ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/201322. Deutscher Psychotherapeutentag: Forderungen an die Politik

POLITIK

22. Deutscher Psychotherapeutentag: Forderungen an die Politik

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 199

Bühring, Petra; Gerst, Thomas

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Kritik an der gemeinsamen Selbstverwaltung, sich nicht hinreichend für die Versorgung psychisch Kranker einzusetzen, bestimmte die Diskussion. Der Gesetzgeber soll deshalb helfen, zumindest die sektorübergreifende Versorgung chronisch psychisch Kranker zu verbessern. Die Reform der Ausbildung wurde erneut vertagt.

Fotos: BPtK
Fotos: BPtK

Psychotherapeutentage haben ihre eigene Dynamik, und manchmal bleibt ein wichtiger Tagesordnungspunkt auf der Strecke, weil unerwartet an anderer Stelle eine rege Diskussion entbrennt. Die „Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung“ stand am 20. April in Berlin auf der Agenda des 22. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT). Doch vor allem die Diskussion über den vom Vorstand der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) skizzierten „gesundheitspolitischen Handlungsbedarf in der nächsten Legislaturperiode“ beanspruchte so viel Zeit, dass die gründliche Auseinandersetzung mit der Ausbildungsfrage vertagt werden musste.

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Beim „gesundheitspolitischen Handlungsbedarf“ ging es in erster Linie um den Vorschlag des BPtK-Vorstands, in Anlehnung an den neuen ambulanten spezialfachärztlichen Versorgungsbereich (§ 116 b SGB V) eine weitere sektorenübergreifenden Ebene zur ambulanten Versorgung psychisch kranker Menschen mit komplexem Behandlungsbedarf zu schaffen.

Wartezeiten ignoriert

BPtK-Präsident Prof. Dr. Rainer Richter war es, der die Delegierten zu Beginn des Psychotherapeutentages auf die Erfordernisse der kommenden Legislaturperiode einstimmte. Er hielt sich nicht lange bei den Arbeitsschwerpunkten des Vorstands im vergangenen Jahr auf. Vieles sei auf den Weg gebracht worden, aber noch immer sei man in Deutschland weit entfernt von einer zufriedenstellenden Versorgung psychisch kranker Menschen. Folglich konzentrierte Richter sich auf aktuelle Probleme und Lösungsvorschläge.

Aktuelles Hauptärgernis für die Psychotherapeuten ist die kürzlich vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) beschlossene Bedarfsplanung. Dort hätten die ermittelten Versorgungsgrade so gut wie gar nichts mit der realen Versorgungslage in der Psychotherapie zu tun, kritisierte Richter. „Es ist unerträglich, mit welcher Nonchalance die gemeinsame Selbstverwaltung bei der Reform der Bedarfsplanung über die monatelangen Wartezeiten auf ein Erstgespräch hinweggegangen ist.“ Eine Bedarfsplanung, die angesichts solcher Verhältnisse unterstelle, dass es 6 000 Psychotherapeuten zu viel gebe, sei dringend reformbedürftig.

Der BPtK-Präsident machte den Delegierten allerdings wenig Hoffnung, dass die gemeinsame Selbstverwaltung aus eigenem Antrieb eine Verbesserung dieser Mangelsituation anzustreben gewillt sei. „Eine Planung mit Blick auf eine gewünschte Versorgung, mit Blick auf zu realisierende Gesundheitsziele birgt für die Kostenträger und die Kassenärztlichen Vereinigungen eben mehr Risiken als eine Planung, die sich damit begnügt, den Status quo mehr oder weniger festzuschreiben“, konstatierte Richter. Es werde nicht einfach sein, der Politik noch einmal Mut zu machen, die Reform der Bedarfsplanung ein weiteres Mal auf die Agenda zu setzen. Aber eine versorgungsorientierte Weiterentwicklung der Psychotherapie bedürfe einer klaren gesetzlichen Vorgabe. Richters Erkenntnis: „Ohne diese ,Motivationshilfe‘ wird die gemeinsame Selbstverwaltung das tun, was sie in den letzten Jahren auch schon getan hat: Sie scheitert bei der Problemanalyse und dann notwendigerweise auch bei den Lösungsansätzen.“

