ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Liebe: Wolf Vostell – Sanfter Radikaler

KUNST + PSYCHE

Liebe: Wolf Vostell – Sanfter Radikaler

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 194

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Feste Bindungen kamen zur Zeit der Studentenbewegung in den 60er Jahren für viele nicht in Betracht: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ Gegen bürgerlichen Mief und Zwang wurde lautstark polemisiert, unter anderem auch von Rudi Dutschke, einem der herausragenden Wortführer dieser Zeit. Dann aber lernte er im Sommer 1964 die amerikanische Studentin Gretchen Klotz in Berlin kennen. Zurück in den USA bot sie ihm eine „freie Partnerschaft“ an. Er willigte ein, sie kam zurück nach Deutschland, und im Dezember 1965 wurde eine gemeinsame Wohnung bezogen. Es wurde eine unruhige Zeit voller politischer Aktivitäten, ein „barbarisches, schönes Leben“, wie Gretchen Dutschke-Klotz in den Erinnerungen an ihren Mann schreibt. Sie heirateten und bekamen drei Kinder, was nicht wenige ihrer Mitstreiter irritierte. Beim Attentat vom April 1968 wurde Dutschke durch zwei Kugeln im Kopf schwer verletzt. Er starb am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen der Schussverletzungen.

Wolf Vostell hat dem Paar und der politischen Situation dieser Zeit eine Objektgrafik gewidmet. Basierend auf einem Illustriertenfoto zeigt sie das Paar zusammen mit deren Aussagen übereinander: „Ich lebe mit einer Amerikanerin zusammen. Verheiratet sind wir auch.“ (. . .) Er bringe ihr Frühstück ans Bett und wickle auch den Säugling Hosea-Che, „weil ich für die Gleichberechtigung der Frau bin“. Gretchen Dutschke-Klotz sagt im Gegenzug über ihren Mann, dass keiner der Männer, die sie vor ihm gekannt habe, so sanft wie Rudi sei.

So weit orientiert sich Vostell an der Veröffentlichung in der Illustrierten als Vorlage für seine Druckgrafik. Irritierend wird das Kunstwerk erst durch eine aufgeklebte – und noch gefüllte – Tüte „Dr. Oetker Rote Grütze“. Die Deutungsmöglichkeiten dieses ungewöhnlichen künstlerischen Eingriffs sind vielfältig. Die Farbe Rot passt natürlich zur politischen Gesinnung des Paares, zu ihrer Liebe wie auch zur Blutspur des Attentats. Aber „Rote Grütze“? Wird hier ein politischer Akteur oder gar ein Attentat lächerlich gemacht? Vostell hat immer wieder mit solchen vordergründig banalisierenden Eingriffen gearbeitet (siehe PP, Heft 7/2012), um den Betrachter zu irritieren und zum Nachdenken herauszufordern. Im vorliegenden Fall hilft ein grüner Aufdruck auf der Rückseite des Blattes weiter, wo es heißt: „Dr. Oetker Rote Grütze ist im Bedarfsfall (Notstand, Geldnot) von der Grafik zu lösen und zu verzehren. Datum und Umstände der Konsumation sind stattdessen an die Stelle zu schreiben.“ Abgesehen von der zeittypischen Aufforderung zur Interaktion des Besitzers mit der Grafik (worauf vermutlich niemand eingegangen ist), wird hier der soziale Anspruch von Rudi Dutschke thematisiert: Die Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Essen und Trinken ist im Notfall wichtiger als der Erhalt eines Kunstwerks im Originalzustand. Auch die Veränderung hätte schließlich ihren Reiz. Und dass Liebe ebenso nahrhaft wie auch kräftezehrend ist, zumal wenn ihr drei Kinder entstammen, wird auch niemand bestreiten.

Anzeige

Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Wolf Vostell

Geboren 1932 in Leverkusen. 1958 erstes Happening und Objektbilder unter Verwendung von Fernsehgeräten. 1976 Eröffnung des „Museo Vostell Malpartida“ in Spanien als ein Zentrum der internationalen Fluxus-Bewegung. 1977 Teilnahme an der 6. Documenta in Kassel. 1992 Retrospektive in fünf Museen in NRW aus Anlass des 60. Geburtstags. Gestorben 1998 in Berlin.

1.
Dutschke R: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963–1979. Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
2.
Dutschke-Klotz G: Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996.
3.
Vostell W: Die Druckgrafik. Katalog der Städtischen Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2005.
1.Dutschke R: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963–1979. Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
2.Dutschke-Klotz G: Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996.
3.Vostell W: Die Druckgrafik. Katalog der Städtischen Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2005.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema