ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Riskanter Alkoholkonsum: Die Ansprache des Arztes wirkt

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Riskanter Alkoholkonsum: Die Ansprache des Arztes wirkt

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-978 / B-851 / C-847

Kunstmann, Wilfried; Mundle, Götz; Ascheraden, Christoph von

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Die Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!“ vom 25. Mai bis 2. Juni informiert über riskante Konsumgewohnheiten. Ärztinnen und Ärzte können entscheidend zur Suchtprävention beitragen.

Saufen bis zum Umfallen: Allein im Jahr 2011 mussten mehr als 26 000 Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung akut stationär behandelt werden. Foto: picture alliance
Saufen bis zum Umfallen: Allein im Jahr 2011 mussten mehr als 26 000 Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung akut stationär behandelt werden. Foto: picture alliance

Deutschland befindet sich hinsichtlich des Alkoholkonsums seiner Bürger in der Spitzengruppe westeuropäischer Länder. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von etwa zehn Litern reinen Alkohols belegt es hinter Portugal, Spanien und Österreich Platz 4 (1). 9,5 Millionen Menschen konsumieren hierzulande Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, was bei Männern mehr als zwei alkoholischen Getränken (24 g) und bei Frauen mehr als einem (12 g) pro Tag entspricht. Einen schädlichen Gebrauch (gemäß ICD-10, F10.1) betreiben zwei Millionen Deutsche, während eine Alkoholabhängigkeit (ICD-10, F10.2) bei etwa 1,3 Millionen Menschen vorliegt. Somit trinkt in Deutschland ungefähr jeder siebte Erwachsene regelmäßig Alkohol in gesundheitlich schädlichen Mengen.

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Aber auch der Konsum der unter 18-Jährigen ist besorgniserregend: So mussten allein im Jahr 2011 mehr als 26 000 Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung akut stationär behandelt werden (2). Insgesamt sterben jährlich 73 000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen des Alkoholkonsums: 20-mal mehr als im Straßenverkehr.

Aktionswoche soll die Bevölkerung aufklären

Die genannten Zahlen sind Grund genug, das Thema Alkohol einer breiten Öffentlichkeit näher ins Bewusstsein zu bringen. Dies wird auch in diesem Jahr wieder im Rahmen der „Aktionswoche Alkohol“ geschehen, die von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen und der Drogenbeauftragten der Bundesregierung gemeinsam mit regionalen Partnern ausgerichtet wird. Für die Woche zwischen dem 25. Mai und 2. Juni sind unter dem Motto „Alkohol? Weniger ist besser!“ vielfältige Aktionen geplant, mit denen die Bevölkerung über einen riskanten Alkoholkonsum aufgeklärt werden soll (www.aktionswoche-alkohol.de).

Ärztinnen und Ärzte können im besonderen Maße einen Beitrag zur Reduktion eines gefährlichen Alkoholkonsums leisten, sei es in der eigenen Praxis oder auf der Station ihres Krankenhauses. Aus Untersuchungen ist bekannt, dass nahezu jeder zehnte Patient in der niedergelassenen Praxis und jeder fünfte Krankenhauspatient alkoholbezogene Probleme aufweist (3). Die gute Nachricht dabei ist, dass wissenschaftliche Studien zeigen, dass eine Ansprache Betroffener durch den Arzt hochwirksam ist und bei bis zu 50 Prozent der Patienten eine Reduktion des Alkoholkonsums bewirken kann (4).

Doch wann ist es ein geeigneter Zeitpunkt, das Thema Alkoholkonsum Patienten gegenüber anzusprechen, ohne damit den Eindruck zu vermitteln, sie lediglich stigmatisieren oder ihnen die Freude am Genuss nehmen zu wollen? Während einige Empfehlungen sogar dazu raten, jeden Patientenkontakt für eine entsprechende Ansprache zu nutzen (5), empfiehlt die Bundes­ärzte­kammer, sich bei der Aufnahme neuer Patienten ein umfassendes Bild über mögliche Krankheitsrisiken zu verschaffen, was auch den Suchtmittelkonsum miteinschließt (6). Geeignete Anlässe sind darüber hinaus allgemeine Vorsorgeuntersuchungen sowie krankheitsbezogene Beratungsanlässe, die in einem kausalen Zusammenhang zu einem erhöhten Alkoholkonsum stehen könnten. Die Aktionswoche bietet einen weiteren Rahmen, das Thema anzusprechen.

