ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Beschwerden: Kein wirkliches ernst nehmen

BRIEFE

Beschwerden: Kein wirkliches ernst nehmen

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 219

Brudy, Gustav J.

Die Psychotherapeutenkammern haben den Umgang mit Beschwerden strukturiert (Heft 3/2013: „Patientenbeschwerden in der Psychotherapie: Sie werden ernst genommen“ von Petra Bühring).
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Der entscheidende Satz der Schlichtungsordnung der Kammern ist der, dass ein Schlichtungsverfahren nur möglich ist, wenn beide Parteien dem Verfahren zustimmen. Aufgrund der Erfahrung einer Patientin, die sich über berufsethisch fragwürdige Verhaltensweisen eines Psychotherapeuten bei der Kammer beschwert hatte, und aufgrund eigener Erfahrung mit dem Umgang der Kammer mit meiner Beschwerde über die Wiederholung einschlägiger Verhaltensweisen desselben Psychotherapeuten wurde mir die Wirkung dieses Satzes drastisch vor Augen geführt.

Obwohl der Ausschuss Hinweise erhalten hatte, dass das Verhalten des Psychotherapeuten gegenüber dieser Patientin kein Einzelfall war, wurde die Beschwerde als Einzelfall abgehandelt. Bei diesem Prozedere hatte die Patientin keine Chance mehr: Sie war plötzlich nicht mehr glaubwürdig.

Die Patientinnen – es waren seltsamerweise ausschließlich Frauen, die einschlägige Erlebnisse berichteten –, die danach mir entsprechend berichteten, trauten sich nicht zu, vor diesem Hintergrund persönlich ein Verfahren gegen diesen Psychotherapeuten durchzustehen Sie stellten mir jedoch ihre Informationen schriftlich und zum Vortrag zur Verfügung, wenn dieser Psychotherapeut in einer entsprechenden Sitzung des Beschwerdeausschusses anwesend sei.

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Obwohl er – was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste – einer Schlichtung nicht zugestimmt hatte, wurde ich vor den Ausschuss geladen, vor dem ich aufgrund der Verpflichtung zum Schweigen wegen Abwesenheit des Psychotherapeuten schweigen musste. Dort wurde ich zum Beispiel von einem Professor der Psychologie nach der statistischen Häufigkeit dieses Verhaltens des Psychotherapeuten befragt, wurde von einer anderen Teilnehmerin dieses Ausschusses darauf hingewiesen, dass es doch auch Teil unserer Tätigkeit sei, die Folgen von Auswirkungen von Handlungen Dritter gegenüber Patienten aufzuarbeiten und wurde darauf hingewiesen, dass ich das Verfahren behindern würde aufgrund meines Schweigens.

Mit andern Worten: Von wirklichem ernst nehmen der Anliegen von Patientinnen kann in diesen Fällen keine Rede sein, weil es dieses Schlupfloch und eine Fülle juristischer Interpretationen gibt, wie zum Beispiel die überraschend eingeführte Verjährung, die seitens der Kammer in ihren Jahresberichten gewiss nicht veröffentlicht werden.

Dipl.-Psych. Gustav J. Brudy, Psychologischer Psychotherapeut, 64589 Stockstadt am Rhein

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