ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Traumatherapie: Komplexe Herausforderung – offene Fragen

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Traumatherapie: Komplexe Herausforderung – offene Fragen

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 230

Kattermann, Vera

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Aktuell beschäftigt wohl kaum ein Thema psychotherapeutischer Behandlungstechnik die Fachöffentlichkeit in ähnlichem Maße wie die Suche nach neuen Ansätzen für die Therapie traumatisierter Patientinnen und Patienten. Es scheint, als müsse an differenzierter Betrachtung und eingehendem Verständnis nachgeholt werden, was in den ersten Nachkriegsdekaden in vielen Behandlungen offenbar eher übergangen oder vernachlässigt wurde. Auch der kürzlich erschienene Band von Andreas Bachhofen „Trauma und Beziehung“ springt auf diese Welle traumatherapeutischer Begeisterung auf und versucht, die Spezifik eines intersubjektiven Behandlungsansatzes für Traumafolgestörungen herauszuarbeiten.

Er tritt dabei vor allem an, einem entpersönlichten Verständnis von Trauma entgegenzuwirken, innerhalb dessen es jenseits seiner Beziehungsdimensionen gedacht und auch behandelt wird, wie etwa mittels manualisierter Behandlungstechniken. Im Gegensatz dazu bezieht er sich auf zentrale Ansätze der Intersubjektivitätstheorie (vertreten zum Beispiel durch Orange, Brandchaft oder Jaenicke), die das traumatische Beziehungsdilemma deutlich machen: Denn die mit dem Trauma verbundenen Affekte müssen bei unzureichendem Containment abgespalten werden. Stattdessen gilt es, die überlebenswichtige Bindung an die zentralen, Halt gebenden Objekte zu sichern. Dies geschieht als Modus pathologischer Anpassung an diese Objekte bei gleichzeitiger Unterdrückung der eigentlichen Affekte und inneren Zustände. In der psychotherapeutischen Behandlung sei es dann die „Hermeneutik des Verstehens“ (Orange), welche diese pathologischen Anpassungsmechanismen aufzulösen hilft.

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So weit, so gut: Das Buch ist sprachlich leicht zu lesen und gut verständlich. Der recht persönlich gehaltene Stil des Autors vermittelt einen nachvollziehbaren Eindruck, wie sich seine Auffassungen in die Behandlungspraxis umsetzen lassen. Dennoch überwiegt beim Lesen Unzufriedenheit. So ist zu bemängeln, dass nicht ausreichend unter den verschiedenen Qualitäten von Traumatisierungen unterschieden wird. Denn natürlich spielt es, ebenso wie ihre spezifische Qualität, eine wesentliche Rolle, in welchem Alter, durch wen und wie oft eine Traumatisierung auftrat, und natürlich erfordert dies eine jeweilige Anpassung des Vorgehens. Gerade die zum Teil schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Ich-Struktur wirken sich ja sehr wesentlich auf die Möglichkeiten der Bearbeitung aus. Ein pauschaler Verständniszugang über die „Hermeneutik des Verstehens“ wirkt undifferenziert und dürfte für die schwierigen Herausforderungen vieler Behandlungen nicht ausreichen.

Insgesamt bleibt etwas unklar, was der spezifische Erkenntniszuwachs dieses Buches ist. Denn eigentlich scheint der Autor auch für die Traumatherapie nicht mehr als das intersubjektive Grundprinzip zu propagieren. Nämlich: „Stelle Dich als Therapeut/in ganz zu Verfügung, bleibe offen und beziehungssensibel im Verstehen des Geschehens zwischen Dir und dem Patienten!“ Das kann vielleicht nicht oft und nicht einfühlsam genug wiederholt werden, lässt aber in Bezug auf die komplexen Herausforderungen in der Behandlung Traumatisierter viele Fragen offen. Vera Kattermann

Andreas Bachhofen: Trauma und Beziehung. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 162 Seiten, kartoniert, 24,95 Euro

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