THEMEN DER ZEIT

Psychoanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Das Dilemma der unruhigen Jungen

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 216

Hopf, Hans

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Depressive Jungen neigen zu ausagierenden Verhaltensweisen mit vermehrten Aggressionen und Hyperaktivität. Foto: picture alliance
Depressive Jungen neigen zu ausagierenden Verhaltensweisen mit vermehrten Aggressionen und Hyperaktivität. Foto: picture alliance

Bewegungsunruhe, Aufmerksamkeitsdefizite und Affektdurchbrüche bei Jungen haben stark zugenommen. Der Einfluss der Eltern-Kind-Beziehung und gesellschaftliche Veränderungen sollten als Ursache nicht unterschätzt werden.

Jungen haben einen starken Drang nach Bewegung, und sie toben bereits im Mutterleib mehr herum als es Mädchen tun. Dafür zuständig, wie für alle weiteren Geschlechtsunterschiede, ist das Testosteron, das den Körper zu heftiger Bewegung drängt. Schon neugeborene Jungen sind impulsiver, geraten rascher in emotionale Erregung und lassen sich auch schwerer beruhigen. Somit existieren von Geburt an Geschlechtsunterschiede, die unterschiedliche elterliche Reaktionen nach sich ziehen können. Bewegung ist von Beginn des Lebens an männlich besetzt.

Manische Abwehr

Darum beantworten Jungen innere Unruhe und depressive Ängste auch bald mit motorischer Unruhe und Getriebenheit: Das Symptombild der Depression bei Kindern unterscheidet sich beispielsweise sehr stark bei Jungen und Mädchen. Depressionen kommen bei Jungen nicht etwa seltener vor, die depressiven Affekte werden nur häufiger von einem lärmenden aggressiven und unruhigen Agieren zugedeckt, was Psychoanalytiker als manische Abwehr bezeichnen. Bekannt ist der kleine Junge, der in Trennungssituationen im Kindergarten und in der Schule unruhig und getrieben wirkt und nicht mehr stillsitzen kann. Oft wird dann die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gestellt.

Motorik, Aggression, Sexualität und Lust an der Bewegung sind also bei Jungen eng miteinander verquickt. Wenn das Fass ihrer Gefühle überläuft, werden die Affekte mittels Bewegungsunruhe abgeführt. Doch nur wenn es gelingt, Vorstellungen und Gefühle in der Fantasie und in einem inneren Raum zu halten, dort zu regulieren und zu bewältigen, müssen entstehende Spannungen nicht auf diese Weise abgeführt werden. Mädchen können das in der Regel besser, ihnen ist es möglich, Bewegung zu symbolisieren und zu sublimieren. Die Bandbreite von Bewegung reicht bei Jungen somit von einer impulsiven Abfuhr von Affekten über Motilität hin zu einer lustvoll-phallischen, auch rivalisierenden Bewegungsfreude, die jedoch meist vom bewussten Denken kontrolliert wird. Ihre besondere Art zu spielen sollte darum nicht zu früh eingegrenzt werden, es wird ihnen ansonsten die Gelegenheit genommen, im Spiel ihre Eigenarten kennenzulernen, sich zu erproben und sich ihrer zu erfreuen, um sich schließlich selbst für Einschränkungen zu entscheiden.

Starre Verhaltensweisen

Auch psychische Störungen sind darum geschlechtsspezifisch. Jungen neigen zur Bewegungsunruhe, externalisieren ihre Konflikte und tragen ununterbrochen Sand ins soziale Getriebe (1). Jungen haben ebenfalls Probleme mit der Beherrschung von aggressiven Affekten, und ihre sexuelle Identität ist instabil. Sie neigen zu sozial störenden, ausagierenden Verhaltensweisen mit vermehrten Aggressionen und Hyperaktivität. Vereinfacht: Jungen machen den Schulhof zum Kampfplatz, Mädchen hingegen den eigenen Körper. Jungen zeigen zudem starre Verhaltens- und Denkweisen, und sie passen sich den Veränderungen der Gesellschaft nur schwer an – sie werden mittlerweile auch als Bildungsverlierer bezeichnet.

