ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Ratgeber zu Scheidungsfamilien: Reich an Details und Perspektiven

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Ratgeber zu Scheidungsfamilien: Reich an Details und Perspektiven

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 229

Naumann-Lenzen, Michael

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Im Umfeld von Trennung und Scheidung treffen vielfältige Regelungserfordernisse und Interessen konflikthaft aufeinander: die der unmittelbar Betroffenen (Kinder, Eltern, Großeltern) und die der mittelbar Betroffenen (Angehörige der Helfersysteme, Jugendamtsmitarbeiter, Juristen). Alle nehmen für sich in Anspruch, im Sinne des Kindeswohls, so wie sie es aus ihrer Perspektive deuten, tätig zu werden.

Helmuth Figdor hat seit den frühen 90er Jahren mehrere viel beachtete Beiträge vorgelegt zu den Problemlagen, mit denen eine Trennung und Scheidung die gemeinsamen Kinder konfrontiert. Im Unterschied zu seinen vorherigen Publikationen fokussiert der Autor dieses Mal detailliert auf die vorherrschenden Urteils- und Handlungsmuster der am Prozess beteiligten Professionen und gleicht diese immer wieder ab mit den Entwicklungsbedürfnissen des betroffenen Kindes (einschränkend sei hier angemerkt, dass die Ausführungen über weite Strecken auf die österreichische Situation kalibriert sind).

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Dieser Detail- und Perspektivreichtum des Buches ist seine Stärke. Leider überwiegen jedoch die Schwächen. Dies liegt vor allem daran, dass der Autor ausschließlich auf ein psychoanalytisches Modell kindlicher Entwicklung zurückgreift, das den aktuellen Diskussionsstand innerhalb der Psychoanalyse nicht mehr abbildet. Substanzielle Beiträge zur modernen psychoanalytischen Entwicklungstheorie (wenn man etwa an die richtungweisende Integrationsleistung von Alan Schore denkt) entstammen der Bindungs-, Affekt-, Neuroentwicklungs- und Traumafolgeforschung. All dies vermisst man hier. Dieser Rezeptionsmangel macht sich an vielen Stellen nachteilig bemerkbar. Beispielsweise, wenn behauptet wird, dass Trennung per se auf Kinder in den allermeisten Fällen traumatisierend wirke (belastend und psychodynamisch folgenreich ist er allemal). Wenn dem so sei, müsse folgerichtig dem Erhalt der Bindung zum getrennt lebenden Elternteil hohe, wenn nicht höchste Priorität zukommen. Abgesehen von der damit implizierten Inflation des Traumabegriffs wäre an dieser Stelle – es geht ja um die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes, um das Kindeswohl – ein differenzierter Blick auf die Frage der Bindungsqualität hilfreich gewesen, um Interventionsoptionen abzuwägen.

Zweifellos ist der Erhalt der Bindung zu beiden Elternteilen ein erstrebenswertes Ziel und ist als solcher ja auch gesetzlich verankerte Vorgabe. Der Verlust oder das konfliktbelastete Ringen um deren Erhalt stellt für Kinder eine hohe Belastung dar mit all den intrapsychischen Folgekosten, die der Autor beschreibt. Was fehlt, ist die stimmige Gewichtung der unterschiedlichen Folgekosten: Trennung ist (fast) immer auch von Übel – aber oft erfahrungsgemäß eben das kleinere Übel gegenüber dem Beziehungsverlust zu einem Elternteil, wenn die Alternative hieße, dass das Kind sich auf lange Sicht im Fadenkreuz einer irreparabel hochstrittigen Elternbeziehung positionieren muss.

Trotz dieser Einschränkungen bleibt das Buch wegen seiner detailreichen Synopse der unterschiedlichen Handlungsperspektiven, die so noch nicht geleistet wurde, empfehlenswert. Michael Naumann-Lenzen

Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie. Ein Ratgeber für professionelle Helfer. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 360 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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