ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Das Gespräch mit Dr. med. Werner Baumgärtner, Vorsitzender Medi Geno Deutschland: Feste Preise – und Hilfe bis ins Haus

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Dr. med. Werner Baumgärtner, Vorsitzender Medi Geno Deutschland: Feste Preise – und Hilfe bis ins Haus

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-970 / B-846 / C-842

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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Werner Baumgärtner über friedlichere Diskussionen zum Thema Kollektiv- versus Selektivvertrag, Teamstrukturen der Zukunft und genossenschaftliche Vorbilder wie die Winzer

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Gerade haben die AOK Baden-Württemberg und der dortige Hausärzteverband nach fünf Jahren Erfahrung mit ihrem Hausarztvertrag Bilanz gezogen und Neuerungen angekündigt. Die Kasse will sich unter anderem an den Kosten für Fahrzeuge beteiligen, die die Versorgungsassistentinnen in den Praxen (Verah) für Hausbesuche benötigen. Knapp die Hälfte der Verah besucht regelmäßig Kranke zu Hause. „Die Hausarztpraxis der Zukunft wird zunehmend zur Teampraxis“, sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann.

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Teamstrukturen sind auch ein wichtiges Thema für Dr. med. Werner Baumgärtner, den Vorsitzenden von Medi Geno Deutschland. Dafür müssten sich die ambulant tätigen Ärzte noch bewegen, forderte Baumgärtner bei einem Redaktionsgespräch in Berlin: „Wir müssen eine umfassende ambulante Versorgung anbieten. Da gibt es noch Defizite. Die Betreuung der Patienten aus den Praxen heraus kann noch besser werden.“ Der Medi-Vorsitzende ist überzeugt davon, dass man den Kassen entsprechende Verträge anbieten muss. „Sie sollen wissen: Die Patienten werden von der Praxis aus gut versorgt, und diese Versorgung hört nicht an einer bestimmten Stelle und zu einer bestimmten Uhrzeit auf, und dann verschwinden die Patienten ins Krankenhaus. Haus- und Fachärzte müssen die Versorgung bis in die Wohnhäuser hinein sichern können. Das heißt nicht, dass sie immer selbst im Einsatz sein müssen, sondern dass das auch qualifizierte Kräfte übernehmen können, die mit uns zusammenarbeiten.“ Ohne derartige Angebote würden andere versuchen, das Versorgungsmanagement zu übernehmen, warnte Baumgärtner.

Die Unterstützung durch Verah gilt als Erfolgsmodell; mehr als 4 000 meist Medizinische Fachangestellte haben die 200-Stunden-Fortbildung absolviert. Etwa zehn Prozent aller Hausarztpraxen beschäftigen Versorgungsassistentinnen. Für Medi ist das erst der Anfang. Der Verband setzt sich dafür ein, dass sie sich auch in Facharztpraxen etablieren und arbeitet an Fortbildungskonzepten: „Fachnurses in fachärztlichen Praxen, die eine solidere Basis haben, um delegationsfähige Leistungen zu übernehmen – das wäre ein Schritt in die richtige Richtung“, schrieb die Verbandszeitschrift „Meditimes“.

Was Baumgärtner vorschwebt, verdeutlichte er anhand des PNP-Vertrags in Baden-Württemberg. Dieser Selektivvertrag auf der Basis von § 73 c Sozialgesetzbuch V soll die Versorgung von Patienten in den Bereichen Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie (PNP) verbessern. Ziel ist eine schnellere, strukturierte und flexiblere Behandlung: durch rasche Termine für ein Erstgespräch, durch verbindlichere Abstimmungen zwischen Hausärzten und weiteren Behandlern. Bestimmte psychisch Kranke benötigten ständig einen Ansprechpartner, so Baumgärtner, sonst landeten sie rasch im Krankenhaus. Diese Kommunikation müsse man organisieren, beispielsweise mit Hilfe qualifizierter ambulanter Pflegedienste.

Und wer bezahlt? Die Kassen gelten gemeinhin als knauserig und zurückhaltend, was neue Vertragsideen anbelangt. „Sie haben große Sorgen, die Versorgung bald nicht mehr bezahlen zu können. Diese Sorgen sind teilweise berechtigt, wenn man sieht, wie manche Versorgungsbereiche sich entwickeln und welche Anspruchshaltung in der Bevölkerung vorhanden ist“, sagt Baumgärtner. „Deshalb ist es unsere Aufgabe, Kassen attraktive Vertragsangebote zu unterbreiten.“

Auf Landesebene könne man durchaus konstruktiv verhandeln. Ein Beispiel dafür ist der Orthopädievertrag nach § 73 c, der zwischen der AOK Baden-Württemberg und der Bosch-BKK, Medi und mehreren Facharztverbänden ausgehandelt wird. Er soll zum vierten Quartal starten. Ziel ist es unter anderem, die konservative Orthopädie besser zu honorieren, den psychosozialen Komponenten der Anamnese mehr Gewicht zu geben und Kranke besser zu beraten und zu schulen.

Eines ist für den Medi-Vorsitzenden aber auch klar: Wer eine gute ambulante Versorgung in freiberuflichen Strukturen erhalten will, muss sie gut bezahlen. „Ich halte es für den größten Unsinn zu behaupten, die Jungen gingen heute nicht mehr aufs Land, weil das kulturelle Angebot fehlt“, schimpft er. „Die Jungen gehen aufs Land, wenn sie Arztpraxis und Privatleben vereinbaren können. Dazu müssen sie eine große Landpraxis zu zweit oder zu dritt führen können. Dafür reichen aber die Einnahmen nicht.“ Baumgärtner ist überzeugt, dass sich etwas ändern wird, wenn die ambulante Versorgung vor Ort konkret bedroht ist: „Dann wird man anerkennen müssen, dass Ärzte ein Anrecht auf angemessene und feste Preise haben und auf eine Bezahlung, die es ermöglicht, dass mehrere Ärzte von einer großen Praxis leben können.“ Feste Preise, planbare Einnahmen – an dieser Kernforderung von Medi hat sich nichts geändert. Die bekannten Begrenzungen im Kollektivvertragssystem kritisiert Baumgärtner deshalb so wie früher, auch wenn er einräumt, dass sich die Debatte um Kollektiv- versus Selektivverträge beruhigt habe: „Heute sprechen wir von einem Selektivvertrag, aber morgen könnten wir ihn doch schon ganz anders ausgerollt haben. Das wird sich alles noch viel stärker mischen.“ Dass es ihm bei Kritik, aktuell an der geplanten Reform des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs, immer nur um die Förderung von Selektivverträgen gehe, sei falsch: „Das, wofür ich eintrete, geht weit darüber hinaus. Sie sind für mich wichtig, weil man so feste Preise erzielen kann. Aber ich bin stark interessiert daran, dass dieses Ziel auch im Kollektivvertrag umgesetzt wird.“

Und an einer weiteren Position hält er fest: „Man muss offensiver damit umgehen, dass Arztpraxen kleine Unternehmen sind. Sie müssen am Markt die gleichen Chancen bekommen wie Apotheker oder Winzer.“ Dass er die Winzer erwähnt, die sich häufig in Genossenschaften zusammengeschlossen haben, ist kein Zufall: Die Ärztegenossenschaft Nord hat sich gerade Medi angeschlossen (Kasten). Passt das? Ja, findet Baumgärtner: „Wir sehen uns als Dachverband für Genossenschaften, Medi-Verbünde, Arztnetze, für alle, die fachübergreifend organisiert sind. Das ist nicht neu. Viele unserer Mitglieder sind ja in Netzen organisiert.“

Ein Teil engagiere sich parallel in der Agentur deutscher Arztnetze. Die sei aber vor allem ein politischer Zusammenschluss. Medi will mehr: „Wir sind auch stark als wirtschaftlicher Zusammenschluss unterwegs. Wir wollen unsere Größe nutzen, um zum Beispiel beim Einkauf oder in der IT-Entwicklung Vorteile zu erzielen.“ So ähnlich wie Winzer? Die müssen allerdings nicht das Sozialgesetzbuch V beachten. Stimmt, sagt Baumgärtner, aber: „Ärzte sind nicht allein der Kassenmedizin verpflichtet. Medizin hört nicht da auf, wo die Krankenkassen aufhören zu zahlen.“

Falk Osterloh, Sabine Rieser

WEITER MIT MEDI

Dr. med. Werner Baumgärtner (52) hat Grund zur Freude: Der Medi-Verbund, dessen Vorsitzender der Allgemeinarzt ist, hat Zulauf bekommen, neue Verträge stehen an. Vor kurzem haben sich das Praxisnetz „Go in“ sowie die Ärztegenossenschaft Nord mit 2 000 Mitgliedern angeschlossen. Nun heißt der gesamte Verband „Medi Geno Deutschland“. Zum Herbst soll ein neuer Selektivvertrag Orthopädie in Baden-Württemberg starten und die Versorgung verbessern.

Baumgärtner ist zudem gespannt, was die Bundestagswahl bringen wird. Er fordert von der nächsten Regierung feste Preise und ein geordnetes Miteinander von Kollektiv- und Selektivverträgen – und zumindest einen Bonus für Kassen, die endlich Facharztverträge abschließen.

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