ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Palliativmedizin: Wechselspiel von Nähe und Distanz

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Palliativmedizin: Wechselspiel von Nähe und Distanz

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-998 / B-870 / C-866

Hempel, Ulrike

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Frank und Simone leben mit ihren beiden Kindern am Stadtrand. Sie sind eine glückliche Familie bis zu jenem Augenblick, in dem bei Frank ein Hirntumor diagnostiziert wird. Der 44-Jährige will zu Hause bei seiner Familie sterben. Petra Anwars Aufgabe ist es, ihn palliativmedizinisch zu versorgen. Das, was Anwar in dem Film „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen vor der Kamera tut, macht sie auch im wirklichen Leben: Sie arbeitet als Palliativmedizinerin für „Home Care Berlin“. Seit 14 Jahren begleitet sie Sterbende – fast ausschließlich Krebskranke – und deren Angehörige.

Nun ist ein Buch über ihre Erfahrungen mit dem Sterben erschienen. Sie schrieb die „Geschichten vom Sterben“ mit Unterstützung des Autors John von Düffel. „Beim Schreiben dieser Geschichten aus meiner palliativmedizinischen Praxis kamen mir oft die Tränen. Ich habe jede Sterbebegleitung noch einmal erlebt“, erzählt Anwar in ihrem Vorwort. Sie kann sich nicht hinter ihrem weißen Kittel verstecken. Sie kommt als Petra Anwar zur Wohnungstür herein und tritt in Beziehung mit den Menschen, die hier leben, und mit dem Menschen, der hier sterben wird. Anwar schildert sehr ehrlich das Wechselspiel von Nähe und Distanz: „Auch nach vielen Berufsjahren weiß ich am Anfang dieses Prozesses nicht, wie nah mir der Sterbende kommen wird – und wie nah mir sein Tod am Ende geht.“

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Nach der Lektüre ist sicher: Anwar kommt sehr, sehr nah an die Menschen. Zum Beispiel beschreibt sie, wie sie ihr Handy mit in den dreiwöchigen Urlaub nimmt, weil ihre Patientin Maike beunruhigt ist. Aber nur einmal ruft Maike an. Ihren Kollegen sagt Anwar davon nichts. Die würden sie für verrückt erklären und denken, dass sie den Absprung nicht schaffe, vermutet sie. „Doch es gibt diese Ausnahmen, in denen Distanz verloren geht. Auch für mich ist die Trennung schmerzlich. Ich denke oft an Maike (. . .).“

Sterben ist ein intimer Prozess, damit hat Anwar wohl recht. Ihrem erzählerischen und von Düffels schreibendem Talent ist es zu verdanken, dennoch an allen zwölf Geschichten und diesem letzten Stück Lebensweg der Sterbenden teilhaben zu können. Das Buch hilft zu verstehen, „es gibt keinen Königsweg, den der Patient gehen sollte, es gibt immer nur einzelne Personen mit ihrem Schicksal“.

Besonders geglückt ist die Verbindung zwischen dem Geschichtenerzählen und dem Wesentlichen. Der überschaubare, praktische Anhang „Was helfen kann“ ist eine gute Einführung in das Thema.

„Die Geschichten vom Sterben“ finden die richtigen Worte für die Auseinandersetzung mit dem Sterben und der Angst vor dem Tod. Dennoch bleibt von diesem Buch etwas Dringliches: Eine heftige Freude, erfüllt und in Liebe verbunden noch ganz viel mit anderen Menschen erleben zu dürfen! Ulrike Hempel

Petra Anwar, John von Düffel: Geschichten vom Sterben. Piper, München 2013, 237 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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