ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Psychoanalyse: Schützende Ratschläge oder orthodoxe Regeln

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Psychoanalyse: Schützende Ratschläge oder orthodoxe Regeln

Moser, Tilmann

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Was der Begründer der Psychoanalyse an vielen Stellen seines Werkes und wohlbegründet zum Schutz von Patienten und von Therapeuten an „Spielregeln“ der Behandlung hinterließ, wollte er als „Ratschläge“ an seine noch ungeübten und manchmal eigenwilligen Schüler hinterlassen. Im Alter erschrak er noch selbst, was die inzwischen gläubigen und eifrig strengen späteren Kollegen daraus machten: ein idealisiertes und orthodox gehandhabtes Regelwerk, das als Voraussetzung für ein korrektes und anerkanntes Analytikersein gelten sollte. Eine fleißige Frankfurter Arbeitsgruppe machte sich die Mühe, die Bestandteile des Kanons zu zählen und kam auf 248 Regeln, die beachtet oder eingehalten werden sollten.

Die freudianische Lehranalytikerin Diana Pflichthofer hat es nun unternommen, die „Spielregeln der Psychoanalyse“ zu durchforsten, zu kommentieren und die Spreu vom Weizen zu trennen. Allerdings bleibt sie eine treue Anhängerin der rechtgläubigen Korrektheit, zeigt aber eine vernünftige Liberalität, die eine sklavische Einhaltung durchaus kritisiert, ja sogar in manchen starren Fällen der Anwendung auch von möglicher Retraumatisierung von Patienten spricht, wenn diese den Therapeuten als hinter methodischem Zwang eher verborgen als menschlich präsent erleben. Also geht es ihr „um die Abgrenzung des Regelbegriffes von dem des ,Gesetzes‘“. Und hier unterscheidet sie wieder von Regeln für Analytiker und Regeln für Patienten, und bei ersterem wieder von solchen für schlichte Kollegen und solchen, die Lehranalysen durchführen dürfen.

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Wo Regeln herrschen, gibt es Abweichungen oder gar Verstöße. Der auch für sie notwendige Fortschritt der Wissenschaft hängt nun davon ab, ob die Abweichungen von der kompetent diskutierenden und bewertenden Großgruppe der Kollegen als statthaft angenommen oder aber verworfen werden, und das hängt wiederum vom gerade herrschenden Generalkonsens ab. Dass frühe Störungen in Patienten oft nur körperlich, also gestisch oder durch Agieren ausgedrückt werden können, ist der Autorin voll bewusst und kann als akzeptierter theoretischer Fortschritt gelten. Aber sie hält eisern daran fest, dass es bei der Psychoanalyse einzig allein um ein „Sprachspiel“ geht, dessen Gesetze nicht übertreten werden dürfen, es also trotz aller Gefühle um den Austausch von Wörtern gehen muss. Das macht die verdienstvolle, reflektierte und erstaunlich belesene Gründlichkeit ihres Werkes aus, aber doch auch den rigiden Gesamtcharakter ihrer Überlegungen. Neuerungen sind nur in sehr begrenztem Umfang zulässig. Und die Einbeziehung des Körpers liegt außerhalb eines ihr denkbaren kollegialen Konsenses.

Um die Gültigkeit der Regeln zu betonten, verweilt sie ausführlich auf den Skandalgeschichten der frühen Psychoanalyse, die Freud wegen des bedrohten Ansehens der neuen Wissenschaft so geängstigt haben. Wie skrupulös Analytiker aber über Feinheiten menschlicher Gesten während der Behandlung nachdenken, zeigt, unter vielen anderen, das Kapitel über „das Problem der Geschenke“ an den Analytiker.

Das „Spielregelwerk“ der Psychoanalyse so gründlich erforscht und durchdacht zu haben, ist ein großes Verdienst. Trotzdem atmet das für vorsichtige Liberalität plädierende Werk noch etwas vom alten Geist gläubiger Strenge. Tilmann Moser

Diana Pflichthofer: Spielregeln der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 300 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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DirkKestner
am Mittwoch, 5. Juni 2013, 08:21

Schön, wenn sie sich gegenseitig fressen!

Es erstaunt den Praktiker täglicher Krankenversorgung in der "Schlammzone" deutschen Gesundheits(un)wesens doch immer wieder, wie weltabgewandt eine Truppe Randständiger, deren Fortleben bis in die Gegenwart selbst schon fürbaß verwundert, über Sachverhalte disputiert, die dem ernstlich Kranken in unserem Wartezimmer allenfalls als Grund zum sofortigen Behandlerwechsel gereichen dürften. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist die hochlöbliche Psychoanalytiker-Elite eine Kongregation, die allenfalls mit einer anderen Religionsgemeinschaft mit Zentralstandort in Rom vergleichbar sein kann: realitätsfern, wundergläubig, dogmatisch, scheinzölibatär, intrigant, heuchlerisch, machtbesessen und geldgierig. Da ist es gut, wenn immer einmal wieder auch eines der alten Rituale dieser Glaubenskongregation reaktualisiert wird: die öffentliche Ketzerverbrennung. "Nur zu, macht weiter so!" möchte man ihnen da zurufen; das spart Solidarmittel und richtet keinen Schaden an, denn Patienten behandelt Ihr ohnehin nicht...

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