Strukturierte Programme zur Trinkkontrolle

Abhängig vom festgestellten Ausmaß des Alkoholkonsums wird die ärztliche Intervention sehr unterschiedlich ausfallen: So werden in den meisten Fällen eine Information über die schädlichen Folgen des Alkoholkonsums und ein Hinweis auf die Höchstgrenze von zwei (Männer) beziehungsweise einem (Frauen) alkoholischen Getränk pro Tag ausreichen. Ein alkoholisches Getränk à 10 g Alkohol entspricht etwa 0,25 l Bier, 0,1 l Wein oder 4 cl Schnaps (Grafik). Alkoholfreie Tage sollten immer eingeschoben werden. Bei Patienten, bei denen aufgrund ihrer Selbstangaben zum Alkoholkonsum und einer weitergehenden Diagnostik einschließlich ergänzend erhobener Laborbefunde Hinweise auf einen schädlichen Konsum bestehen, sollte je nach Schwere der Folgeschäden eine zeitlich begrenzte Abstinenz oder eine Trinkmengenreduktion angestrebt werden. Hierfür stehen strukturierte Programme zur Verfügung (www.kenn-dein-limit.de/alkohol/schaedlicher-konsum/trinktagebuch). Anhand eines Trinktagebuchs, das dem Patienten ausgehändigt wird, können die Trinkmengen dokumentiert und bei Folgeterminen gemeinsam mit den im Verlauf erhobenen Laborbefunden besprochen werden.

Menge an reinem Alkohol pro Getränk
Menge an reinem Alkohol pro Getränk
Grafik
Menge an reinem Alkohol pro Getränk

Besteht der Verdacht auf eine bereits entwickelte Alkoholabhängigkeit, sollten eine Entwöhnungstherapie mit vorheriger klinischer Entgiftung thematisiert und der Patient dafür motiviert werden. Abhängig von der eigenen suchtmedizinischen Kompetenz kann es sinnvoll sein, an einen ärztlichen Kollegen mit suchtmedizinischer Qualifikation, an einen entsprechend ausgewiesenen Psychiater oder an ein suchtmedizinisches Zentrum zu überweisen. Auch sollte die Kontaktaufnahme mit einer Suchtberatungsstelle und/oder einer Selbsthilfegruppe empfohlen und diese nach Möglichkeit bereits über die Praxis angebahnt werden. Bei allen weitergehenden Maßnahmen empfiehlt sich die Einbindung relevanter Bezugspersonen.

Schwangere und Frauen, die eine Schwangerschaft planen, sollten dringend auf einen konsequenten Alkoholverzicht hingewiesen werden. Laut der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen konsumieren etwa 14 Prozent der werdenden Mütter in ihrer Schwangerschaft Alkohol (7). Von 1 000 Neugeborenen in Deutschland weisen vier bis sechs alkoholbedingte Schäden auf, die damit eine der häufigsten angeborenen Erkrankungen darstellen. Das Vollbild eines fetalen Alkoholsyndroms tritt nach Schätzungen in 0,2 bis 0,8 von 1 000 Geburten auf (8). Offensichtlich werden die Gefahren des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft weiterhin unterschätzt.

Unterstützende Materialien für die ärztliche Beratung

Für die Aktionswoche stellt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen eine Vielfalt an Materialien zur Verfügung, die über die Homepage www.aktionswoche-alkohol.de kostenfrei angefordert und für die Patientenansprache eingesetzt beziehungsweise in der Praxis ausgelegt werden können. Dazu gehören Poster, Broschüren und Factsheets zum Thema Alkohol sowie ein Selbsttest, anhand dessen Patienten – zum Beispiel während ihrer Praxiswartezeit – ihr eigenes Trinkverhalten überprüfen können.

Über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung können gemeinsam mit der Bundes­ärzte­kammer erstellte Beratungsmaterialien, Kurzfragebögen und Trinktagebücher angefordert werden, die es dem Arzt erleichtern, das Thema seinen Patienten gegenüber anzusprechen, konsumierte Alkoholmengen zu dokumentieren und gesundheitlich zu bewerten, schädlichen Gebrauch und Abhängigkeit zu diagnostizieren und weitergehende Schritte einzuleiten (9).

