ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Psychisch Kranke: Versorgungsmissstand

EDITORIAL

Psychisch Kranke: Versorgungsmissstand

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 193

Bühring, Petra

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Lange Wartelisten, der Anrufbeantworter voller Anfragen für einen Therapieplatz, die eigenen Kapazitäten ausgeschöpft, und bei Kollegen geht auch nichts mehr. Psychotherapeuten erleben tagtäglich, dass die Zahl psychisch kranker Hilfesuchender und das zur Verfügung stehende Behandlungsangebot stark voneinander abweichen. Die Wartezeitenstudie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) ermittelte 2010, dass psychisch Kranke im Bundesdurchschnitt 12,5 Wochen allein auf ein erstes Gespräch beim Therapeuten warten müssen – im Ruhrgebiet sogar 17 Wochen.

Die BPtK wird nicht müde, auf diesen Missstand hinzuweisen und zusätzliche Praxissitze zu fordern. „Bundesweit fehlen auch nach der jüngsten Reform der Bedarfsplanung noch mindestens 3 000 psychotherapeutische Praxen“, heißt es in einer neuen Stellungnahme der Kammer mit dem Titel „10 Tatsachen zur Psychotherapie“. Aber auch Akutsprechstunden müssten möglich und gruppentherapeutische Angebote verbessert werden.

Auf dem 22. Deutschen Psychotherapeutentag in Berlin (Seite 199) verlieh ein prominenter Wissenschaftler diesen Forderungen erneut Nachdruck. Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, machte deutlich: „Wir sind das einzige Fachgebiet, bei dem das Missverhältnis zwischen Prävalenz und Versorgung so weit auseinanderklafft.“ Seiner Ansicht nach müsse das psychotherapeutische Behandlungsangebot im ambulanten und stationären Sektor um das 4,2-fache erhöht werden, um ein gleichwertiges Angebot wie bei körperlichen Erkrankungen zu haben. Dies folgert Wittchen aus dem Modul „Psychische Gesundheit“ des Deutschen Epidemiologischen Gesundheitssurveys, der in PP, Heft 2/2013bereits vorgestellt wurde. Bei knapp 43 Prozent der in der Studie Befragten wurde in den letzten zwölf Monaten vom Hausarzt eine psychische Störung diagnostiziert. Nur 19 Prozent davon hatten auch einen „professionellen Kontakt“ zu einem Psychotherapeuten, Psychiater, einer Klinik oder einer Beratungsstelle – ungeachtet dessen, ob eine fachgerechte Behandlung tatsächlich erfolgte. Dieses Dilemma müsse gelöst werden, fordert nicht nur Wittchen.

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Denn was sind die Folgen, wenn psychische Störungen nicht leitliniengerecht behandelt werden, also in den meisten Fällen durch Psychotherapie, manchmal auch in Kombination mit Medikamenten: Sie verschlimmern sich oder chronifizieren. Viele Patienten werden einseitig nur medikamentös versorgt, heißt es in den „10 Tatsachen zur Psychotherapie“. Das entspricht nicht den Leitlinien und ist zudem viel teurer: Die Ausgaben für Psychopharmaka betrugen 2010 etwa 2,6 Milliarden Euro, für ambulante Psychotherapie wurden hingegen nur 1,5 Milliarden Euro ausgegeben. Mehr, nämlich zwei Milliarden Euro, zahlten die Krankenkassen an Krankengeld aufgrund psychischer Erkrankungen. Am teuersten sind mit 4,6 Milliarden Euro im Übrigen die stationären Behandlungen. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ macht eben immer noch Sinn – nicht nur aus monetären Erwägungen.

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