Ein neuer § 116 c im SGB V

So wundert es auch nicht, dass Richter bei der Lösung eines weiteren Versorgungsproblems – der Versorgung psychisch kranker Menschen mit komplexem Behandlungsbedarf – auf die Politik respektive den Gesetzgeber setzt. Seit der Psychiatrieenquete gebe es hierzulande Versuche, für diese Patienten eine integrierte ambulant orientierte Versorgung aufzubauen, führte er aus. „Es geht um eine zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen abgestimmte Versorgung und um Behandlungskontinuität zwischen Phasen der ambulanten und der stationären Versorgung.“ Weder psychiatrische Institutsambulanzen noch Selektivverträge hätten zum Erfolg geführt und würden dies auch auf absehbare Zeit nicht tun. Eine ausreichende Bündelung der Kompetenzen für den ambulanten und stationären Bereich finde nicht statt. Die Versorgung werde entweder aus dem stationären Bereich heraus geplant und umgesetzt oder fokussiere sich auf den ambulanten Bereich, kritisierte Richter. „Wir wissen aber, dass sich bei diesen Patienten Phasen stationärer und ambulanter Versorgung abwechseln. Es geht um Behandlungskontinuität, die Vermeidung von Beziehungsabbrüchen, um vertikale Integration genauso wie um horizontale Integration, also um eine angemessene Abstimmung zwischen den Berufsgruppen.“

Nach Richters Ansicht soll der Gesetzgeber mit einem neuen § 116 c im SGB V die Voraussetzungen für eine bessere Versorgung dieser psychisch kranken Menschen mit komplexem Behandlungsbedarf schaffen. „Wir brauchen ganz ohne Frage einen neuen Ansatz, und einen solchen Ansatz wollen wir der Gesundheitspolitik vorschlagen.“ Auf gesetzlicher Grundlage soll der Gemeinsame Bundes­aus­schuss in Anlehnung an die Umsetzung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (§ 116 b SGB V) Mindeststandards für diesen neuen Versorgungsbereich definieren. Wer diese Anforderungen erfüllt, kann Leistungen erbringen, die weder der Bedarfsplanung noch dem sonst in der ambulanten Versorgung geltenden Erlaubnisvorbehalt unterliegen. „Wir rufen die Politik an, sich einzumischen“, betonte Richter. Dies sei nichts Verwerfliches, wenn die Selbstverwaltung an die Grenzen ihres Regelungsvermögens gelangt sei.

Rheinischer Frohsinn: Bernhard Moors, Barbara Lubisch und Andreas Pichler von der Psychotherapeutenkammer NRW
Rheinischer Frohsinn: Bernhard Moors, Barbara Lubisch und Andreas Pichler von der Psychotherapeutenkammer NRW

Resolution zur Versorgung

Unterschiedliche Ansichten gab es unter den Delegierten des Psychotherapeutentages darüber, ob es grundsätzlich sinnvoll sei, zur Lösung eines solchen Problems nach dem Staat zu rufen, und ob man dies, wie in der vom BPtK-Vorstand vorgelegten Resolution, mit expliziten Lösungsvorschlägen verbinden solle. Die konstruktive Diskussion führte über die Vorlage einer Alternativresolution zu einer Verständigung auf eine gemeinsame Fassung. Die Politik wird darin nicht mehr zu bestimmten Vorgaben an die gemeinsame Selbstverwaltung aufgefordert, sondern der Psychotherapeutentag listet in der Resolution auf, was er für die Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung für erforderlich hält, nämlich:

  • Akutsprechstunden verlässlich zu verankern und angemessen zu vergüten
  • die gruppentherapeutische Versorgung breiter auszubauen
  • das Antrags- und Gutachterverfahren zu entbürokratisieren und die Psychotherapie-Richtlinien so zu flexibilisieren, dass den Belangen unterschiedlicher Patientengruppen besser Rechnung getragen werden kann
  • Psychotherapeuten bei der regionalen Vernetzung zu unterstützen, damit Patienten einen schnelleren und bedarfsgerechten Zugang zur Versorgung erhalten.

