ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2013Zum 116. Deutschen Ärztetag in Hannover: „Das Arztsein als solches ist zeitlos“

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Zum 116. Deutschen Ärztetag in Hannover: „Das Arztsein als solches ist zeitlos“

Dtsch Arztebl 2013; 110(20): A-980 / B-858 / C-854

Krannich, Stephanie

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In der niedersächsischen Landeshauptstadt findet in diesem Jahr der 116. Deutsche Ärztetag statt. Es ist dort der vierte seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Rückblick darauf und ein Blick auf die Sehenswürdigkeiten Hannovers und Niedersachsens

Die Skyline von Hannover – Blick vom Neuen Rathaus, Foto: Fotolia/mapics
Die Skyline von Hannover – Blick vom Neuen Rathaus, Foto: Fotolia/mapics

Alle Jahre wieder berät und diskutiert das Parlament der Ärzte im Rahmen von inzwischen 115 Deutschen Ärztetagen mit viel Herzblut über Belange der deutschen Ärzteschaft. In diesem Jahr findet zum vierten Mal nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Deutscher Ärztetag in Hannover statt. Tagesordnungspunkte sind diesmal unter anderem die Anforderungen an eine Kran­ken­ver­siche­rung in der Zukunft, gesundheitliche Auswirkungen von Armut, aber auch die regelmäßig wiederkehrenden Themen Überarbeitung der (Muster-)Fortbildungsordnung, Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung sowie die Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Ärztetages. Einer der bekanntesten Niedersachsen, Wilhelm Busch, lässt sich an dieser Stelle trefflich zitieren: „Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.“

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Ein kurzer Rückblick in die Chroniken Niedersächsischer Ärzteblätter soll die jeweilige damalige (berufs-)politische Lage im Nachkriegsdeutschland, den Zeiten des Wirtschaftswunders und direkt am Tag nach der Katastrophe von Tschernobyl erhellen sowie zur Entdeckung verschiedener Kleinoden anregen.

52. Deutscher Ärztetag 1949

Über dem Tagungsort, der Niedersachsenhalle, ragte noch der zerstörte Kuppelbau der Stadthalle empor. Im Niedersächsischen Ärzteblatt vom 1. September 1949 schrieb der Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. med. Ludwig Sievers: Möge der Ärztetag . . . dazu beitragen, den Willen der Ärzteschaft zum gemeinsamen Handeln zu stärken, Zweifelsfragen zu klären, die Not des Ärztestandes klarzulegen und Wege zur Linderung zu finden. Hierzu sollen insbesondere die Behandlung sozialhygienischer und standespolitischer Fragen, der Berufsordnung, der Flüchtlingsprobleme und der Gestaltung der ärztlichen Fürsorge und Versorgung für alte Ärzte und Arzthinterbliebene dienen.“

Der damalige Ehrenpräsident Dr. med. Erich Rosenberg führte unter anderem aus: . . . so möchte ich zunächst der Kollegen gedenken, welche immer noch das bittere Los der Kriegsgefangenschaft tragen müssen; in alter Verbundenheit grüßen wir die Kollegen in Berlin und der Ostzone, die so schwer unter den inneren Unfreiheiten leiden müssen. [. . .] Vielleicht aber gestatten Sie mir, einige wenige Worte über die Stellung des deutschen Arztes nach dem Umbruch zu sagen. Da bin ich in der glücklichen Lage feststellen zu können, dass trotz allem Schweren, was uns der völlige Zusammenbruch unseres Vaterlandes an körperlicher, geistiger und seelischer Not auferlegt hat, die grundsätzliche Einstellung zu dem eigentlichen inneren Wesen unseres schönen Berufes dieselbe geblieben ist. Das Arztsein als solches ist zeitlos, entstanden aus dem körperlichen und seelischen Leid der Kreatur, welche nach sachverständiger Hilfe ruft . . . Mit schmerzlichem Bedauern haben wir aus den Nürnberger Verhandlungen ersehen müssen, dass sich eine kleine Ärztegruppe hat dazu bestimmen lassen, Handlungen vorzunehmen, die unserem Berufsethos und jeder Menschlichkeit ins Gesicht schlagen. [. . .] Trotz der äußerlich noch festen Fassade hockt in manchem Arzthaus Frau Sorge, und der ärztliche Beruf erfordert heute mehr denn je jenen Idealismus, der hier und da auch in dem warmen Aufleuchten eines dankbaren Auges oder dem stummen Druck einer schwieligen Hand seinen Lohn findet.“

