ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Problematische Mediennutzung: Wenn ohne PC nichts mehr geht . . .

POLITIK

Problematische Mediennutzung: Wenn ohne PC nichts mehr geht . . .

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 210

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Hilfsangebot: Das 2010 gestartete Modellprojekt ESCapade (www.escapade-projekt.de) ist ein familienorientiertes Interventionsprogramm für Jugendliche mit problematischer Computernutzung.
Hilfsangebot: Das 2010 gestartete Modellprojekt ESCapade (www.escapade-projekt.de) ist ein familienorientiertes Interventionsprogramm für Jugendliche mit problematischer Computernutzung.

Unter Fachleuten ist noch umstritten, wann eine übermäßige Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen als Sucht oder Abhängigkeit eingestuft werden muss.

Computer, Tablet und Smartphone haben das Fernsehgerät als wichtigstes Medium im Alltag der Jugendlichen abgelöst. „Wer ohne Internet ist, ist sozial isoliert“, erklärte Prof. Dr. med. Rainer Riedel, Rheinische Fachhochschule (RFH) Köln, bei einem Symposium der Ärztekammer Nordrhein zu den gesundheitlichen Gefahren einer übermäßigen Mediennutzung*. Neben der Möglichkeit zur Interaktion und Teilhabe ist es vor allem die Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, die den Reiz des Internets ausmacht. Mädchen und Jungen nutzen das Internet dabei unterschiedlich: Für Jungen sind Spiele attraktiv, für Mädchen die Kommunikation – vor allem in Chatrooms und per Facebook.

Anzeige

Doch birgt der Umgang mit den Medien auch Risiken: Kinder- und Jugendärzte haben es zunehmend häufiger mit Heranwachsenden zu tun, die – vor allem als Folge von Bewegungsmangel – unter Adipositas, Diabetes mellitus, Entwicklungsstörungen und Aufmerksamkeitsdefiziten leiden. Die Ärzte vermuten im Medienmissbrauch eine Ursache für diese Entwicklung. Allerdings gibt es bislang keine Studien dazu, wie viel Mediengebrauch unbedenklich ist und ab wann eine übermäßige Mediennutzung krank machen kann. „Längsschnittuntersuchungen hierzu fehlen“, meinte Riedel.

Studien erforderlich

Der Neurologe und Psychiater verwies auf das Studienprojekt BLIKK (Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Krankheiten von Kindern und Jugendlichen beim Umgang mit elektronischen Medien), das der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und das Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der RFH Köln gestartet haben, um das Medienverhalten der jungen Generation zu untersuchen.

Ziel ist es dabei auch, Korrelationen zu den Ergebnissen anderer Studien herzustellen. So hat etwa die KIGGS-Studie Riedel zufolge unter anderem eine Abnahme motorischer Fähigkeiten wie etwa Baumklettern bei Kindern und Jugendlichen festgestellt („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, www.kiggs-studie.de). Nach der Bella-Studie zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten von Kindern und Jugendlichen (www.bella-study.org) liegen bei circa 22 Prozent der Heranwachsenden zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten vor. Etwa zehn Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen litten unter Ängsten, fünf Prozent an Depression und circa acht Prozent zeigten ein auffälliges Sozialverhalten. Risikofaktoren für psychische Auffälligkeiten sind vor allem ein niedriger sozioökonomischer Status und Risiken in der Familie, wie Familienkonflikte oder eine hohe elterliche Belastung.

Exzessive Online-Nutzung allein sei noch kein Hinweis auf eine Sucht oder Abhängigkeit, betonte Wolfgang Schmidt-Rosengarten von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen e.V., Frankfurt/Main. Vielmehr müssten negative Folgeerscheinungen hinzukommen. Anzeichen dafür sind beispielsweise ein wachsendes Desinteresse am eigenen sozialen Umfeld, ein Nachlassen von Offline-Freizeitaktivitäten wie Sport, ein Leistungsrückgang in Schule und Beruf und auffallende Müdigkeit. „Gefährdet sind vor allem Risikogruppen“, meinte der Suchthilfe-Experte. Die virtuelle Welt als Substitut zur realen Welt sei hochattraktiv für Menschen, die unter gering ausgeprägtem Selbstbewusstsein, mangelnder Kommunikationsfähigkeit oder Wertschätzung litten.

Definition schwierig

Einige Experten verwenden den Begriff Internetproblematik statt Internetsucht, da in der Fachwelt noch umstritten ist, ob von Sucht gesprochen werden kann. In der fünften Revision des von der American Psychiatric Association herausgegebenen „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5), das Ende Mai 2013 veröffentlicht werden soll, taucht Internetsucht nicht auf. Dort wird aber zumindest die Internet-Use-Gaming-Disorder als Störungsbild, bei dem weiterer Forschungsbedarf besteht, aufgenommen.

Auch wenn die Datenlage zur Internetproblematik insgesamt dürftig ist, sind sich die Experten in vielen Empfehlungen zur Prävention doch einig. So ist es in der Erziehung wichtig, Medienkompetenz zu vermitteln, einen sinnvollen Umgang mit Medien zu fördern und Alternativen zum Aufenthalt im Internet durch eine aktive Freizeitgestaltung zu schaffen. Das oberste Gebot lautet jedoch, den Zugang zu beschränken: Kein Bildschirm oder Smartphone im Kinderzimmer!

Heike E. Krüger-Brand

Symposium „Mein Handy, mein PC, mein Tablet“ – Gesundheitliche Gefahren der übermäßigen Nutzung, 27. März 2013, Düsseldorf

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema