ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2013Berufsalltag: Lesbische Ärztinnen

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Berufsalltag: Lesbische Ärztinnen

Dtsch Arztebl 2013; 110(21): A-1046 / B-912 / C-908

Beckermann, Maria

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Die Frauenärztin Helga Seyler veröffentlicht die ersten qualitativen Forschungsergebnisse zu lesbischen Ärztinnen im deutschsprachigen Raum. Die gründlich reflektierten Ergebnisse zeigen, dass der Umgang mit Homosexualität am (ärztlichen) Arbeitsplatz für die Betroffenen auch heute nicht immer einfach ist.

Neben tiefen Einblicken in persönliche Erfahrungen garantiert das Buch einen Zuwachs an psychosozialem Wissen und vermittelt damit situativ angemessene Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Kolleginnen oder Patientinnen.

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Die Autorin hat aus zahlreichen Interviews zehn biografische Berichte von lesbischen Ärztinnen ausgewählt und wiedergegeben. Darüber hinaus hat sie Gruppendiskussionen ausgewertet und Schlüsse gezogen. Die Einzelberichte wirken durch ihre nüchterne und prägnante Darstellung jenseits jeglicher Larmoyanz und nehmen die Leserinnen und Leser mit in spannende Lebensgeschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Was ein Coming-out bedeuten kann, davon haben auch die heterosexuellen Leserinnen und Leser vermutlich eine Vorstellung. Aber dass in einer heteronormativen Gesellschaft das Abwägen, wo und wie viel die Frauen von sich offenbaren wollen, niemals aufhört, und was das im Alltag bedeutet, darüber haben sich die wenigsten wohl kaum je Gedanken gemacht. Dabei geht es im Beruf um mehr als um Empfindlichkeiten, oft geht es um die Existenz.

Der größte Teil der Bevölkerung ist gegen die Benachteiligung Homosexueller. Aber manchen ist gar nicht bewusst, dass sie mit gut gemeinten Bemerkungen Klischees transportieren, die nichts anderes sind als Diskriminierungen.

Helga Seyler zeigt durch die sensible Aufarbeitung der Erfahrungsberichte, wie weitreichend der Einfluss der sexuellen Orientierung im Berufsleben ist, auch oder gerade weil Probleme meist weder von den Frauen selbst noch im Umfeld zum Thema gemacht werden. Es gibt eine Art stillschweigendes Einverständnis darüber, dass es heute kein Problem mehr ist, homosexuell zu sein. Daher machen Lesben Konflikte und Belastungen, aber auch Stolz und Freude mit sich allein oder im ganz intimen Rahmen aus, denn welche toughe Lesbe und Ärztin möchte heute noch als Diskriminierungsopfer dastehen?

Und so haben die vielen wohlwollenden Heteros und Heteras auch kaum eine Chance, sensibel zu reagieren. Wie sollen sie denn um die Alltagsrealität von Lesben wissen, es sei denn, sie haben die Gelegenheit, im engen Bekanntenkreis an deren Freud und Leid teilzunehmen.

Diese Wissenslücke kann Helga Seylers Buch schließen. Die Leserinnen und Leser werden von den offenen und ehrlichen Einblicken in das Leben der Ärztinnen berührt sein. Die durchgängige Wertschätzung der Autorin für jede einzelne Interviewpartnerin kann einen weiten Raum öffnen für Verständnis, für Hochachtung, sogar für Nähe, wo vorher Fremdheit war. Insofern bereichert dieses Buch nicht nur unser Wissen über den Einfluss der sexuellen Orientierung auf das Berufsleben. Es schafft Verbindung und „normalisiert“ bei aller Unterschiedlichkeit. Maria Beckermann

Helga Seyler: Lesbische Ärztinnen. Erfahrungen und Strategien im Berufsleben. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2013, 199 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro

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