Trauma und ADHS

Ein kleiner Blick zurück: Die „Langeoog-Untersuchung“ ist wohl die wichtigste und zugleich eine exemplarische Beschreibung von traumatisierten Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. In den Jahren ab 1947 waren 50 000 Schüler der Geburtsjahrgänge 1927 bis 1941 im Lebensalter zwischen sechs und 20 Jahren untersucht worden. Festgestellt wurden damals „nervöse Störungen“, übergroße Schreckhaftigkeit, motorische Unruhe, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Schlaf- und Sprachstörungen (2), Symptome, welche der heute so häufig diagnostizierten ADHS außerordentlich geähnelt haben, vor dem Hintergrund von Trennungstraumata und Vaterlosigkeit. Diese Untersuchung weist zudem auf einen eklatanten Zusammenhang zwischen Trauma und ADHS hin. Doch seinerzeit durften Kinder ihren Bewegungsdrang noch austoben, die Welt war noch nicht zubetoniert, und sie waren auch nicht an den Computer gefesselt und zappelten dort herum.

Psychisch präsente Väter können dazu beitragen, dass sich Unruhe, Unaufmerksamkeit und Unbeherrschtheit zurückbilden – und umgekehrt Foto: picture alliance
Psychisch präsente Väter können dazu beitragen, dass sich Unruhe, Unaufmerksamkeit und Unbeherrschtheit zurückbilden – und umgekehrt Foto: picture alliance

Aber warum gibt es auch heute so viele unruhige, unkonzentrierte und unbeherrschte Kinder? Könnte es sein, dass es ähnliche Ursachen sind? Trennungstraumata, Vaterlosigkeit, erregte Zeiten? Bewegungsunruhe, Aufmerksamkeitsdefizite sowie Affektdurchbrüche sind auch Störungen, die vor dem Hintergrund von belastenden Lebensereignissen, Beziehungsstörungen, Deprivationen, Traumatisierungen entstehen können. Natürlich ist das, was wir als unseren Geist verstehen, auch ein Ausdruck der Funktionsweise unseres Gehirns. Alle geistigen Prozesse, selbst die komplexesten psychologischen Prozesse, leiten sich gemäß dem Hirnforscher Eric Kandel (3) von Operationen des Gehirns ab. In Gedanken, Fantasien und Beziehungen wird jedoch aus Biologie alles zu psychischem Erleben, und auch neurobiologische Niederschläge können durch Einflüsse von Pädagogik und Psychotherapie wieder verändert werden. Es besteht ein ständiges Wechselspiel zwischen Leib und Seele sowie einer störenden und fördernden Umwelt. Dies wird in der Regel bei allen seelischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter so akzeptiert, nur nicht bei Bewegungsunruhe, Aufmerksamkeitsstörungen sowie bei Problemen bei der Beherrschung von Gefühlen und Trieben.

Warum ist das so? Warum wird oft starr, gelegentlich auch kämpferisch, an einer ausschließlich biologischen Verursachung festgehalten?

In den 90er Jahren habe ich begonnen, über die Psyche der Jungen nachzudenken. Immer mehr Jungen mit der Diagnose ADHS wurden vorgestellt, die, so hatte ich erfahren, an Störungen der Transmittersubstanzen im Gehirn leiden sollten. Die Diagnose ADHS nahm weiterhin zu und ersetzte mit der Zeit alle anderen. 1991 hatten noch 1 500 Kinder und Jugendliche die Diagnose ADHS, inzwischen sind es fast 700 000 (4): Aus psychoanalytischer Sicht waren es externalisierende soziale Störungen, allerdings hatten diese Jungen immer häufiger massive Probleme mit der Beherrschung ihrer Affekte. Dieses Störungsbild hatte es schon immer gegeben, Nissen schreibt in seiner Geschichte der Kinderpsychiatrie, dass neuere Untersuchungen auf eine hirnorganische Kerngruppe von ein bis zwei Prozent mit diesem Störungsbild verweisen (5). Ab den 90er Jahren wurde die ursprüngliche Zappelphilipp-Diagnose in kurzer Zeit auf alle sozialen Störungen ausgeweitet, seelische Ursachen wurden ausgeblendet, und alle diese Störungen wurden mit einem Defekt im Gehirn erklärt. Damit wurde die Seele eliminiert, zentrale Bereiche der Pädagogik wurden medizinalisiert. Gleichzeitig wurden auch alle aus der erzieherischen Verantwortung entlassen, Eltern, Erzieher, Lehrer – von jetzt an war nur noch Chemie, im Kopf und als Medikation angesagt. Über den Topf mit brodelnden Konflikten kam ein eiserner Deckel mit einer Diagnose ADHS, die nicht mehr angezweifelt werden durfte. Ansonsten wurde man der Unwissenschaftlichkeit geziehen, auch weil man – angeblich – Eltern beschuldigte, indem man davon ausging, sie trügen Verantwortung für ihr Kind.

