ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2013Kursrallye am Aktienmarkt: Lohnt der Einstieg noch?

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Kursrallye am Aktienmarkt: Lohnt der Einstieg noch?

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1054 / C-914

Fischer, Leo

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Nur wenige Bundesbürger haben bislang von den Kursaufschwüngen profitiert.

Sell in May and go away – diese alte Börsenweisheit scheint in diesem Jahr ein schlechter Ratgeber gewesen zu sein. Am zweiten Börsentag im Mai kletterte der Deutsche Aktienindex DAX zum ersten Mal seit 2008 über die 8 000-Punkte-Marke. Die Steilvorlage hatte Mitte März die Wall Street geliefert, als der Dow Jones, das US-Börsenbarometer, mit 14 539,14 Punkten ein neues historisches Hoch markierte und damit den Rekord aus dem Jahr 2007 auslöschte. Inzwischen stieg der Dow Jones auf mehr als 15 000 Punkte.

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Aktien immer noch preiswert

Für Anleger stellt sich die Frage, ob eine längere Kursrallye eingeleitet wurde und es sich somit lohnt, auf den sich bereits in Fahrt befindlichen Börsenzug aufzuspringen. Martin Stürner, der Chef des Frankfurter Vermögensverwalters PEH, ist optimistisch: „Die Rallye ist fundamental gut untermauert“, sagte er unlängst auf dem Kongress der Anlegerzeitschrift „Fonds professionell“ in Wien. Deutsche Aktien seien nach dem jüngsten Höhenflug keineswegs zu hoch bewertet. Hinzu komme die im Vergleich zum Zinsniveau am Rentenmarkt sehr attraktive Dividendenrendite von 3,5 Prozent. In der Tat erscheinen Aktien im Vergleich zu Anleihen derzeit preiswert und unterbewertet. Bei den Bundesanleihen sind zudem auf mittlere Sicht Kursverluste zu befürchten. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihen liegt bei nur noch bei 1,8 Prozent – wegen der Niedrigzinspolitik, zu der sich die Europäische Zentralbank angesichts der Eurokrise und der hohen Verschuldung der Mitgliedstaaten gleichsam gezwungen sieht. Die hohe Liquidität gilt als Schmierstoff für die Börse und hat erheblich zur weltweiten Kursrallye beigetragen.

Gewiss, Aktien sind viel volatiler als Anleihen, und nach starken Kursgewinnen stellen sich regelmäßig auch Reaktionen nach unten ein. Aber diesen Kursschwankungen steht praktisch ein sicherer Kaufkraftverlust mit Anleihen gegenüber. Denn die Minizinsen reichen nicht aus, um die Teuerungsrate auszugleichen. Und wenn die Zinsen irgendwann einmal wieder steigen sollten, weil die Notenbank den Fuß vom Gaspedal nimmt, um inflationäre Tendenzen zu bremsen, drohen bei den umlaufenden Anleihen Kursverluste.

Die aktuelle Konjunkturentwicklung unterstützt die Aktie; die Weltwirtschaft hat die Talsohle offenbar überwunden. Eine Umfrage des Ifo-Instituts zeigt, dass sich die Konjunkturerwartungen im ersten Quartal 2013 weltweit verbessert haben und dass in der zweiten Jahreshälfte mit einer verstärkten Erholung gerechnet wird. Von einer flotten Konjunkturentwicklung, eigentlich Voraussetzung für einen Börsenboom, kann allerdings auch keine Rede sein.

Zu Aktien gibt es indes kaum eine Alternative, denn es handelt sich ähnlich wie bei der Immobilie um einen Sachwert, auch wenn die Kurse schwanken können. Dafür ist anders als bei der Immobilie ein schneller Ausstieg möglich. Und obwohl die Kurse schon gestiegen sind, ist die Bewertung von Aktien historisch gesehen noch immer günstig, gemessen am Kurs/Gewinn-Verhältnis. Das wird derzeit für den DAX auf gut elf geschätzt.

Jedoch haben nur wenige Bundesbürger von den Kursaufschwüngen des letzten Jahres (fast 30 Prozent am DAX gemessen) profitiert. Per Saldo ist die Zahl der Aktionäre 2012 wieder gesunken. Aber auch diejenigen, die dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt haben, könnten noch von weiteren Kursgewinnen profitieren. Denn der Kursrekord des Jahres ist nicht mit dem von 2007 zu vergleichen. In den DAX gehen die Dividenden ein. Der Kursindex, der keine Dividenden enthält, liegt etwa 30 Prozent unter dem DAX, der als Performanceindex berechnet wird. Die Haupt­ver­samm­lungssaison könnte weitere Impulse bringen. Allein die 30 im DAX enthaltenen Unternehmen werden mehr als 28 Milliarden Euro an Dividenden auszahlen, die teilweise zur Wiederanlage genutzt werden dürften.

Mahnende Stimmen

Es gibt indes auch Stimmen, die der Hausse nicht trauen. Ein Grund: Zahlreiche DAX-Werte haben die Verluste der beiden letzten Baissen (2000 und 2008) noch nicht wieder aufgeholt. Nur jede dritte DAX-Aktie notiert in der Nähe ihrer Rekordhochs, viele Werte liegen weit unter den Rekordkursen. Der DAX täuscht insofern, weil er anders als die Kurse der Einzeltitel die ausgeschütteten Dividenden so behandelt, als wenn sie reinvestiert worden wären. Die Einzeltitel werden dagegen vom Tag der Haupt­ver­samm­lung an ohne Dividende notiert. Der Dow Jones enthält die Ausschüttungen nicht, der Rekordstand ist hier also ausschließlich auf Kurssteigerungen zurückzuführen.

Dr. Leo Fischer

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