72. Deutscher Ärztetag, 1969

Viele Ärzte, die den 52. Deutschen Ärztetag in Hannover miterlebt hatten, waren von den beeindruckenden Wiederaufbauleistungen in der damals fast vollständig zerstörten Stadt beeindruckt. Prof. Dr. med. Ernst Fromm, Präsident des Deutschen Ärztetages und der Bundes­ärzte­kammer, bemerkte, man fühle sich heute genauso wohl wie damals, nur sei, wie man sehe, die Prosperität an der Stadt und den Ärzten nicht spurlos vorübergegangen.“ Themen dieses Ärztetages waren unter anderem die Ausübung der Heilkunde durch Nichtärzte und eine Neufassung der Berufsordnung für die deutschen Ärzte. Der damalige Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Prof. Dr. med. Paul Eckel, Vater des diesjährigen Ehrenpräsidenten, bemerkte: „Ich hoffe, dass aber auch die Kollegen, die infolge Zeitmangels nicht selbst nach Hannover kommen können, das für die gesamte Ärzteschaft bedeutungsvolle Ereignis zum Anlaß nehmen, sich der Notwendigkeit einer fest in sich gefügten Ärztegemeinschaft zu erinnern. Die Grundlage hierfür ist die ,Berufsordnung für die deutschen Ärzte‘, die – ein Hauptthema des diesjährigen Ärztetages – neu gefaßt und den Zeiterfordernissen angepaßt werden soll.“

89. Deutscher Ärztetag, 1986

Dieser wurde im Wesentlichen von dem Thema „Umwelt und Gesundheit“ geprägt. Prof. Dr. med. Heyo Eckel, damals Mitglied des Vorstandes der Ärztekammer Niedersachsen, führte in das Thema ein, das angesichts der am Tag zuvor ausgebrochenen Katastrophe von Tschernobyl von besonderer Relevanz war. Daraus resultierte auch eine vielbeachtete Entschließung des 89. Deutschen Ärztetages, in der es heißt: Der Deutsche Ärztetag ist tief befremdet darüber, dass in der Sowjetunion Kernkraftwerke betrieben werden dürfen, deren Sicherheit am unteren Ende des internationalen Standards angesiedelt ist.“ Seinen großen persönlichen Beitrag zu einem umstrittenen Thema leistete auch der damalige Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. med. Gustav Osterwald. Ihm war die eindeutige Meinungsbildung des Ärztetages zur Katastrophenmedizin, zur Warnung vor Gewalt, Krieg und Atomkrieg wesentlich mit zu verdanken. Der damalige Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Karsten Vilmar, befasste sich im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung in einem zukunftsweisenden Referat mit dem Thema „Gesundheit 2000 – ökonomische oder medizinische Prioritäten?“ Legendär und bis heute noch Gesprächsgegenstand war der Auftritt Freddy Quinns mit zwei Elefanten im Rahmen des festlichen Gesellschaftsabends im Kuppelsaal des Kongresszentrums.