Mit Blick auf die Patienten mit komplexem Behandlungsbedarf beschränkt sich die Resolution auf die grundsätzliche Forderung, dass „Vorgaben für den Aufbau einer sektorenübergreifenden Versorgung entwickelt werden“ müssten – „zum Beispiel mit einem neuen § 116 c SGB V“.

Nach wie vor beklagen die Psychotherapeuten eine – verglichen mit den Ärzten – schlechte Einkommenslage. Dieser Aspekt stand beim 22. Deutschen Psychotherapeutentag aber nicht im Vordergrund. In der Resolution ging es vielmehr um eine deutliche Kompetenzerweiterung. Die Befugniseinschränkungen für Psychotherapeuten nach § 73 SGB V sollen nach dem Votum der Delegierten aufgehoben werden. Psychotherapeuten soll es erlaubt sein, Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen auszustellen, ins Krankenhaus einzuweisen, Rehabilitationsbehandlungen zu verordnen, an andere Fachärzte zu überweisen und Heilmittel zu verordnen. Zudem sollen Medizinische Versorgungszentren für psychische Erkrankungen ermöglicht werden.

Auch auf berufspolitischer Ebene beansprucht die Resolution mehr Kompetenzen. Die Beteiligungsrechte der BPtK an den Beratungen des G-BA müssen ausgebaut werden, heißt es dort. Zu prüfen sei eine Aufnahme in die Trägerorganisationen des G-BA.

Problem der Ausbildung

Die immer noch ausstehende Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung ist ein weiteres Problem, das die Psychotherapeuten beschäftigt. Die Berufe Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut seien nach wie vor sehr attraktiv, sagte Richter. Etwa 13 000 Diplom-Psychologen und -Pädagogen absolvieren nach Angaben der Bundeskonferenz der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) derzeit eine solche Ausbildung. Doch je länger die Reform der Ausbildung verschoben werde, „desto größer wird die Gefahr einer Dequalifizierung aufgrund der Bachelor- und Masterproblematik“. Grund: In mehreren Bundesländern wird schon ein Bachelorabschluss als Zugang zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten anerkannt.

Auch die Missstände bei der Vergütung der praktischen Tätigkeit während der Ausbildung zum Psychotherapeuten in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken erforderten dringend eine Reform. Die Bundeskonferenz PiA machte die Delegierten mit einem kurzen, sehr gut gemachten Filmspot erneut auf die existenziellen Nöte während des Praxisjahres aufmerksam (zu sehen unter www.youtube.com/watch?v=KMw1nhP4VoU). 20 Prozent der Ausbildungskandidaten erhalten während des Praxisjahres gar keine Vergütung; circa 25 Prozent nur 390 Euro im Monat. Diese Zahlen – wenngleich nicht repräsentativ – ermittelte das IGES-Institut, Berlin, im Rahmen der „Befragung der angestellten Mitglieder der Psychotherapeutenkammern“. Dabei lag das Durchschnittsalter der etwa 1 000 befragten Ausbildungskandidaten bei 34 Jahren.

„Von Jahr zu Jahr verspricht man uns, das Problem zu lösen“, kritisierte Präsident Richter. Im Moment gebe es nicht einmal eine konkrete zeitliche Perspektive. Eine Reform der Ausbildung werde in dieser Legislaturperiode nicht mehr möglich sein. Das musste Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum der BPtK einräumen (Kasten). „Hoffentlich in der nächsten“, hatte er lakonisch hinzugefügt.

