ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2013High Heels: Gut zu Fuß oder dumm gelaufen?

KULTUR

High Heels: Gut zu Fuß oder dumm gelaufen?

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1051 / B-917 / C-911

Strauss und Torney, Renate von

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High Heels – Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Foto: Fotolia/Sven Vietense
High Heels – Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Foto: Fotolia/Sven Vietense

Die heilsame Dekonstruktion eines alltäglichen Mythos

Die typisch weibliche Fußbekleidung ist als Schuh eine Fehlkonstruktion und im Gebrauch eine Fußfessel. Um misshandelte Frauenfüße aus ihrer kulturgeschichtlichen Zwangslage zu befreien, müssen wir die „mythische Aussage“ dechiffrieren und ihre scheinbar selbstverständliche erotische Bedeutung als eine zum Zeichen erstarrte Pose schmerzhafter Unbeweglichkeit verstehen.

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In seiner „Beantwortung der Frage: „Was ist Aufklärung?“ sorgte sich Immanuel Kant auch um das selbstständige Denkvermögen des ganzen schönen Geschlechts: Der Gängelwagen, ein Lauflerngerät für Kinder im 18. Jahrhundert, dient Kant hier als Bild für die Unselbstständigkeit des Denkens, und die Fähigkeit „allein zu gehen“ wird in Analogie zum eigenständigen Denken gebraucht. Von Fußschellen einer „immer währenden Unmündigkeit“ ist weiter die Rede: „Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist.“

Wenn wir nun im Umkehrschluss und aus heutiger Sicht vom weiblichen Gang auf die Fähigkeit zum eigenständigen Denken schließen würden, wie stünde dann das ganze schöne Geschlecht heute da? Mich reizt ein Versuch, das selbstständige Denken vom (metaphorischen) Kopf auf real existierende Frauenfüße zu stellen. Ganz im Gegensatz zur uneingeschränkten, grundgesetzlich garantierten Bewegungsfreiheit weiblicher Gedanken, werden die Füße des „ganzen schönen Geschlechts“ heute tatsächlich durch Fußschellen an ihrer artgerechten Bewegung gehindert.

Die positiven Attribute, die dem Frauenschuh zugesprochen werden, stehen im eklatanten Gegensatz zu seiner tatsächlichen pathogenen Wirkung. Der hohe Absatz fixiert den deformierten Fuß in einer schmerzhaften Pose, destabilisiert und behindert den physiologischen Gangablauf, um den weiblichen Körper in ein scheinbar erotisches Zeichen zu transformieren. Der Ausdruck weiblicher Sexualität gefriert in der vorgefertigten Schablone zum kollektiven Trugbild. Auf hohen Absätzen durch die Fußgängerzone zu stöckeln, entspricht nicht der weiblichen Natur.

Wenn eine Frau im 21. Jahrhundert dem Bild attraktiver Weiblichkeit entsprechen will, muss sie ihre Füße in einem Schraubstock zusammengepresst auf die Zehenspitzen stellen. So verliert der Fuß seine grundlegende physiologische Funktion, wird das Zusammenspiel von tragendem Knochengerüst, Muskelkraft, Blutversorgung und sensiblem Nervengeflecht tiefgreifend gestört. Im Zehenstand fixiert und in eine angeblich schöne Form gepresst, wird die anatomische Struktur der Frauenfüße destabilisiert und langfristig irreversibel deformiert. Pathogene Veränderungen der Fußstatik und der Gangparameter lassen sich in biomechanischen Funktionsanalysen nachweisen.

Ein reizvolles Beispiel weiblicher Gangart auf dem Aglauriden-Relief (um 400 vor Christus). Foto: Wikimedia Commons
Ein reizvolles Beispiel weiblicher Gangart auf dem Aglauriden-Relief (um 400 vor Christus). Foto: Wikimedia Commons

Hoher Absatz und enge, kurze Passform typischer Damenschuhe beeinträchtigen nicht nur die Funktion der Fußgelenke, sondern sie belasten ebenso auch die Kniegelenke, Hüftgelenke und die Wirbelsäule. Die Belastung und eingeschränkte Beweglichkeit in engen, zu kurzen Schuhen führt zu einem Spreizfuß und schmerzhaften Zehendeformitäten, wie Hallux valgus und Hammerzehen. Beidseitige Arthrosen im Kniegelenk sind bei Frauen fast doppelt so häufig wie bei Männern. Eine plausible Erklärung dafür liefern biomechanische Untersuchungen, die ergaben, dass auch beim Gang auf scheinbar bequemen, breiten, mäßig erhöhten Absätzen (wie sie von Frauen regelmäßig getragen werden) die Drehmomente im Kniegelenk im Vergleich zum Barfußgehen signifikant erhöht sind. In der Praxis machen Orthopäden häufig die Erfahrung, dass ihre Patientinnen den Zusammenhang zwischen ihren Fußproblemen und der Form ihrer Schuhe gar nicht wahrnehmen. Die Tatsache, dass der Vorfuß extrem zusammengepresst werden muss, um in den Schuh hineingezwängt zu werden, ist den meisten Frauen nicht bewusst.