Der 72. Deutsche Ärztetag 1969 fand ebenfalls in Hannover statt: Die Redaktion hat in Archiven geforscht und Video- und Bildmaterial gefunden: www.aerzteblatt.de/aerztetag2013
Der 72. Deutsche Ärztetag 1969 fand ebenfalls in Hannover statt: Die Redaktion hat in Archiven geforscht und Video- und Bildmaterial gefunden: www.aerzteblatt.de/aerztetag2013

Messe- und Universitätsstadt

„Ich hoffe, dass Sie am Rande der Plenarsitzungen ein wenig Zeit finden, Hannover zu entdecken“, schrieb der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, in der Einladung zum diesjährigen Deutschen Ärztetag. Hannover ist die Landeshauptstadt des nach Bayern größten Bundeslandes der Bundesrepublik. Die berühmten 300 Jahre alten Königsgärten des Frühbarocks in Herrenhausen, historisch geprägte Bauwerke wie Leineschloss, Fachwerkhäuser am Ballhof, Beginenturm, Stadtmauer und alte Kirchen setzen besondere Akzente inmitten moderner Neubauten. Theater, Museen, Bibliotheken und Hochschulen belegen, dass Hannover kultureller Mittelpunkt Niedersachsens ist. Man kann sich zur Erkundung von 36 Sehenswürdigkeiten an einem 4,2 km langen, auf das Straßenpflaster aufgemalten „roten Faden“ der Innenstadt orientieren. Daneben ist Hannover eine wichtige Messestadt.

Bedeutende Hochschulen der Stadt sind die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität, die 1965 gegründete Medizinische Hochschule, die Tierärztliche Hochschule Hannover – 1787 als Königliche Roß-Arzney-Schule eröffnet und 1887 zur Hochschule erhoben – ferner die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, zu der Studenten aus aller Welt strömen.

Die Regionen Niedersachsens

Alle Regionen Niedersachsens haben ihr eigenes Gesicht mit zum Teil herausragenden Kulturgütern: die Nordseeküste mit den ihnen vorgelagerten (Bäder-)Inseln, die Lüneburger Heide, der Harz mit der 1000-jährigen Kaiserstadt Goslar. Das Weserbergland ist geprägt von zahlreichen heilkräftigen Brunnen und Badeorten, dessen bekanntester Bad Pyrmont ist. Die Straße der Weserrenaissance bietet eine Vielzahl eindrucksvoller Gebäude der Sandsteinarchitektur. Besuchenswert sind die Klöster von Bursfelde und Corvey. Im benachbarten Höxter ist das „Forum Jacob Pins“ sehenswert, das Ausdruck einer kaum für möglich gehaltenen Versöhnung eines weltbekannten, emigrierten jüdischen Malers mit seiner Heimatstadt ist. Weitere Kulturzentren sind neben vielen anderen Braunschweig, Osnabrück und die Universitätsstadt Göttingen.

