus. Der Mann wurde vor drei bis vier Stunden bei einem Gefecht in Aleppo verwundet und ist im Schock. Sein Blutdruck ist kaum mehr messbar. Jetzt geht es um alles. Solange das OP-Team sich wäscht und das Instrumentarium richtet, bereiten Orhan und ich alles für die Narkose vor. Zeitgleich stabilisieren wir den Patienten, damit er uns nicht gleich zu Beginn der Narkoseeinleitung vollends entgleitet. Jeder Handgriff sitzt. Luisa, unsere italienische Chirurgin, entfernt die zerfetzten Darmschlingen und legt einen künstlichen Darmausgang an. Der Schuss in die linke Brust kam vermutlich als Querschläger und ist an einer Rippe entlanggeschrappt. Die Lunge ist nicht verletzt worden. Was wohl Schutzengel auf Arabisch heißen mag?

Jonathan, unser Field-Co, hatte mich Tage zuvor gefragt, ob ich bereit wäre, in einem Krankenhaus weiter Richtung Süden das Anästhesiepersonal zu schulen. Wir machen uns auf den Weg. Aus Sicherheitsgründen fahren wir mit zwei Fahrzeugen in einem gewissen Abstand und meiden die Hauptstraße. Sie wurde in der Vergangenheit gelegentlich von Kampffliegern des Assad-Regimes unter Beschuss genommen. Auf Nebenstraßen erreichen wir nach einer dreiviertel Stunde Fahrt das Ziel, ein unterirdisches Krankenhaus. Zum Schutz vor den Angriffen wurde der Keller einer Schule zum Krankenhaus umgebaut. Eine Notaufnahme, zwei OP-Säle, einer davon mit einem recht neuen deutschen Narkosegerät ausgestattet, eine Röntgenabteilung mit CT, Labor. Alle hier sind Freiwillige und arbeiten umsonst. Die Einrichtung gehört zu keiner politischen Gruppierung. Sie finanziert sich durch bedingungslose Spenden, unter anderem durch „Ärzte ohne Grenzen“.*

Das Training beginnt, Dr. Mahmoud übersetzt. Zufälligerweise habe ich ein kleines Handbuch zur Regionalanästhesie dabei, kann Bilder zeigen, auch auf meinem Laptop. Es macht richtig Spaß. Immer wieder neue Fragen, neues Interesse. Wie ein Schwamm wird das Wissen aufgesogen. Wir können nicht zu lange bleiben. Vor Einbruch der Dämmerung sollten wir zurück in unserer Basis sein. Vorher wird noch gemeinsam gegessen.

Die Verabschiedung ist herzlich. Wir sollen unbedingt wiederkommen, morgen schon?!

Mi., 3. April

Der Junge verhungert vor unseren Augen.

Ich lasse meinen freien Tag sausen, und wir fahren noch einmal nach xxxx. Freudiges Wiedersehen, und zu meiner Überraschung haben die Jungs während ihrer Nachtarbeit ein Video aufgenommen. Es zeigt, wie sie in der OP-Nacht die theoretisch gelernten Regionalanästhesieverfahren vom Vortag gleich in die Praxis umgesetzt haben. Wir schauen gemeinsam das Video an. Sie machen es schon ganz gut, und ihre Erfolge beflügeln sie.

Zurück in xxxx. Ali ist noch einmal operiert worden. Es hatte sich eine Fistel gebildet. Darminhalt entleert sich durch die Bauchdecke nach außen. Der Junge verhungert vor unseren Augen. Zweimal wurde bereits vergeblich die Verlegung in die Türkei versucht. Einmal war Ali schon fast über die Grenze, bevor er wieder zurückgewiesen wurde. Gerade in diesem Augenblick kamen mehrere frisch Verwundete an, so dass für den kleinen Ali kein Platz mehr im türkischen Krankenhaus war. Mit Unterstützung von Carlotte, unserer Verantwortlichen für den Med-Supply, und unter „Abkürzung“ des offiziellen Bestellweges organisieren wir auf türkischer Seite Speziallösungen für die venöse Ernährung, zumindest so lange, bis er wieder essen können wird.

Sa., 6. April

Bei Sonnenschein Gefahr

Es ist ein widersinniges Gefühl für mich, dass morgens bei strahlendem Sonnenschein Gefahr drohen soll. Die klare Sicht bedeutet für die Kampfbomber des Regimes ideales Flugwetter. Tatsächlich hören wir bald darauf auch Düsentrieblärm in der Luft. Was bei uns auf den harmlosen Überflug eines Passagierflugzeuges hinweist, ist hier ein allerhöchstes Alarmsignal. Und wieder fallen Bomben auf Aleppo! Es soll auch eine Schule getroffen worden sein. Zehn Kinder seien getötet worden. Wir bekommen bei laufendem OP-Programm plötzlich zwei Patienten eingeliefert, die den Angriff überlebt haben. Es sind beides Zivilisten, die durch Bombensplitter verletzt wurden. Zertrümmerte Kiefer, Knochen und Gelenke, ein Ellenbogen, der nie wieder funktionstüchtig sein wird. Diese unscheinbaren, oft nur einen Zentimeter großen Schrapnells zerfetzen jegliches Gewebe. Das Löchlein in der Bauchdecke des jungen Patienten sieht so harmlos aus. Als der Bauch in Narkose geöffnet wird, sieht man, wie groß der Schaden wirklich ist. Mehrfach wurden die Darmschlingen zerfetzt und müssen nun herausoperiert werden.

Jeder ist beschäftigt, selbst unsere Pharmazieschwester und der Internist und die Übersetzer packen mit an. Nach einer guten Stunde hat sich die Lage beruhigt. Gerade recht kommt die Ablösung aus der Türkei zur Übergabe. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen; immer wieder werde ich gebeten, doch noch zu bleiben, oder zumindest bald zurückzukommen. Aus dem „Bunkerkrankenhaus“ ist extra ein Anästhesietechniker gekommen, um noch einmal persönlich den Dank für die Ausbildung und Unterstützung zu überbringen.

Es ist kurz nach Mitternacht. Draußen vor dem Office wartet bereits das Taxi. Die Fahrt geht durch die dunkle Nacht zum Flughafen nach Gaziantep. Stunden später lande ich an einem friedlichen Sonntagmorgen in München.

Dr. med. Jörg F. Kustermann
Facharzt für Anästhesie, Blaustein

*Personen- und Ortsnamen sind aus Schutz vor Repressalien anonymisiert.

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