Davon abgesehen werden zunehmend Modelle einer Direktausbildung, also eines Studienganges der Psychotherapie wie in der Medizin mit anschließender Weiterbildung, als Lösung für die Probleme der heutigen Ausbildungsstruktur diskutiert. Der Vorstand der BPtK und der Länderrat der Kammern halten es aber zunächst für notwendig, sich über das künftige Berufsbild von Psychotherapeuten zu verständigen. Denn: „Es gibt bisher kein konsentiertes Kompetenzprofil, nur ein impliziertes“, erklärte Richter.

Kompetenzprofil entwickeln

Ein Entwurf für ein solches Berufsbild lag den Delegierten in schriftlicher Form vor. Einige Delegierte hätten sich eine Diskussion zu diesem Papier gewünscht, doch die Zeit, die für diesen letzten Tagesordnungspunkt noch übrig war, ermöglichte dies nicht. So nahm der Deutsche Psychotherapeutentag den Antrag des Vorstands an, anhand des Entwurfs und der bisherigen DPT-Beschlüsse zur Ausbildung ein Kompetenzprofil zu entwickeln, über das künftige Therapeuten verfügen sollten. Hierzu soll ein „strukturierter Dialog“ mit Ausbildungsinstituten und gesundheitspolitischen Gremien geführt werden, wie diese Kompetenzen im Rahmen einer künftigen Aus- und Weiterbildung erworben werden können, und zwar sowohl in einer modifizierten postgradualen Ausbildung als auch im Rahmen einer Direktausbildung. In dem Dialog soll auch überlegt werden, wie eine sich an die Direktausbildung anschließende Weiterbildung finanziert werden könnte.

Die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung begrüßte in einer Pressemitteilung ausdrücklich den Beschluss des 22. DPT, „sich für die Direktausbildung zu öffnen“. Die Ergebnisse des Dialogs sollen auf dem 23. Psychotherapeutentag, der im November in Kiel stattfindet, vorgestellt werden.

Petra Bühring, Thomas Gerst

Zehn Jahre Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (links) zu Gast bei Rainer Richter. Foto: BPtK
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (links) zu Gast bei Rainer Richter. Foto: BPtK

In diesem Jahr wird die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), die Arbeitsgemeinschaft der Länderkammern, zehn Jahre alt. „Seitdem können wir mit einer Stimme sprechen“, betonte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, bei einer Festveranstaltung zu diesem Jubiläum auf den Dächern des Deutschen Bundestages. „Die Versorgung psychisch Kranker muss noch besser werden“, forderte Richter. In keiner Facharztgruppe müssten Patienten vergleichbar lange auf einen Behandlungsplatz warten.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr wies darauf hin, dass sich die BPtK bei vielen Gesetzen konstruktiv eingebracht habe. Und: „Sie sind ein sehr geschätzter Diskussionspartner für die Politik.“ Er verglich das nun zehn Jahre alt gewordene Mitglied im Gesundheitswesen, das oftmals auch als Haifischbecken bezeichnet wird, mit einem Hai. „Diese Tiere werden in der Regel mit zehn Jahren geschlechtsreif“, erklärte Bahr. Interpretiert wurde diese Analogie mit der Aufforderung, ab jetzt noch etwas „bissiger“ oder fordernder zu werden.

Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter wies auf die mehr als 1 300 neuen Zulassungsmöglichkeiten für Psychotherapeuten in ländlichen Regionen hin, die die neue Bedarfsplanungsrichtlinie geschaffen hat. „Die neuen Praxissitze sollten so schnell wie möglich besetzt werden“, forderte er. Die zusätzlichen Sitze begrüßte auch BPtK-Präsident Richter. Trotzdem blieben zahlreiche psychisch Kranke unbehandelt. Es sei „unerträglich“, wie bei der Reform der Bedarfsplanung über die Wartezeiten in der Psychotherapie hinweggegangen worden sei, kritisierte er. „Wir haben viel zu wenig Psychotherapeuten, aber auch zu wenig Psychiater und psychiatrische Krankenpfleger.“ pb

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