ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Verhaltenssüchte: Mangel an Praxiserfahrung

BRIEFE

Verhaltenssüchte: Mangel an Praxiserfahrung

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 219

Kellermann, Bert

Nicht jedes exzessive Verhalten ist eine Abhängigkeitserkrankung (Heft 3/2013: „Verhaltenssüchte: Leidenschaft und Sucht“ von Petra Bühring).
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stellte als oberste psychiatrische Instanz am 27. Februar 2013 apodiktisch fest: „Exzessives Verhalten, aber keine Verhaltenssüchte – pathologisches Kaufen, exzessives Sexualverhalten und exzessives Essverhalten (. . . ). Für eine neue Zuordnung als Verhaltenssüchte scheint die Datenlage jedoch nicht ausreichend.“ Die DGPPN ignoriert damit die Existenz von Kaufsucht, Sexsucht und Esssucht. Beispielsweise die Kaufsucht, eine typische Suchtform, war bereits Kraepelin und Bleuler, den Begründern der modernen Psychiatrie, vor 100 Jahren bekannt.

Diese Festlegung entspricht absolut nicht der suchttherapeutischen Realität. Auch dass die Internetsucht (das erschütterndste neue Suchtproblem) von den psychiatrischen Wortführern noch immer nicht wirklich anerkannt wird, ist erschütternd. Auf eine „ausreichende Datenlage“ zu warten, entspricht nicht ärztlichem beziehungsweise psychotherapeutischem Denken. Die Meinung, eine „Inflationierung des Suchtbegriffs“ müsse verhindert werden, lässt einen Mangel an suchtpsychiatrischer Praxiserfahrung vermuten.

Es ist unglaublich, dass die DGPPN entgegen den eindeutigen suchttherapeutischen Erfahrungen immer noch glaubt, dass ausschließlich der Konsum bestimmter Substanzen süchtig machen könne. Die neurobiologischen Erkenntnisse fasste Prof. Böning zusammen: „Dem Gehirn ist es egal, ob die süchtige Erregung von einem Suchtmittel oder einer Tätigkeit erzeugt wird.“ Suchtpsychiatrische Erkenntnisse der 1970er Jahre sind verlorengegangen. Damals wurde die psychische Abhängigkeit (sie besteht bei allen Suchtformen, sowohl bei den substanzgebundenen als auch bei den nicht substanzgebundenen) als die eigentliche Sucht aufgefasst (siehe Psychiatrie-Enquete von 1975). Die körperliche Abhängigkeit ist kurze Zeit nach der Beendigung des Suchtmittelkonsums abgeklungen, während die psychische Abhängigkeit jahrzehntelang besteht. Für die Suchttherapie ist es von großer Wichtigkeit, dass diese Erkenntnis für die ICD-11 reanimiert wird. Vorgeschlagen wird, dass das ICD-10-Abhängigkeitssyndrom für die ICD-11 so verändert wird, dass es auch für die nicht substanzgebundenen Suchtformen praxistauglich ist.

Anzeige

Dr. med. Bert Kellermann, 22767 Hamburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema