ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Ambulante psychotherapeutische Versorgung: Kürzere Therapien und Reform des Gutachterverfahrens

POLITIK

Ambulante psychotherapeutische Versorgung: Kürzere Therapien und Reform des Gutachterverfahrens

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 204

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der GKV-Spitzenverband unterbreitet Vorschläge, wie das Angebot an ambulanter Psychotherapie reformiert werden könnte. Die Techniker-Krankenkasse schlägt vor, eine „Koordinierungsstelle“ für hilfesuchende Patienten einzurichten.

Der GKV-Spitzenverband hat Anfang April ein Diskussionspapier vorgelegt, in dem Vorschläge unterbreitet werden, wie das Angebot an ambulanter Psychotherapie weiterentwickelt werden kann. Hintergrund: Bei den Honorarbeschlüssen des Bewertungsausschusses im vergangenen Herbst haben sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband darauf geeinigt, die Psychotherapie-Richtlinien zu reformieren.

Als Gründe für einen Reformbedarf listet das von Dr. Thomas Uhlemann, Abteilung Ambulante Versorgung, stammende Papier bekannte Probleme auf: lange Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz, ungleiche Verteilung von Psychotherapeutensitzen in Städten und auf dem Land beziehungsweise zwischen West und Ost. Hier wird gegenwärtig auch versucht, mit etwa 1 300 neuen Praxissitzen in ländlichen Gebieten gegenzusteuern. Weiter findet man das ebenfalls bekannte Vorurteil, Psychotherapeuten würden zu wenig arbeiten, nämlich nur die Hälfte dessen, was entsprechend ihrer Behandlungskapazität möglich wäre. Das Angebot werde deshalb in der Planung systematisch überschätzt.

Anzeige

Durchschnittliche Arbeitszeit 47 Stunden pro Woche

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) weist in einer Stellungnahme zu dem Diskussionspapier noch einmal auf die Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung aus dem Jahr 2012 hin, die zeigte, dass Psychotherapeuten durchschnittlich 47 Stunden pro Woche in ihrer Praxis arbeiteten. Dabei wurde auch deutlich, dass sie im Ranking der Arztgruppen nur eine unterdurchschnittliche Zahl von „Kleinstpraxen“ führen (siehe auch PP, Heft 5/2012).

Weiter kritisiert der GKV-Spitzenverband das Gutachterverfahren in der Psychotherapie. Es trage nur bedingt zur Qualitätssicherung bei und sei zudem teuer. Außerdem gebe es keine Messung der Ergebnisqualität, also keine Zielerreichungsprüfung. Das Gutachterverfahren müsse deshalb geändert und ergänzt oder ganz durch eine neue Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeitsprüfung ersetzt werden. Die DPtV stimmt der zusätzlichen Messung der Ergebnisqualität zu. Allerdings müsse dann eine deutliche Entlastung beim Gutachterverfahren stattfinden. Zudem sollten die Ergebnisse nur den Psychotherapeuten als Rückmeldung zur Verfügung gestellt werden dürfen.

Sollte es beim Gutachterverfahren bleiben, schlägt Uhlemann zumindest eine „Entbürokratisierung“ durch weniger Gutachten vor. Ohne Bericht an den Gutachter könnten dann beispielsweise verfahrensunabhängig 15 Therapiestunden nach den probatorischen Sitzungen geleistet werden, so seine Idee. Dies könne auch dazu beitragen, die Wartezeiten zu verringern. Ein weiteres Instrument dazu sieht er in „Vergütungsanreizen zur Reduzierung der Sitzungsanzahl bei Langzeittherapien“. Die Gruppentherapie sollte ebenfalls durch Flexibilisierung und Vergütungsanreize gefördert werden.

Das Antrags- und Gutachterverfahren zu entbürokratisieren und die gruppentherapeutische Versorgung breiter auszubauen, fordert auch der 22. Deutsche Psychotherapeutentag in einer Resolution. Die Verkürzung der Kurzzeittherapie von 25 auf 15 Stunden hingegen hält nicht nur die DPtV für „inakzeptabel und unrealistisch“.

Kritik am Vorschlag für eine Koordinierungsstelle

Die Techniker-Krankenkasse (TK) schlägt in ihren aktuellen „Thesen zur ambulanten Psychotherapie“ unter anderem vor, die Erstberatung für Patienten, die eine ambulante Psychotherapie suchen, in einer „Koordinierungsstelle“ durchzuführen. Dabei könnte ein „unabhängiger Arzt/Psychotherapeut“ den Therapiebedarf feststellen und bewerten. „Therapieplätze würden in der Folge nicht falsch besetzt und stünden denjenigen zur Verfügung, die sie tatsächlich benötigen“, heißt es in den Thesen. Hintergrund ist die Annahme der TK, dass die Wahl des Therapieverfahrens willkürlich erfolge; aus den Abrechnungsdaten sei jedenfalls keine Korrelation zwischen Verfahren und Diagnose erkennbar.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hält eine solche Koordinierungsstelle für „bürokratisch und teuer“. Die Kosten dafür würden schnell die Ausgaben für das bisherige Gutachterverfahren deutlich übersteigen. Der Nutzen sei zudem „sehr begrenzt“. Empfehlungen für bestimmte Therapieverfahren seien kaum möglich, da nur wenige Behandlungsleitlinien solche diagnosespezifischen Empfehlungen beinhalten. Wesentlich sinnvoller sei die Schaffung von Akutsprechstunden bei Psychotherapeuten selbst.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema