ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Arbeitszeiten im Krankenhaus: Der Mangel macht mehr möglich

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Arbeitszeiten im Krankenhaus: Der Mangel macht mehr möglich

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-1007 / B-879 / C-875

Flintrop, Jens

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Die junge Ärztegeneration pocht auf familienfreundliche Arbeitszeiten. Und tatsächlich: Die Arbeitgeber bewegen sich. Eine Teilzeitbeschäftigung hat aber auch ihre Tücken.

Knapp 70 Prozent der jungen Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern würden gerne für einen bestimmten Zeitraum eine Teilzeitanstellung annehmen, um Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Das geht aus der Assistenzarztumfrage im Jahr 2012 des Hartmannbundes (HB) hervor, an der sich 900 Ärztinnen und Ärzte beteiligten.

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Doch eine Teilzeitbeschäftigung im Krankenhaus hat auch ihre Tücken, wie Dr. med. Iris Illing beim HB-Symposium „Außer Balance – zwischen Kind, Karriere und Kollaps“ berichtete: „Wenn ich wegen meiner kürzeren Arbeitszeit weniger Patienten am Tag versorge als meine Kollegen, haben diese wegen mir mehr Arbeit“, sagte die 32-jährige, angehende Fachärztin für Innere Medizin am KMG-Klinikum Güstrow. „Schaffe ich hingegen in weniger Zeit das gleiche Pensum wie meine Kollegen, stehen sie auch dumm da.“ Darüber hinaus müssten die Kollegen zudem noch ihre Bereitschaftsdienste übernehmen, die sie wegen ihrer zwei Kinder bis auf weiteres vereinbarungsgemäß nicht ableiste. Da habe sie schon manchmal ein schlechtes Gewissen. „Ein zusätzliches Problem ist die Weiterbildung in Teilzeit“, führte Illing aus. Um beispielsweise die geforderte Anzahl an Ultraschalluntersuchungen vorweisen zu können, müsse sie oft noch spätnachmittags oder abends in die Klinik zurückkommen. Dennoch: Sie selbst fühle sich in ihrem Klinikum wohl, ihre Teilzeitbeschäftigung werde von den Kollegen akzeptiert, betonte die 32-jährige Assistenzärztin: „Ich weiß aber von vielen jungen Kolleginnen, dass das längst nicht überall der Fall ist.“

Dazu passt ein Ergebnis einer weiteren aktuellen HB-Umfrage unter angestellten Ärztinnen und Ärzten zur Arbeitszeit, an der sich 1 250 Mitglieder beteiligten. Demnach sind 72 Prozent der Befragten der Ansicht, dass eine Teilzeitbeschäftigung mittelfristig der beruflichen Karriere schade.

„Wollen Frauen überhaupt Karriere machen?“, fragte Prof. Dr. med. Christian Schmidt, Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln, in seinem Einführungsreferat beim HB-Symposium und zeigte Zahlen aus seinem Hause: Dort waren 2009 von den Assistenzärztinnen und -ärzten 60 Prozent weiblich, von den Fachärztinnen und -ärzten immerhin noch 50 Prozent, von den Oberärztinnen und -ärzten aber nur noch 16 Prozent, von den Leitenden Oberärztinnen und Oberärzten ebenfalls 16 Prozent, aber von Chefärztinnen und -ärzten nur acht Prozent. Eine weitere Frage sei, was Ärztinnen und generell die junge Ärztegeneration unter Karriere verstehe: „Welche Position im Krankenhaus streben Sie an?“, fragte Schmidt die etwa 50 jungen Ärztinnen und Ärzte im Raum. Das Karriereziel „Chefarzt“ nannte daraufhin niemand.

Krankenhäuser, die im „war for talents“ bestehen wollen, müssten sich auf die Wünsche der Generation Y einstellen, betonte der Klinikgeschäftsführer: „Gefragt sind gute, planbare Arbeitszeiten und nicht zu viel Verantwortung.“ Auch bei der Auswahl des Fachgebietes spiele die „Teilzeitfähigkeit“ offenbar eine wichtige Rolle. Das zeigten die abgefragten Präferenzen von Medizinstudierenden in Kiel und Hannover: Innere Medizin, Pädiatrie und Anästhesie bildeten hier die Top 3 – „Fächer, die besonders teilzeitfähig und somit familienfreundlich sind“.

Es sei an der Zeit, die Einstellung zur Teilzeit zu ändern, zeigte sich Schmidt überzeugt: „Heute ist es doch oft noch so: Teilzeitkräfte kommen in die Ambulanz, können die Dienste am Wochenende machen und haben keine Aufstiegschancen.“ Wer in Teilzeit arbeite, werde im OP oft gar nicht mehr weitergebildet. Daher müssten vor allem die ärztlichen Führungskräfte auf den Wandel in der Arbeitswelt und die damit verbundenen Herausforderungen vorbereitet werden – Dienstplanung, Rotation, Organisation der Ausbildung: „Teilzeittätigkeit ist als Beschäftigungsstandard der Zukunft anzusehen und in der Verfügbarkeit einzuplanen.“

An dieser Stelle müsse sie Wasser in den Wein schenken, meldete sich Dr. Anette Dassau, stellvertretende Geschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbandes Bayern, zu Wort: „Die Versorgung in einem Krankenhaus muss rund um die Uhr gewährleistet sein. Wie wollen Sie das nur mit Teilzeitkräften hinbekommen?“

Jens Flintrop

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