ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2013Entartete Kunst: Verfemt – verfolgt – vergessen

KULTUR

Entartete Kunst: Verfemt – verfolgt – vergessen

PP 12, Ausgabe Mai 2013, Seite 232

Clade, Harald

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In Berlin sind zurzeit Werke von mehr als 400 Künstlern zu sehen, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert wurden.

Rudolph G. Bunk: Mann vor der Mauer, um 1935/36, Öl auf Leinwand, 30 × 53 cm, Foto: Bojana Denegri und Thomas Bunk Sammlung Gerhard Schneider, Olpe
Rudolph G. Bunk: Mann vor der Mauer, um 1935/36, Öl auf Leinwand, 30 × 53 cm, Foto: Bojana Denegri und Thomas Bunk Sammlung Gerhard Schneider, Olpe

Vor mehr als 80 Jahren fielen die ersten großen Kunstwerke dem Vernichtungsangriff der Nationalsozialisten auf die Moderne zum Opfer. Heute gibt es weltweit kaum ein Museum, keine Ausstellung und Sammlungen, die den Werken der einst Geächteten nicht ihren gebührenden Raum einräumen. Eine Ausstellung im Ephraim-Palais in Berlin nimmt dieses dunkle Kapitel deutscher Kunst aktuell in den Fokus. Gezeigt werden Werke von mehr als 400 Künstlern mit Bezug zur Metropole Berlin.

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Ursprünglich wurde der Begriff „Entartung“ Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Bereich der Medizin auf die gesamte Kunst übertragen. Der Vernichtungsangriff auf alles Moderne betraf sämtliche Facetten der Kultur, die Literatur, das Theater, die Architektur, die Musik und auch die Bildenden Künste. Im NS-Regime wurden sämtliche Kunstwerke und kulturelle Strömungen als „entartet“ verunglimpft, die mit dem Kunst- und Kulturverständnis und dem rassistisch geprägten „Schönheitsideal“ der Nazis nicht in Einklang gebracht wurden.

Am 8. April 1933 wurde in der Kunsthalle in Karlsruhe die Ausstellung „Regierungskunst von 1918 bis 1933“ eröffnet. Die ausgestellten Werke stammten von Künstlern, die vom „Kampfbund Deutscher Kultur“ als „entartet“, als „kunst-bolschewistisch“ und als „zersetzend“ diffamiert worden waren. Der Münchener Ausstellung von 1937 folgte bis 1941 die Wanderausstellung „Entartete Kunst“, die in zehn weiteren Großstädten Station machte. Parallel dazu folgten Präsentationen der vom Regime geförderten Kunst, die sogenannte Deutsch Kunst, die den verfemten Künstlern der Moderne gegenübergestellt wurden.

Fritz Fuhrken: Zerstörte Stadt, 1918, Aquarell, 25,5 × 25,4 cm, Foto: Gerold Fuhrken Sammlung Gerhard Schneider, Olpe
Fritz Fuhrken: Zerstörte Stadt, 1918, Aquarell, 25,5 × 25,4 cm, Foto: Gerold Fuhrken Sammlung Gerhard Schneider, Olpe

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ setzte die Exponate mit Zeichnungen von geistig Behinderten gleich und kombinierte sie mit Fotos verkrüppelter Menschen, die bei den Besuchern Abscheu und Beklemmung erregen sollten. Der Kunstbegriff der avantgardistischen Moderne sollte ad absurdum geführt werden. Die Präsentation „kranker“, „jüdisch-bolschewistischer“ Kunst sollte die Machthaber dazu legitimieren, „rassisch Minderwertige“ und „politisch Unzuverlässige und Gegner“ zu verfolgen.

Hitler ordnete am 24. Juli 1937 an, dass alle Museen und öffentliche Ausstellungen Werke der stigmatisierten Künstler herausgeben mussten, die nach der damaligen politischen Lesart Ausdruck des „Kulturverfalls“ waren. In Beschlagnahmeaktionen ab August 1937 wurden etwa 20 000 Kunstwerke von 1 400 Künstlern aus mehr als 100 Museen entfernt. Darunter befanden sich auch Leihgaben aus Privatbesitz.

Im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin-Kreuzberg wurden am 20. März 1939 1 004 Gemälde und 3 825 Grafiken verbrannt. Bereits damals gingen prominente Maler in den Untergrund oder ins Ausland. Emil Nolde beispielsweise schuf in dieser Periode seine „Ungemalten Bilder“; mehr als 1 052 Werke Noldes wurden beschlagnahmt, zerstört oder weggeschafft. Anfang der Vierzigerjahre wurden die meisten „modernen Maler“ aus der Reichskunstkammer ausgeschlossen.

Harald Clade

Die Ausstellung „verfemt, verfolgt, vergessen?“, Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider, Olpe, Museum Ephraim-Palais, Poststraße 16, 10178 Berlin, ist bis 28. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 10–18 Uhr, mittwochs 12–20 Uhr.

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