Hirnorganische Störung?

Will man bei der Feststellung bleiben, ADHS sei immer eine ausschließlich hirnorganische Störung, deren Entstehung nichts mit Beziehung und nichts mit einer veränderten Gesellschaft zu tun habe, so will ich nur wenige Fragen beantwortet haben. Ich benutze hierzu Daten aus der Untersuchung von Schlack et al. sowie aus dem Barmer-GEK-Arzt-Report (6):

  • Die Diagnosehäufigkeit hat – wie zuvor aufgezeigt – in einem extremen Maß zugenommen und nimmt immer weiter zu. Wie kann das sein, wenn es sich ausschließlich um hirnorganische Defekte handelt? Die häufigste Antwort hierauf: weil dieses Störungsbild heutzutage so gut diagnostiziert wird. Wurden früher bewegungsunruhige und unbeherrschte Kinder tatsächlich übersehen, ambulant und im Heim?
  • Warum sind es fast ausschließlich Jungen?
  • ADHS wird umso häufiger bei Kindern diagnostiziert, je jünger deren Eltern sind? Warum?
  • Warum wird in unteren Schichten mehr und in höheren Schichten weniger ADHS diagnostiziert?
  • Warum wird bei den Söhnen alleinerziehender Mütter häufiger ADHS diagnostiziert?

Kann man wirklich noch an einem Störungsbild festhalten, das angeblich nur auf Gendefekten und Schaltfehlern im Gehirn beruht, und die Seele eines Kindes außen vor lässt?

Psychische Störungen haben wahrscheinlich nicht zugenommen, doch hat sich ihre Qualität verändert. Bei einer bestimmten Gruppe verdichten sich die Risikofaktoren. Ich stelle als Psychotherapiegutachter fest, dass die externalisierenden Störungen bei den Jungen häufiger als früher vorkommen. Hierfür vermute ich verschiedene Ursachen, die ich nur verkürzt wiedergeben kann.

Es wird an verschiedenen Orten betont, dass Beziehung, Erziehung und Gesellschaft auf keinen Fall an der Zunahme von externalisierenden Störungen beteiligt seien, Zitat: „ADHS ist eine Krankheit, keine gesellschaftliche Fehlentwicklung.“ Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass ADHS primär biochemisch verursacht ist, so kann dennoch der Einfluss der Gesellschaft nicht ausgeschlossen werden. Auch zerebrale Verletzungen können in einem ausgeglichenen Milieu relativ gut kompensiert werden, eine gestörte Umwelt mit Reizüberflutung führt jedoch leicht zu psychischen Dekompensationen (5). Übertrage ich das auf die Zunahme der externalisierenden Störungen, so muss ich davon ausgehen, dass das Milieu, in welchem Kinder leben, nicht optimal ist, um Vulnerabilitäten und die Folgen früher Beziehungsstörungen auszugleichen.

Die autoritären Strukturen sind in vielen Bereichen zerfallen. Nicht mehr die Erziehung durch Erwachsene, sondern das Bedürfnis- und Beziehungsleben des Kindes stehen im Mittelpunkt der Familiendynamik. Aus dem autoritären Erziehungsstil wurde ein partnerschaftlicher, verhandlungsorientierter. Erziehungsvorstellungen waren nicht mehr Gehorsam und Unterordnung, sondern Selbstständigkeit und freier Wille (7). Doch birgt auch das Elixier Freiheit Gefahren und besitzt bestimmte Nebenwirkungen. Es kann Kinder überfordern, verunsichern und ängstigen. Erziehung in totaler Freiheit kann zu einem Laisser-faire degenerieren. Auf diese Weise erfahren manche Kinder gelegentlich zu wenig Halt, zu wenig Sicherheit. Neben den externalisierenden Störungen haben wir darum ebenso eine Fülle von Angststörungen zu verzeichnen. Der kontinuierliche Zerfall von Familien mit einer Zunahme von traumatischem, oft unbewältigtem Trennungserleben bei Kindern kann ebenfalls nicht geleugnet werden. Kindheit findet auch nicht selten statt zwischen materieller Verwöhnung und emotionaler Deprivation, vielerlei regressive Störungen sind hiervon die Folge. Sehr viele dieser Kinder leiden an Vaterentbehrung und Vaterhunger. So wie unsere Gesellschaft generell an einem Rückgang von väterlicher Struktur, von Symbolen und Ritualen leidet. Externalisierende Störungen nehmen zu, auch weil der gesellschaftliche Rahmen nicht ausreichend haltend und begrenzend ist.

