ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2013Chirurgie: Im Alter eine Einzelfallentscheidung

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Chirurgie: Im Alter eine Einzelfallentscheidung

Dtsch Arztebl 2013; 110(19): A-909 / B-793 / C-789

Zylka-Menhorn, Vera

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Schon heute verändert das hohe Lebensalter vieler Patienten den Arbeitsalltag der Chirurgen. Dieser Trend wird die Operateure in den kommenden Jahren noch stärker beschäftigen. So rechnet man damit, dass bis 2020 die Zahl der hochbetagten Menschen über 80 Jahre bei Männern um 83 Prozent und bei Frauen um 31 Prozent zunehmen wird. Die Chirurgen werden dementsprechend mehr Eingriffe bei onkologischen und Arteriosklerose bedingten Erkrankungen durchzuführen haben, aber auch mehr Altersfrakturen sowie degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen versorgen müssen – und das bei einer Gruppe von Patienten, die gesundheitlich immer heterogener wird. „Viele Menschen sind im hohen Alter noch fit und aktiv, aber am anderen Ende der Skala stehen Patienten, die gleichzeitig an verschiedenen Krankheiten wie Diabetes, Hypertonie oder chronischem Nierenversagen leiden“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Prof. Dr. med. Karl-Walter Jauch, beim Jahreskongress der Fachgesellschaft in München.

Die Anzahl und die Schwere der Begleiterkrankungen hätten aber einen direkten Einfluss auf den Erfolg und somit auf die Wahl einer Operation. „Dabei müssen wir erkennen, dass das Bedürfnis nach Sicherheit mit zunehmendem Alter ansteigt, während die Risikobereitschaft gleichermaßen abnimmt“, fügte der Direktor der Chirurgischen Klinik der Ludwigs-Maximilians-Universität München (LMU) hinzu. Es gelte daher, das individuelle Risiko bei der Indikationsstellung sorgfältig abzuwägen und in die Entscheidungsfindung für oder gegen einen Eingriff einzubringen. Immer mehr rücke auch die Frage der Lebensqualität gegenüber der Chance auf Heilung in den Mittelpunkt der Beratung.

Dies bedeute jedoch nicht, dass man bei Senioren grundsätzlich auf große kurative Eingriffe verzichten müsse. „Mit den heute üblichen schonenden Techniken sind diese durchaus auch bei Älteren und Hochbetagten erfolgreich möglich“, sagte Jauch in München. Einen Beweis dafür lieferten aktuelle Studien zur Tumorchirurgie. Diese zeigten, dass die Ergebnisse bei alten Menschen und jüngeren Patientengruppen nur wenig voneinander abweichen. „Die onkologische Qualität beim Kolonkarzinom gilt sogar als gleichwertig. Auch von minimal-invasiven Operationen an Pankreas, Leber oder Lunge können Ältere besonders profitieren“, so der DGCH-Präsident.

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport

Letztlich werden die Mitarbeiter aller Fachbereiche der Chirurgie durch eine „geriatrische Komplexbehandlung“ und multimodale Rehabilitation in höchstem Maße gefordert werden. „Um diese Herausforderung zu meistern, bedarf es der Bereitschaft zu innovativen Versorgungskonzepten. In diesem Sinne halte ich auch die Substitution ärztlicher Leistungen und die Akademisierung der Pflege – bis zu einem gewissen Anteil – für die Versorgung der multimorbiden Patienten für unumgänglich. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates belegen dies mit einer klaren Analyse und Argumentationsbasis“, stellte Jauch die Position der DGCH klar. Auf einer eigenen Session zum Thema „Akademisierung der Gesundheitsberufe“ zeichnete sich jedoch ab, dass diese Einstellung nicht allgemein Anklang findet.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

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