ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Bewusstseinszustände: Anschaulich und präzise

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Bewusstseinszustände: Anschaulich und präzise

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 231

Noll-Hussong, Michael

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Im International Dictionary of Psychology, das 1989 erstmals von Stuart Sutherland herausgegeben wurde, findet man zur Definition des Begriffs Bewusstsein: „Das Vorhandensein von Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen. Bewusstsein kann nur in Begriffen definiert werden, die unverständlich bleiben, wenn man nicht schon weiß, was das Bewusstsein ist. [. . .] Nichts was je darüber geschrieben wurde, ist der Mühe des Lesens wert.“

Nun ist es gerade der Arzt bis in unsere Zeit hinein gewohnt, sich zumindest in naturwissenschaftlicher Hinsicht oft auf dünnem Eis zu bewegen, was ihn nicht daran hindert, sich mit dem „Veränderten“, sei es klinisch bedeutsam im pathologischen Sinne oder eben „nur“ eine Normvariante, stets aufs Neue und (selbst)kritisch auseinandersetzen zu müssen. In diesen Rahmen fügt sich Vaitls hervorragendes Buch über die „Veränderten Bewusstseinszustände“, welches in seinem ersten Teil in geradezu mustergültiger Weise wissenschaftliche Zurückhaltung übt und damit in gelungener Weise angesichts einer wohl nie allgültigen Definition des Bewusstseins eine grundlegende Einführung in die Begrifflichkeiten wagt. Im zweiten Abschnitt werden alsdann verschiedene „Zustände“ eines veränderten Bewusstseins als Folie benutzt, um Phänomene sogenannter pathologischer Bewusstseinsveränderungen (wie zum Beispiel bei dissoziativen Bewusstseinsstörungen) als auch spontan auftretender Bewusstseinsveränderungen (etwa bei Nahtod-Erfahrungen) in einen bio-psycho-sozialen Kontext zu setzen und Erklärungsmodelle, wenn auch – dies sei weniger dem Zeitgeist als dem Autor mit seinem wissenschaftlichen Hintergrund gegönnt – mit neurobiologischer Schlagseite, anzubieten.

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Im dritten und letzten Teil, hier werden induzierte Bewusstseinsveränderungen (beispielsweise Hypnose und Flow-Erleben) erörtert, wobei ebenfalls Risiken und Nebenwirkungen jeder Technik aufgezeigt werden, lebt manches Mal die voraufgeklärte Illusion einer grenzenlosen Wirkmächtigkeit einer bewusstseinsverändernden Technik Seite an Seite mit dem Wunschdenken völliger Schadlosigkeit. Jedes Kapitel schließt mit einem informativen Literaturverzeichnis ab, in welchem sich neben der aktuelleren Literatur auch das Alte, aber nach wie vor Gültige wiederfindet und damit die ausgewogene Basis für eine vertiefende Beschäftigung mit dem Untersuchungsgegenstand jenseits aller dualistischen Vorstellungen schafft.

Insgesamt ist Vaitl mit dem Buch ein nicht nur für den deutschsprachigen Buchmarkt einmaliger Wurf gelungen – das Werk darf in seinem anschaulichen, jedoch nie unpräzisen Duktus jedem, der sich für veränderte Bewusstseinszustände und die Wissenschaft „dahinter“ interessiert, uneingeschränkt empfohlen werden. Michael Noll-Hussong

Dieter Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände. Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Schattauer, Stuttgart 2012, 376 Seiten, gebunden, 49,95 Euro

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