Das Schönheitsideal der kleinen, zierlichen Frauenfüße lässt sich weit in der Kulturgeschichte zurückverfolgen und erreichte im sogenannten chinesischen Lotusfuß einen traurigen Höhepunkt. Bereits im 13. Jahrhundert war in China die Sitte weit verbreitet, die Füße kleiner Mädchen durch Verletzungen und Bandagen so zu verkrüppeln, dass sie in winzige, zehn bis 13 Zentimeter lange spitze Schuhe hineinpassten. Diese als „Lotus“ bezeichneten Füße, auf denen Frauen nur unter Schmerzen gehen konnten, galten ebenso wie der unsicher tippelnde Gang als erotisch und waren eine Voraussetzung für die standesgemäße Verheiratung des Mädchens. Erst nach Gründung der Volksrepublik China (1949) beendete ein Verbot der Regierung allmählich diese systematische Verstümmelung weiblicher Füße.

In der westlichen Zivilisation ist das Ideal der kleinen zierlichen Frauenfüße bis heute wirksam. Als ein besonderer Vorzug hoher Absätze wird häufig angeführt, sie würden den Fuß optisch verkürzen. Ganz unabhängig von der tatsächlichen Schuhgröße ist das Missverhältnis zwischen dem vorgegebenen Idealbild kleiner Füße und der eigenen (scheinbar immer unpassenden) körperlichen Realität beim Schuhkauf eine alltägliche weibliche Erfahrung, die nicht dem (unphysiologisch geformten) Schuh, sondern den eigenen Füßen angelastet wird. Denn die Form angeblich schöner Damenschuhe ignoriert die anatomischen Gegebenheiten unserer Füße vollständig.

Erst in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde der Schuh zu einem geschlechtsspezifischen Kleidungsstück, wohingegen er in den Jahrhunderten zuvor vor allem Standesunterschiede zum Ausdruck brachte. Zierliche Schuhe mit hohen Absätzen führte Ludwig XIV. (1638–1715) für Männer und Frauen im Zeitalter des Barocks ein. Sie blieben beim weiblichen Geschlecht meist unter langen Röcken verborgen. Männer dagegen zeigten gern viel Bein, wie Ludwig XIV. im Krönungsornat (1702) auf hohen Absätzen, die als Zeichen des Adels rot waren.

In der Französischen Revolution (1789–1792) verschwanden mit den ständischen Privilegien auch die hohen Absätze unter den Schuhen. Damen und Herren trugen in der Zeit des Direktoriums (1795– 1799) und im Kaiserreich Napoleon I. dünnsohlige Escarpins, flache Slipper aus Stoff oder dünnem Leder, die Vorbilder der heutigen Ballerinas. Im sogenannten zweiten Rokoko um 1850 kehrte der hohe Absatz unter den Schuhen zurück, jetzt allerdings ausschließlich als ein Merkmal weiblicher Fußbekleidung. Männerschuhe erhielten die auch gegenwärtig noch gültige Form praktischer Schnürstiefel und Halbschuhe.

Heute nehmen wir die barocke Körperinszenierung Ludwig XIV., die das schlanke Bein und den zierlich beschuhten Fuß auf hohen Absätzen hervorhebt, als typisch weibliche Körperhaltung wahr. Sie bestimmt unsere Vorstellung von attraktiver Weiblichkeit und prägt die Körperwahrnehmung einer Frau im 21. Jahrhundert, die sich mit diesem Körperbild identifiziert. Warum wird ein ursprünglich männliches Körperbild, das einer barocken Lebensform des Müßiggangs entsprach, heute von Frauen tradiert? Dieses Körperideal basiert auf dem Mythos einer als typisch weiblich geltenden Fußbekleidung, und es steht ganz offensichtlich im Widerspruch zu der Bewegungsfreiheit, die sich Frauen seit dem 19. Jahrhundert im gesellschaftlichen Leben erkämpft haben.

Wichtig erscheint es, dass frau die eigene Wahrnehmung und das selbstständige, weibliche Denken von einem deformierenden Mythos auf real existierende Frauenfüße stellt. Ein reizvolles Beispiel weiblicher Gangart ist auf dem abgebildeten Aglauriden-Relief (Vatikanische Museen) zu sehen. Ein griechischer Künstler zeigt (um 400 vor Christus) die anmutige Bewegung einer schreitenden jungen Frau. Der Fuß des Standbeins (links) ist flach auf den Boden aufgesetzt, während der Fuß des Spielbeins (rechts) schon bis auf die Zehen abgehoben ist, um im nächsten Moment nach vorn aufgesetzt zu werden.

Dieser Blick in die Kulturgeschichte macht deutlich, dass die Vorstellung vom attraktiven weiblichen Körper zeitbedingt und daher veränderbar ist, und dass es durchaus ein alternatives weibliches Körperbild gibt, das die weibliche Bewegungsfreiheit nicht einschränkt und sich dann auch von Kopf bis Fuß gut anfühlt.

Renate von Strauss und Torney

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