ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Fantastische Malerei: Von Sehnsüchten und Alpträumen

KULTUR

Fantastische Malerei: Von Sehnsüchten und Alpträumen

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-1001 / B-873 / C-869

Jachertz, Norbert

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Delcol vereint in „Nobis intimissimus“ ein puppenhaftes Wesen, das der Hand des Malers Giorgio de Chirico entstammt, mit einem sitzenden Rückenakt. Foto: Thomas Wünkhaus
Delcol vereint in „Nobis intimissimus“ ein puppenhaftes Wesen, das der Hand des Malers Giorgio de Chirico entstammt, mit einem sitzenden Rückenakt. Foto: Thomas Wünkhaus

Axel Hinrich Murken sammelt Surrealisten und Symbolisten. Eine Auswahl ist auf einer Wanderausstellung zu sehen.

Mit Surrealismus verbinden sich spontan Namen wie Salvador Dalí oder Max Ernst, bei näherem Überlegen auch René Magritte, vielleicht noch Paul Delvaux. Weniger spontan stellen sich Namen zum Symbolismus ein, zumal die Übergänge zwischen den Stilrichtungen verfließen. Überlassen wir die Einordnung und die Ergänzung der Liste den Kunsthistorikern und wenden uns der weniger bekannten Gegenwart zu.

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Den Blick für aktuelle fantastische Malerei öffnet eine kleine und feine Wanderausstellung, die der Sammlung Murken entstammt und derzeit von Süd nach Nord tourt. Prof. Dr. med. Dr. phil. Axel Hinrich Murken (75) ist Medizin- und Kunsthistoriker. Mit den „Phantastischen Welten“ präsentiert er etwa 60 Werke, zumeist Gemälde, von neun Vertretern surrealer Malerei, nämlich Edgar Ende (1901–1965), Georges Spiro (1909–1984), Karl Heidelbach (1923–1993), Uwe Lausen (1941–1970), Roland Delcol (*1942), Edi Brancolini (*1946), Peter Bömmels (*1951), Christine Weber (*1963) und Frank Jakob Esser (*1970).

Gemeinsam ist allen, dass sie, wie schon ihre bekannten Vorgänger, gegenständlich und vermeintlich realistisch Welten zeigen, die es so nicht gibt und nach unserem gewohnten Weltverständnis auch gar nicht geben kann. Die Bilder eröffnen, so Murken, den Einstieg in eine Welt, die nicht vom Materiellen bestimmt ist. Die surrealen Welten, in oder hinter die wir schauen, berühren gleichwohl den Betrachter auf geheimnisvolle Weise: Sie wecken Sehnsüchte, meist aber Ängste und Alpträume. Denn surreale Maler sehen die Welt kaum einmal zuversichtlich oder gar heiter, allenfalls ironisch, meist aber verstörend. Beim zweiten Blick offenbaren sie Schreckliches. Karl Heidelbach malt den menschlichen (weiblichen) Körper perfekt, aber in Stücke zerteilt. Edgar Ende lässt menschliche Fragmente, Oberkörper durch leere Räume fliegen. Ironisch hingegen Roland Delcol. Er verfremdet bekannte Gemälde von Rembrandt bis de Chirico oder lässt nackte Frauen, glatt, schön und obszön, in „normalen“ Szenen auftreten, als sei das selbstverständlich. Symbolistisch gibt sich Edi Brancolini, er setzt wohlgebaute Männer und Frauen in ideale Landschaften.Wenn es kein bekannter Künstler wäre, würde man sagen: ziemlich kitschig, aber das sagte man zeitweise auch über die Präraffaeliten, die heute wieder geschätzt sind. Stilistisch unterscheiden sich die Künstler erheblich.

Murken kam über den Maler Edgar Ende zu den Surrealisten. Er hat über ihn sogar in späten Jahren noch zum Dr. phil. in Kunstgeschichte promoviert (2001). Endes Sohn Michael habe ihn dazu angeregt, erzählte Murken bei der Eröffnung der Ausstellung in Leverkusen. Er kam gerade aus Paris und bedauerte, dass sich in Deutschland die fantastische Malerei beim Publikum schwertue. Hierzulande schätze man mehr die konstruktive Installation und das Abstrakte.

Doch wenn in Deutschland Neo-surrealisten und Neosymbolisten präsentiert werden, mag man Murken entgegenhalten, finden sie ihr Publikum. Man denke an das Max-Ernst-Museum in Brühl bei Köln oder die erstaunlichen Erfolge von Neo Rauch in Leipzig und anderswo. Auch Murkens Ausstellung hat Erfolg: Auf der letzten Station, in Aschaffenburg, wurden 5 000 Besucher gezählt. Derzeit ist sie in Leverkusen im Bayer-Kulturhaus zu sehen. Dort wird sie, kuratiert von Julia Ritterskamp, Düsseldorf, sehr großzügig präsentiert. Auf Leverkusen folgt dann Bremen.

Norbert Jachertz

Informationen

„Phantastische Welten. Vom Surrealismus zum Neosymbolismus“, Ausstellung im Bayer-Kulturhaus, Leverkusen (www.kultur.bayer.de, Telefon: 0214 3041283) bis 30. Juni (geöffnet Sa., So. und an Feiertagen von 11–17 Uhr). Eintritt frei. Anschließend vom 4. August bis 3. November in der Kulturambulanz/Klinikum Bremen-Ost (www.kulturambulanz.de, Telefon: 0421 4081757).

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