Herausragende Ärzte

Eine Tour d’Horizon in einem Ärzteblatt wäre unvollständig ohne die Erwähnung einiger herausragender Ärzte, die in Hannover beziehungsweise Niedersachsen gewirkt haben: so der Arzt Johann Georg Zimmermann, ein Schweizer Arzt, Gelehrter, Philosoph und Schriftsteller, der seit 1786 in Hannover wirkte und ebendort 1795 starb. Er hatte in Göttingen unter anderem Medizin studiert. Seit 1768 war er als „Königlich Großbritannischer Hofrat und Leibarzt“ am Hof Georgs III. tätig. „Als letzte Hoffnung” behandelte er den preußischen König Friedrich II. im Juni und Juli 1768 in Potsdam und Sanssouci. Friedrich der Große soll Georg Ritter von Zimmermann gefragt haben: „Wie viele Kirchhöfe haben Sie angefüllt?“ – Und Zimmermann soll geantwortet haben: „Nicht so viele wie Eure Majestät, aber auch nicht mit so vielem Ruhme.“ Zimmermanns Hauptwerk „Über die Einsamkeit“ spielte bei der Diskussion über das aktuelle Thema Melancholie eine große Rolle. Sein Grab befindet sich auf dem Neustädter Friedhof in Hannover, einem denkmalgeschützten Park am Königsworther Platz. Dort findet man auch das Grabmal des Arztes Johann Stieglitz, das die Inschrift trägt: „Zu helfen der leidenden Menschheit, zu streben nach Wahrheit, zu beglücken die Seinen, war bis zum letzten Athemzuge seines schönen Lebens heiliger Zweck.“ Er wurde 1802 Hofmedikus, 1806 Königlicher Leibarzt, 1820 Hofrat und 1832 Obermedizinalrat und Direktor des Obermedizinalkollegiums in Hannover. Diese bürgerliche Karriere wäre dem konvertierten Israel Stieglitz ohne christliche Taufe nicht möglich gewesen. Carl Georg Heinrich Mühry (1806–1840) studierte in Hannover und Göttingen. Aus gesundheitlichen Gründen ließ er sich 1832 auf Norderney als Badearzt nieder. Louis Strohmeyer (1804–1876) wirkte als Chirurg und Generalarzt im Ausland und hatte Professuren in Erlangen, München, Freiburg, London und Kiel. 1851 ernannte man ihn zum Generalstabsarzt der Schleswig-Holsteinischen Armee und berief ihn 1854 als Chef des Hannoverschen Heeressanitätswesens. Er nahm 1866 an der Schlacht von Langensalza und 1870 an der Schlacht von Sedan teil. Nach ihm ist der Strohmeyer-Haken benannt. Sein Denkmal befindet sich an der Georgstraße nahe dem Opernhaus.

Der Holzmarkt liegt am Rande der Altstadt Hannovers in Nähe der Leine. Dort befinden sich schöne, zum Teil rekonstruierte Fachwerkhäuser. Foto: Fotolia/johar
Der Holzmarkt liegt am Rande der Altstadt Hannovers in Nähe der Leine. Dort befinden sich schöne, zum Teil rekonstruierte Fachwerkhäuser. Foto: Fotolia/johar

Dr. Eisenbart (1663–1727), der sein Gewerbe im Umherziehen an nachweislich 83 Orten ausübte, kurierte hauptsächlich Augenleiden (Staroperationen), Leisten- und Hodenbrüche, Blasensteine, Hasenscharten und Krebs. Am 1. September 1727 machte er in Göttingen sein Testament. Am 11. November 1727 starb er in Hann.-Münden. Sein Sterbehaus, das damalige „Gasthaus zum wilden Mann“ befindet sich an der Langen Straße 79. Beigesetzt ist er in der Gruft im Chorraum vor dem Altar in der St.-Aegidien-Kirche, an deren Nordseite sein barocker Grabstein aufgestellt ist.

Der Arzt Peter Bamm (1897– 1975, eigentlich Dr. Curt Emmrich) fand seine letzte Ruhe auf dem sehenswerten Stöckener Friedhof in Hannover. Ihm verlieh die deutschen Ärzteschaft 1960 die Paracelsus-Medaille. Er war auch Journalist und Schriftsteller, veröffentlichte zahlreiche, interessante Feuilletons, naturwissenschaftliche, medizinische Essays, kulturhistorische Reiseberichte und anderes. Zu seinen bekannten und lesenswerten Werken gehören „Ex ovo. Essays über die Medizin“, „Frühe Stätten der Christenheit“ (Reisebericht) sowie die Autobiografie „Eines Menschen Zeit“. Er stellte fest: „Die Forderungen, die an den Arzt gestellt werden, werden immer über das hinausgehen, was ein einzelner Mensch zu leisten vermag.“

Dr. med. Stephanie Krannich

www.aerzteblatt.de/aerztetag2013

Der 72. Deutsche Ärztetag 1969 fand ebenfalls in Hannover statt: Die Redaktion hat in Archiven geforscht und Video- und Bildmaterial gefunden: www.aerzteblatt.de/aerztetag2013

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