Darüber hinaus erleichtert es die Beratung, wenn man über die Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe der eigenen Region gut informiert und mit ihnen vernetzt ist. Die Aktionswoche bietet hierzu Möglichkeiten zur Information und Kontaktaufnahme. Adressen und Ansprechpartner können über die regionalen Landesstellen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen unter www.dhs.de/einrichtungssuche.html abgerufen werden.

Dr. Wilfried Kunstmann
Prof. Dr. med. Götz Mundle
Dr. med. Christoph von Ascheraden

Anschrift für die Verfasser
Dr. Wilfried Kunstmann, Bundes­ärzte­kammer,
Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin,
cme@baek.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2013

1.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Jahrbuch Sucht 2013, Pabst Science Publishers 2013.
2.
Statistisches Bundesamt: Diagnose Alkoholmissbrauch: 2011 wieder mehr Kinder und Jugendliche stationär behandelt, Pressemitteilung vom 5. Februar 2013 – 44/13.
3.
John U, Rumpf H-J, Hapke U: Estimating prevelance of alcohol abuse and dependence in one general hospital: An approach to reduce sample selection bias. Alcohol and Alcoholism 1999; 34: 786–94 CrossRef MEDLINE
4.
Moyer A, Finney JW, Swearingen CE, Vergun P: Brief interventions for alcohol problems: A meta-analytic review of controlled investigations in treatment-seeking and non-treatmentseeking populations. Addiction 2002; 97: 279–92 CrossRef MEDLINE
5.
Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht): Konsensuspapier zur Frühinterventionsmaßnahmen bei problematischen Alkoholkonsum in der medizinischen Grundversorgung, Sucht 2009; 55(6): 372–73 CrossRef
6.
Bundes­ärzte­kammer und Fachverband Sucht e.V.: Gemeinsames Positionspapier „Hausärztliche Versorgung und Suchtbehandlung – Erkennen, Steuern, Handeln“, Sucht Aktuell 2011; 1: 60–4.
7.
Bergmann KE, Bergmann RL, Ellert U, Dudenhausen JW: Perinatale Einflussfaktoren auf die spätere Gesundheit. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitsurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt 2007, 50: 670–76 CrossRef MEDLINE
8.
Landgraf M, Heinen F: Diagnostik des Fetalen Alkoholsyndroms, AWMF-S3-Leitlinie 2012, Registernr.: 022–25.
9.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Kurzintervention bei Patienten mit Alkoholproblemen – Ein Beratungsleitfaden für die ärztliche Praxis, BZgA 2009.
Menge an reinem Alkohol pro Getränk
Menge an reinem Alkohol pro Getränk
Grafik
Menge an reinem Alkohol pro Getränk
1. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Jahrbuch Sucht 2013, Pabst Science Publishers 2013.
2. Statistisches Bundesamt: Diagnose Alkoholmissbrauch: 2011 wieder mehr Kinder und Jugendliche stationär behandelt, Pressemitteilung vom 5. Februar 2013 – 44/13.
3.John U, Rumpf H-J, Hapke U: Estimating prevelance of alcohol abuse and dependence in one general hospital: An approach to reduce sample selection bias. Alcohol and Alcoholism 1999; 34: 786–94 CrossRef MEDLINE
4.Moyer A, Finney JW, Swearingen CE, Vergun P: Brief interventions for alcohol problems: A meta-analytic review of controlled investigations in treatment-seeking and non-treatmentseeking populations. Addiction 2002; 97: 279–92 CrossRef MEDLINE
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6.Bundes­ärzte­kammer und Fachverband Sucht e.V.: Gemeinsames Positionspapier „Hausärztliche Versorgung und Suchtbehandlung – Erkennen, Steuern, Handeln“, Sucht Aktuell 2011; 1: 60–4.
7.Bergmann KE, Bergmann RL, Ellert U, Dudenhausen JW: Perinatale Einflussfaktoren auf die spätere Gesundheit. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitsurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt 2007, 50: 670–76 CrossRef MEDLINE
8. Landgraf M, Heinen F: Diagnostik des Fetalen Alkoholsyndroms, AWMF-S3-Leitlinie 2012, Registernr.: 022–25.
9.Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Kurzintervention bei Patienten mit Alkoholproblemen – Ein Beratungsleitfaden für die ärztliche Praxis, BZgA 2009.

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