Männer in die Erziehung

Natürlich haben auch die neuen Medien die Welt verändert. Der Philosoph Christoph Türcke spricht von einer Gesellschaft des Spektakels. Er geht davon aus, dass die Aufmerksamkeit aller Menschen durch ein Trommelfeuer der Bildmaschinen absorbiert und zermürbt wird. Vor allem bei frühen Bindungs- und Beziehungsstörungen entsteht keine ausreichende Mentalisierungsfähigkeit, um Zustände des Selbst zu regulieren. Dann können Affekte, Emotionen nicht ausreichend beherrscht und gesteuert werden. Ein Kind braucht in seinen ersten Lebensjahren mindestens eine zuverlässige, haltgebende Person, um sicher gebunden zu sein.

Oft sind auch die triadischen Entwicklungen gescheitert, das heißt, es ist zu keiner frühen Beteiligung des Vaters innerhalb der Beziehung zum Kind gekommen. Jungen mit einem zugewandten Vater zeigen eine höhere Kompetenz beim Umgang mit Triebimpulsen und Gefühlen als Kinder ohne präsenten Vater. Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, dass verantwortungsvolle und psychisch präsente Väter entscheidend dazu beitragen würden, dass sich die Symptome – Unruhe, Unaufmerksamkeit und Unbeherrschtheit – bei den Jungen empirisch messbar zurückbilden würden. Solche „Väter“ wünsche ich mir nicht nur in der Familie, sondern auch in der gesamten institutionalisierten Erziehung (8).

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2013; 12(5): 216–8

Anschrift des Verfassers
Dr. Hans Hopf, Seebachweg 14, 74395 Mundelsheim, Telefon: 07143 50224, dr.hans.hopf@
t-online.de

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1.
Esser G: Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart, New York: Thieme Verlag 2011.
2.
Radebold R: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2005: 47.
3.
Kandel ER: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008: 81ff.
4.
Schmitz T: Mach mich lieb. Süddeutsche Zeitung, 5.11.2011: 3.
5.
Nissen G: Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2005: 445.
6.
Barmer-GEK-Arztreport: Schwerpunkt Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen; 2013.
7.
Seiffge-Krenke I, Schneider NF: Familie – nein danke?! Familienglück zwischen neuen Freiheiten und alten Pflichten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2012.
8.
Hopf H: Mich beunruhigen die unruhigen Jungen. In: Hurrelmann K, Schultz T (Hrsg.): Jungen als Bildungsverlierer. Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2012.
1.Esser G: Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart, New York: Thieme Verlag 2011.
2. Radebold R: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2005: 47.
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    JohannesStreif
    am Freitag, 30. August 2013, 19:56

    ADHS und Trauma

    Über die inhaltliche Qualität der Ausführungen Herrn Hopfs im Allgemeinen soll an dieser Stelle nicht geurteilt werden, doch der konstruierte Zusammenhang des Gesundheitszustandes von Kindern, die in den Jahren 1946 bis 1950 zu Erholungskuren auf die Insel Langeoog geschickt wurden, darunter zur Hälfte Flüchtlingskinder, mit der ADHS-Symptomatik heutiger Kinder ist ein mutiger, der Rückschluss von Kriegs- und Fluchttraumata auf die Ätiologie der ADHS geradezu ein abenteuerlicher. Diese Kinder litten an Untergewicht, vermindertem Längenwachstum, Haltungsschäden, schlechten Zähnen, Rachitis, Infektionen wie Tuberkulose; sie lebten oft unter desolaten hygienischen Umständen, ihre Haut war schmutzig, verkrustet, welk; aufgrund ihrer Erfahrungen, auch der Erfahrung ihrer Ablehnung an den neuen Wohnorten, waren sie oft misstrauisch, ernst, schweigsam und litten an Schlafstörungen, Alpträumen, Bettnässen, Sprachstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen. Welches Kind kann sich unter solch massiven körperlichen Einschränkungen wie auch psychischen Eindrücken konzentrieren wie ein gesundes, wohlernährtes und sozial integriertes Kind? Weder das Verhalten noch die Geschichten der Kurkinder auf Langeoog haben irgendetwas mit der ADHS zu tun. Es grenzt vielmehr an eine Verniedlichung ihrer schrecklichen Lebensumstände im und oft auch nach dem Krieg, diese mit dem Leben der Kinder zu vergleichen, denen heute die Diagnose einer ADHS gestellt wird.

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