ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2013Rettungsmedizin: Überfällig
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Während meiner akutklinischen Tätigkeiten bin ich selbst über mehr als zehn Jahre regelmäßig im notärztlichen Einsatz gewesen, und nach meiner Auffassung war die Verabschiedung des Notfallsanitätergesetzes überfällig . . .

Zur Verdeutlichung möchte ich eine Episode aus dem „täglichen Leben“ schildern, die, wenngleich viele Jahre zurückliegend, haften geblieben ist. In ländlicher Region wurde ich als Notarzt zu einem akuten Notfall in eine große orthopädische Fachpraxis gerufen. Die Fahrzeit betrug 20 Minuten. Bei unserem Eintreffen führte uns eine Arzthelferin (der orthopädische Kollege war mit Routinebehandlungen beschäftigt) zu einem abseits des allgemeinen Praxisbetriebs gelegenen Behandlungsraum. Dort befand sich hinter verschlossener Tür der „Notfall“: Eine 60-jährige, adrett gekleidete und gepflegte Patientin in gutem Allgemeinzustand, die offensichtlich unter den skizzierten Rahmenbedingungen, sich selbst überlassen, ihr Leben „ausgehaucht“ hatte. Die Pupillen waren beidseits maximal weit, entrundet und lichtstarr. Auf meine Frage erklärte der orthopädische Kollege, dieses „Ereignis“ sei plötzlich und unvermittelt vor etwa 30 Minuten eingetreten. Ich fragte ihn, weshalb er nicht in Zusammenarbeit mit seinen zahlreichen Helferinnen wenigstens elementare Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet hätte. Er gab mir zur Antwort, zu diesem Zweck hätte er ja schließlich uns angefordert.

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So lange es neben anderen auch solche Ärzte gibt, sollte das Notfallsanitätergesetz eigentlich dahingehend formuliert werden, dass der Notfallsanitäter so lange rechtlich abgesichert sämtliche erforderlichen und von ihm beherrschten notfallmedizinischen Maßnahmen durchführen kann und darf, bis ein notfallmedizinisch kompetenter, erfahrener und handlungsfähiger (!) Arzt zur Verfügung steht.

Die Mehrzahl der notfallmedizinischen Maßnahmen, auch die invasiven Prozeduren, erfordern weniger eine akademische Ausbildung als vielmehr praktische Erfahrung und handwerkliches Geschick. Auch die präklinisch applizierten Notfallmedikamente sind in ihrer Palette durchaus überschaubar . . .

Unter diesen Aspekten erscheint die distanzierte Stellungnahme unserer ärztlichen Standesvertreter wenig nachvollziehbar. Anstatt auf ausschließlichen ärztlichen Zuständigkeiten zu beharren, sollte ein konstruktives Hand-in-Hand-Arbeiten der verschiedenen Funktionsträger favorisiert werden, auch und gerade im Falle unmittelbarer Handlungserfordernisse der Notfallmedizin . . . Die Patientensicherheit wäre hingegen maximal gefährdet, wenn ein notfallmedizinisch versierter Arzt vor Ort fehlt und die anwesenden Notfallsanitäter dringliche und von ihnen beherrschte Maßnahmen aus Rechtsgründen unterlassen würden.

Prof. Dr. med. Jörg Piper, Chefarzt der Inneren Medizin, Meduna-Klinik, 56864 Bad Bertrich

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