ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2013Panoramabilder: Sinnliche Lust am Sehen

KULTUR

Panoramabilder: Sinnliche Lust am Sehen

Dtsch Arztebl 2013; 110(19): A-953 / B-831 / C-825

Traub, Ulrich

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Yadegar Asisi hat das Panorama wiederentdeckt – jetzt auch für die Zeitgeschichte.

Das Panometer in Dresden – eines von Yadegar Asisis Panoramen in einem umgebauten Gasometer. Foto:Ulrich Traub
Das Panometer in Dresden – eines von Yadegar Asisis Panoramen in einem umgebauten Gasometer. Foto:Ulrich Traub

Die Mauer ist zurück in Berlin. Was sich wie ein schlechter Scherz anhört, ist zumindest teilweise richtig. In einer Rotunde am ehemaligen Checkpoint Charlie bildet sie das Thema eines Panoramas, eines spektakulären Rundbildes mit dokumentarischen Zügen. Von der Aussichtplattform in der Rotunde sieht man die deutsch-deutsche Grenze. Der Blick schweift von West nach Ost. Hier wird an einem Auto gearbeitet, dort geht eine Frau mit ihrem Hund spazieren, junge Leute sitzen am Lagerfeuer, andere stehen auf einer Treppe und schauen über die Mauer auf den Todesstreifen – ganz so wie früher. Dazu tönt Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Berliner Alltag in den 80er Jahren aus der persönlichen Sicht des Panoramisten Yadegar Asisi.

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Ein Bedürfnis nach Kontemplation

Das Mauer-Panorama des Berliner Architekten, Malers und Hochschullehrers ist nicht sein erster Streich. Auch in Dresden und Leipzig zeigt er Panoramen – in umgebauten Gasometern. In Berlin ist gerade Asisis sehr erfolgreiches Pergamon-Panorama abgebaut worden. „Als Panoramist arbeite ich klassisch“, erklärt der Künstler, der sich auf die Urheber dieses Mediums am Ende des 18. Jahrhunderts bezieht. Es scheint in der heutigen schnelllebigen Zeit ein Bedürfnis nach einem anderen Seherlebnis, nach Kontemplation, zu geben. „Sinnliche Lust am Sehen weckt Emotionen und fördert die Persönlichkeitsentwicklung“, beschreibt der in Wien als Sohn persischer Emigranten geborene Asisi seine Überzeugung. Vor seinen Rundbildern gerät man in fast ehrfürchtiges Staunen. Die Abbildungsgenauigkeit der Panoramen, die Monumentalität und die inszenatorischen Tricks können auch in einer Zeit des Digitalen in den Bann ziehen.

Nur wenige der im 19. Jahrhundert so beliebten Rundbilder haben überlebt. Die Panoramamalerei war eine lange in Vergessenheit geratene Kunstform. Wer vor den Rundbildern von Yadegar Asisi ins Staunen gerät, sollte sich überlegen, wie verblüfft erst die Menschen vor 200 Jahren gewesen sein müssen. Das Panorama war eine riesige Illusionsmaschinerie, die die Betrachter ohne größere Ortsveränderung auf Reisen schicken konnte. Neben der realistischen Darstellungsweise gehörten idealisierte Ansichten, die zur Flucht aus einem als zunehmend unmenschlich empfundenen Leben in den Großstädten einluden, zu den künstlerischen Strategien der Panoramamaler.

Zwar ist das Panorama als Kunstform nicht neu, doch Yadegar Asisi nutzt modernste Technik, um seine Rundbilder herzustellen. „Meine Panoramen bestehen (wie die alten) aus Tausenden einzelner ‚Pinselstriche‘, die getragen werden von einem soliden perspektivischen Gerüst.“ Der einzige Unterschied: Der „Pinsel“ stammt aus dem Werkzeugkasten von Photoshop und die Farben aus fotografierter Wirklichkeit. „Von der Idee bis zur Fertigstellung dauert es bis zu vier Jahre“, so Asisi. Mit Lichteffekten, Geräuschen und Musik, die in ihren Rundbildern etwa einen Tagesablauf in Szene setzen, unterstrichen jedoch schon die Panoramakünstler des vorletzten Jahrhunderts die Wirkung ihrer Werke. Panorama-Unternehmer Yadegar Asisi leitet mittlerweile ein Unternehmen mit circa 70 Mitarbeitern, das Panoramen auch an anderen Standorten präsentieren wird.

Ulrich Traub

Informationen

Asisi-Panoramen

  • Berlin: „Die Mauer“, seit September 2012
  • Dresden: „Mythos der barocken Residenzstadt“, seit
    1. Dezember 2012
  • Leipzig: „Amazonien“, bis 6. Januar 2013, „Everest“, seit 12. Januar 2013

Ausgestellte Panoramen (Auswahl)

  • Altötting (Bayern): Jerusalem-Panorama mit Kreuzigung Christi (1903)
  • Bad Frankenhausen (Thüringen): Bauernkriegspanorama (1989)
  • Den Haag: Scheveningen-Panorama, Strandszene (1881)
  • Innsbruck: Schlacht am Berg Isel von 1809 (1896)
  • Luzern: Bourbaki-Panorama (1881), Winterszene aus deutsch-französischem Krieg von 1871
  • Prag: Hussitenschlacht bei Lipany von 1434 (1897)
  • Salzburg: Panorama der Stadt (1829)
  • Thun: Panorama der Stadt (1814), ältestes erhaltenes Rundbild

Lese-Tipps

  • „Das Panorama“ von Bernard Comment, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2000.
  • „Sehsucht: Das Panorama“, Katalog zu einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, Stroemfeld Verlag, 1993.

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